Tolle Perspektiven! Im Jahr 2050 – da wäre ich 81 Jahre alt – haben Millionen Deutsche das Greisenalter erreicht „und leben dennoch selbstbestimmt zu Hause. Sie sind sozial aktiv, viele noch berufstätig“. Unterstützt werde ich im 95. Semester meiner Professorentätigkeit von leistungsfähigen Robotern, die putzen, bügeln und mich füttern. „Sie erkennen Emotionen, gehen auf die Launen und Bedürfnisse ihrer Besitzer ein.“ An die Vorstellung einer Mensch-Maschine-WG muss ich mich noch gewöhnen. Dass im Jahr 2050 zwischen Lendenwirbel 5 und Kreuzbeinwirbel 1 eine neue Bandscheibe nachgewachsen sein soll, ist für mich auf alle Fälle eine schöne Aussicht. Und in meinem Elektroauto kann ich keine Fahrfehler machen. Es wird autonom gesteuert. Nachzulesen sind diese Prognosen in diesem kurzweiligen Artikel aus dem Manager Magazin, aus dem auch die beiden wörtlichen Zitate stammen:

Prognosen sind Voraussagen. Sie beschreiben erwartete zukünftige Entwicklungen. Im Rückblick können sich Prognosen als Volltreffer, aber auch totale Fehleinschätzung herausstellen. Mit seiner Einschätzung der Zukunft des Automobils („Ich glaube an das Pferd“) lag Kaiser Wilhelm II. daneben. Zur Kategorie Volltreffer zählt für mich dagegen Gordon Moores Voraussage von 1965, die Anzahl integrierter Schaltkreise auf einem Computerchip würde sich dauerhaft im Jahresrhythmus verdoppeln („Moore’s Law“, → hier geht’s zum Original-Aufsatz). Das Entwicklungstempo erwies sich zwar als etwas weniger schnell, aber der spätere Intel-Mitgründer Moore erkannte als einer der Ersten treffsicher die bevorstehende digitale Revolution.

Im Mai 2011 prognostizierte Eric Schmidt, heute Chef des Google-Verwaltungsrats, dass sich Moore’s Law noch mindestens ein, zwei Jahrzehnte fortsetzen wird. „Es sieht so aus“, ergänzte Schmidt in Bezug auf künftig verfügbare Speicherkapazitäten, „dass Sie im Jahre 2029 in einem einzigen Harddrive elf Petabytes (eine sehr große Zahl) digitalen Speicher für weniger als 100 Dollar kaufen können. Dieses Gerät wird nach meinen Berechnungen sechshundert Jahre lang jeden einzelnen Tag 24 Stunden lang in DVD-Video Qualität speichern können.“ (zitiert nach einem FAZ-Artikel von Frank Schirrmacher).

Vielleicht hätte Schmidt allgemeiner von „Data Storage Medium“ statt „Hard Drive“ sprechen sollen, denn ob das 600-Jahre-Videomaterial auf einer Festplatte, einem Flash-Speicherchip oder sonst etwas gespeichert wird, scheint noch nicht entschieden. Die Frage nach der Speichertechnologie ist in diesem Zusammenhang allerdings nachrangig. „Warum sollten Menschen das tun und wollen? Warum sollten sie zum Beispiel ihr Leben aufzeichnen?“, fragt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seiner Auseinandersetzung mit Schmidts Vortrag.

Es geht bei der technologischen Entwicklung nicht nur um das technisch Machbare, sondern auch um die Seite der Nutzer und deren Bedürfnisse, die z. B. auch von gesellschaftlichen und politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Zu dieser Aussage passt der Bericht „Zukunftsucher“, in dem die Arbeit der Society and Technology Research Group bei Daimler beschrieben wird.

Beim Versuch einer technologischen Voraussage auch auf die denkbaren Umfeldentwicklungen zu achten erhöht die Komplexität und erschwert es den Planern, eindeutige Prognosen treffen. Das Wort Prognose würden die Zukunftsucher bei Daimler deshalb „am liebsten gar nicht in den Mund“ nehmen.

„Die Zukunftsforscher arbeiten mit ‚Szenarien‘. Das Szenario, und das macht es sympathisch, ist die demütige Form der Prognose. Endgültige Voraussagen werden mit dieser Methodik nicht angestrebt, sondern verschiedene mögliche Zukünfte beschrieben. Und darunter gibt es wiederum mehr oder weniger wahrscheinliche und mehr oder weniger wünschenswerte.“
(aus dem oben genannten Bericht „Zukunftsucher“, Hervorhebung nicht im Original)

In der langfristigen Technologieplanung können Szenarien stark voneinander abweichen. Dies wurde beispielsweise auch beim Vortrag von Bernd Bohr, dem Chef der Bosch-Kfz-Sparte, deutlich (siehe den Blog-Eintrag „Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zum Elektrofahrzeug“). Im Szenario „Virtuelle Personenmobilität“, sind immer mehr Menschen nur noch virtuell (über das Internet), aber nicht mehr real mobil. Der Personenverkehr würde an Bedeutung verlieren. Denkbar ist aber auch eine Entwicklung, bei der ein eigener Pkw für viele ein wichtiges Statussymbol bleibt.

Ein interessantes aktuelles Beispiel rund um das Thema Prognosen und Szenarien liefern die Planungen für eine dritte Startbahn des Münchner Flughafens (siehe dazu diesen SZ-Artikel). Ende Juli 2011 wurde der Ausbau des Airports genehmigt. In der Süddeutschen Zeitung stand bald nach dem Beschluss zu lesen, die Prognose für das stark steigende Verkehrsaufkommen würde auf einem Weltmarktpreis von nur 50 Dollar für ein Barrel Rohöl im Jahr 2020 basieren. Dabei kostet ein solches 159-Liter-Fass schon heute über 100 Dollar. Ein 50-Dollar-Szenario, gewissermaßen ein Trendbruch „nach unten“, ist zwar grundsätzlich denkbar, aber höchst unwahrscheinlich. Der Flughafen München hat inzwischen klargestellt, dass das ursprüngliche Szenario Anfang 2010 überarbeitet wurde. Der Ölpreis im Jahr 2020 wird neuerdings bei 103 Dollar gesehen. Die Flughafenbetreiber prognostizieren auf der Grundlage dieser noch immer recht optimistische Einschätzung ein Verkehrsaufkommen von 58 Millionen Passagieren im Jahr 2025 (gegenüber 35 Millionen Passagieren 2010).

Schau’n wir 2025 mal. Vielleicht schon mit neuer Bandscheibe.