69 Jahre vor #HelmeRettenLeben setzte sich Dr. Charles F. Lombard von der University of Southern California einen Plastikhelm auf und ließ ein Pendel gegen seine geschützte Birne schwingen. Das Foto (ohne Spruch) findet man in der Library of Congress und online → im Fotoarchiv Shorpy.

Vor drei Wochen erregte die Kampagne #HelmeRettenLeben des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) kurz die Gemüter. Inzwischen hat sich der Sturm im Wasserglas zwar schon wieder gelegt. Trotzdem mal wieder ein guter Anlass, über Werbung zu schreiben. Leicht bekleidete Models werben auf Plakaten und in Videos dafür, Fahrradhelme aufzusetzen. Das sähe zwar sch…se aus, behauptet der Claim auf Englisch, aber Helme retten schließlich Leben. Ein Gesicht der Kampagne ist die 18-jährige Alicija, Kandidatin in Heidi Klums Castingshow Germany’s Next Topmodel (GNTM). Im Bildkasten unten habe ich Alicija ihren rotbehelmten Modelkollegen zur Seite gestellt. Mehr Helme, Haut und Höschen gibt’s auf einer Microsite des BMVI.

Motive der #HelmeRettenLeben-Kampagne des Bundesverkehrsministeriums. Kann mir eigentlich jemand sagen, weshalb er in GROSSEN und sie in kleinen Buchstaben blöd ausschaut? Bilder zum Vergrößern anklicken.

Verkehrsminister Andreas Scheuer erntete für die Kampagne viel Spott und Kritik. Mit einem kräftigen „Häh!?“ lässt sich zum Beispiel die Zusammenarbeit mit GNTM kommentieren. Da schließe ich mich der Sichtweise von Nils Pickert auf pinkstinks.de an:

„Verfährt die Koalition jetzt nach dem Prinzip Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Während das BMFSFJ Geld ausgibt, um über Aktionen wie »Not Heidis Girl« GNTM zu kritisieren, gibt das BMVI Geld dafür aus, GNTM zu promoten. Wir haben ein Video gegen ein sexistisches TV-Format produziert, das junge Frauen und Mädchen wiederholt erniedrigt, vorführt und bewusst ihre Grenzen verletzt. Das geschieht mittlerweile in der 14. Staffel.“ (BMFSFJ = Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

Vor allem wird die Kampagne als sexistisch kritisiert. Sexistische Werbung gibt es in verschiedenen Varianten. Auf der Suche nach Erläuterungen bin ich unter anderem auf diese Definition gestoßen: „Ganz klar sexistisch sind Werbemotive, die die Darstellung stark sexualisierter Frauen als reinen Blickfang ohne Produktbezug benutzen.“ (→ werbemelder.in). Und in München hat die Vollversammlung des Stadtrats vor ein paar Monaten beschlossen, sexistische und pornografische Werbung auf Werbeflächen der Stadt zu verbieten. Dort ist Werbung dann unzulässig, wenn sie „die sexuelle Attraktivität der Frau ohne Sachzusammenhang“ zeigt oder die Frauen „demütigt oder lächerlich macht“ (→ br.de).

In der Regel sieht man auf sexistischen Werbemotiven Frauen. Die sind zwar auf den #HelmeRettenLeben-Fotos in der Überzahl, aber auch zwei junge (Quoten-)Männer mussten sich bis auf Helm und Unterhose ausziehen. Dietmar Wischmeyer hat das in der „Heute Show“ schön aufgespießt. O-Ton: „Deutlich umschifft der Künstler [A. Scheuer] den Vorwurf des Sexismus, indem er einen übellaunigen Mann als Opfer darstellt“ (nach 1:04 min im eingebetteten Video).

Die allermeisten Menschen tragen, wenn sie Fahrradhelme aufsetzen, mehr Kleidung als Alicija und ihre Freunde. Der Sachzusammenhang zwischen Helm und freizügiger Bekleidung fehlt also. Das kann man kritisieren. Ich würde aber sagen, wir haben es hier mit einem minderschweren Fall zu tun. Zum Vergleichen bitte mal diesem → Link folgen. Die damalige Rüge durch den Werberat hat sich die Dieter Holschbach GmbH mit ihrer Darstellung einer nackten Frau als Blickfang ohne Produktbezug redlich verdient. Wenn Sie sich noch ein bisschen mehr fremdschämen wollen, können Sie sich in einem alten Video auf Youtube anschauen, wie Marco Holschbach erklärt, er hätte sich „was Peppiges, was Modernes“ für seine Firmenautos gewünscht (→ youtube.com).

Die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) setzte übrigens im vergangenen Herbst zwei Nackedeis mit Helm auf’s Rad. Körperregionen mit Aufregerpotenzial blieben allerdings verdeckt. Einen Shitstorm gab’s nicht. Vielleicht ist „Looks like shit, …“ ein provokanterer Spruch als „Velofahren nur mit Helm“, mutmaßt die Basler Zeitung (→ bazonline.ch). Ich nehme an, die Eidgenossen haben die BfU-Aktion gedanklich einfach unter Q wie Quatsch abgelegt.

