Im Auftrag von Bosch befragte ein Marktforschungsunternehmen im Januar 1.046 deutsche Autofahrer. Drei Viertel von ihnen sind angeblich total genervt vom Autoschlüssel. Ich hab‘ mal versucht, diesen dramatischen Befund mit einem schmissigen Bild auszudrücken. Das tolle Foto stammt von → dieser Seite, die Icons von → dieser.

Als großer Fan des schwäbischen High-Tech-Konzerns lasse ich mich über Neuigkeiten aus dem Hause Bosch per Newsletter informieren. Die Pressemitteilung „Der Autoschlüssel nervt drei Viertel der deutschen Autofahrer“, die Bosch vor ein paar Tagen veröffentlichte, ist eine echte Perle. Es geht nicht nur um nervige Autoschlüssel, sondern auch um ein Keyless-System, mit dem Bosch die seelischen Qualen der Autobesitzer lindern kann.

Der Reihe nach. Die Pressemitteilung enthält auch eine Fotostrecke zur Historie des Autoschlüssels. Man erfährt interessante Dinge, z. B. dass Autodiebstähle im Jahr 1900 auch ohne Schlüssel noch kein Problem waren. Das Anlassen war „ein komplexer Ablauf von etwa 10 Schritten, den nur gut geschulte Chauffeure beherrschten. Die Aktivierung der Zündung per Drehschalter war nur einer davon“. 1910 brauchte man dann erstmals einen Schlüssel zum Starten. Mit ihm ließ sich der Stromkreis für die Zündung schließen. Es folgten noch zahlreiche Verbesserungsinnovationen, unter anderem die Zentralverriegelung und Schlüssel mit Fernbedienung. Aber jetzt ist die Zeit reif für eine grundlegende Veränderung.

„In den letzten Jahren haben sich zahlreiche alltägliche Anwendungen und Geräte aufs Smartphone verlagert. Vor zehn Jahren war eine separate Kamera neben dem Handy selbstverständlich, heute ist das anders. Es ist Zeit, dass das Smartphone auch den Autoschlüssel ablöst“, sagt der Bosch-Manager Harald Kröger.

Das klingt irgendwie zwingend. Aber Bügeleisen und Stabmixer sind ebenfalls separate Geräte. Werden die bald auch ins Smartphone integriert?

Kontrast: 1910 brauchte man erstmals einen Schlüssel, um den Stromkreis für die Zündung zu schließen. Dagegen ist „Perfectly Keyless“ natürlich 100 Mal smarter (zum Vergrößern anklicken, Foto/Grafik: Bosch).

Dramaturgisch geschickt macht uns die Bosch-PM mit den Ergebnissen einer Umfrage bekannt. Im Januar 2019 wurden 1.046 deutsche Autofahrer zwischen 18 und 69 Jahren zum Thema Autoschlüssel befragt. Keine Autofahrerinnen? Egal. Rund 40 Prozent der Befragten, meldet Bosch, „können sich vorstellen, ihren Autoschlüssel durch eine Smartphone-App zu ersetzen“. Angesichts der „negativen Erlebnisse“, die „vor allem jüngere Autofahrer bis 40 Jahre und Vielfahrer“ mit dem traditionellen Schlüssel verbinden, ist das keine Überraschung.

Umfrageergebnisse zum Autoschlüssel als Nervfaktor
(zum Vergrößern anklicken, Grafik: Bosch).

Erstens sind 44 Prozent der befragten Autofahrer angeblich ständig auf der Suche nach dem Autoschlüssel. Steht auf der Bosch-Grafik „Autoschlüssel nerven“. Ständig? 24/7 auf der Suche – die Armen. Im Text der Pressemitteilung ist allerdings nur die Rede davon, dass 44 Prozent einen verlegten Autoschlüssel „erst nach langer Suche“ wiedergefunden hätten. Sooo groß sind die volkswirtschaftschaftlichen Wohlfahrtsverluste durch Autofahrer, die ihren Zündschlüssel nicht finden, also doch nicht.

Zweitens: Satte 94 Prozent der Umfrageteilnehmer brauchen den Autoschlüssel nicht als Statussymbol. Interessant, dass es bei immerhin 6 von 100 anders ist. Die brauchen den Autoschlüssel zum Angeben. Ich wäre, offen gestanden, gar nicht auf die Idee gekommen, dass manche den Schlüssel und nicht (nur) das Auto benötigen, um einen auf dicke Hose zu machen. Scheint aber eine realistische Größenordnung zu sein. In der TIM-Vorlesung am vergangenen Freitag waren ca. 20 Studis anwesend, denen ich zur Auflockerung die Umfrageergebnisse präsentierte. Ein Student meinte, beim Treffen mit seinen Kumpels in der Shisha-Bar sei das Autoschlüssel-gut-sichtbar-auf-den-Tisch-Legen ein unverzichtbarer Teil des Begrüßungsrituals. 1/20 = 5 Prozent. Der junge Herr C. musste allerdings selbst schmunzeln, vielleicht hat er ja → „garrr kein Auto“.

Zu den dramatischen Fakten, die Sie schon immer über Autoschlüssel wissen wollten, gehören drittens auch die „logistischen Probleme“. Fast die Hälfte der Befragten weiß einfach nicht, wohin mit dem Autoschlüssel, beispielsweise im Freibad. Oder am Strand. Smartphones (mit installierter „Perfectly Keyless“-App) sind viel praktischer. Man kann sie im Sand vergraben [→ Anm. 1]. Die wasserdichten Modelle kann man mit unter die Dusche nehmen. Oder man steckt sein Phone in einen modernen Brustbeutel. Ach, das könnte man mit einem Autoschlüssel auch machen? Was Sie nicht sagen!

Autoschlüssel nerven. Wohin damit im Freibad oder am Strand? Smartphones sind viel praktischer. Die kann man z. B. vergraben.

Sie sind nach diesem Feuerwerk der Argumente überzeugt, dass auch bei Ihnen das Smartphone endlich den Autoschlüssel ablösen sollte? Wenn Sie Ihr Auto behalten möchten, muss ich Ihre Euphorie leider dämpfen. Zumindest wenn Sie schon das „Perfectly Keyless“-System von Bosch ins Auge gefasst haben.

Auf meine Anfrage antwortet eine Mitarbeiterin der Presseabteilung: „Perfectly keyless ist ein System, das in der Erstausrüstung in ein Fahrzeug eingebaut werden muss. Ein nachträglicher Einbau ist nicht möglich, um die Sicherheit des Systems zu gewährleisten.“

Ach menno.

Anmerkungen:
[1] Auf die Idee mit dem Vergraben hat mich der Artikel „Wo verstecke ich mein Handy im Freibad?“ auf → mopo.de gebracht. Dort werden auch noch der Windel- und der Buchtrick beschrieben. Ich schwanke noch, ob ich die Tipps der Hamburger Morgenpost gedanklich unter „praktisch“ oder „gaga“ einordnen soll.[↑]

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