In der Schweiz warb die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) im Herbst 2018 für’s Velofahren mit Helm. Die beiden Radfahrer trugen beim Fotoshooting zwar einen Helm. Sonst waren sie aber füdliblutt, wie die Eidgenossen sagen. Vereinzelt haben Gemeinden die Plakate vernichtet oder der BfU zurückgeschickt. Einen Shitstorm gab es nicht.

Teenage-Alicija, GNTM als Kooperationspartner, englischer Claim. Minister Scheuer sagt, die neue Kampagne richte sich vor allem an junge Menschen. Eine zielgruppenspezifische Ansprache kann die Wirksamkeit von Marketingmaßnahmen erhöhen. Das stimmt. Allerdings steigt der Gesamtaufwand, wenn man versucht, andere Altersgruppen mit zusätzlichen Aktionen zu erreichen.

Auch Radfahrer über 30 sind notorische Helmmuffel. Nur bei Kindern liegen die Helmtragequoten über 30 Prozent (bei 6- bis 10-Jährigen: 82 %, bei 11- bis 16-Jährigen: 38 %), teilt die Bundesanstalt für Verkehrswesen mit (→ bast.de). Für die Kampagne #HelmeRettenSenioren hätte ich zwei Vorschläge: Günther Jauch (62) setzt sich als Testimonial einen Helm auf, und WWM wird anstelle von GNTM Kooperationspartner.

Bei #HelmeRettenSenioren könnte das BMVI mit „Wer wird Millionär?“ kooperieren. Hier ein Vorschlag für die 50-Euro-Frage (Hintergrundfotos: → werwirdmillionar.blogspot.com, → hotshoots.squarespace.com).

Im Jahr 2000 lebten in Vietnam ungefähr 80 Millionen Menschen. In dem südostasiatischen Land starben damals jährlich 4.100 Kinder durch Verkehrsunfälle und 290.000 wurden verletzt. In die meisten Unfälle waren Motorräder verwickelt. Ein paar Jahre später ergab eine Studie, dass in Asien Motorradunfälle die Hauptursache für Todesfälle und Verletzungen bei Teenagern waren. Verhängnisvoll: Nur wenige Motorradfahrer und -mitfahrer trugen einen Helm. Bei einer Verkehrsbeobachtung in einer vietnamesischen Provinz trugen nur 23 Prozent der Motorradfahrer einen Helm – obwohl 95 Prozent bei einer Befragung sagten, sie würden einen besitzen. 2005 startete die AIP Foundation, eine 1999 gegründete Non-Profit-Organization, eine Awareness-Kampagne, um vietnamesische Motorradfahrer zu überzeugen, Motorradhelme zu tragen. Die Bildmotive sind nichts für schwache Nerven – das totale Gegenmodell zu Andi Scheuers Unterwäschemodels und #HelmeRettenLeben. Die Kampagne richtete sich an alle erwachsenen Vietnamesen, kann also als ein Beispiel für One-Size-Fits-All- bzw. One-Campaign-Fits-All-Marketing gesehen werden.

Die „Wear a helmet. There are no excuses“-Aktion hat in Vietnam die Gesetzgebung beeinflusst. Seit Ende 2007 müssen dort Motorradfahrer immer einen Helm tragen. Die AIP Foundation schätzt, dass in den folgenden zehn Jahren ungefähr 15.000 Todesfälle und eine halbe Millionen Kopfverletzungen vermieden werden konnten.

Motive einer Awareness-Kampagne der AIP Foundation, um vietnamesische Motorradfahrer zu überzeugen, Motorradhelme zu tragen. Die Kampagne 2005 wurde von der Agentur Ogilvy & Mather entwickelt (→ mehr Informationen). Bilder zum Vergrößern anklicken.

Beim Googeln bin ich nicht nur auf Dr. Lombards Test mit dem Pendel gestoßen, der auf dem Titelbild dieses Postings zu sehen ist. Ein zweiter Kandidat für den „Sieht-zwar-beknackt-aus-schützt-aber-den-Schädel“-Preis in der Kategorie Historische Fotos entstand im Jahr 1912. Der Mann, der seinen Kopf gegen die Holzwand eines Haus rammte, hieß W. T. Warren. Er präsentierte den drei Herren im Hintergrund seine Erfindung: eine gepolsterte Lederkappe, um das Verletzungsrisiko für Piloten zu vermindern. Kopfverletzungen waren die häufigste Todesursache bei Flugunfällen. Die Aufnahme ist im Internet unter dem Titel „Testing a New Prototype for a Football Helmet 1912“ weitverbreitet. Ein Hoax (→ hoaxeye.com). Und Fahrradhelme schützen nicht vor Aids, auch wenn’s auf den Plakaten des BMVI so aussieht.

1912: Erfinder W. T. Warren testet seinen Kopfschutz für Piloten, zum Vergrößern anklicken.

Dies ist das 200. Posting hier im Updates-Blog. Passend zum Jubiläum, hat der Senat der Technischen Hochschule Ulm am 22. März 2019 entschieden, dass ich den Hochschullehrpreis 2019 erhalte. Den gibt’s für die Umsetzung innovativer Lehrkonzepte. Da hat sich die Bloggerei doch gelohnt. 😊