Mit den Typen auf dem Doppeldecker mussten sich Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, in ihren bisherigen Abenteuern noch nicht herumschlagen
(Foto links: Warner / Grafik rechts: Fortnite).

Jim Knopf und sein starker Freund Lukas haben ihre Sache gut gemacht. Sich mit Lok Emma in die Drachenstadt Kummerland durchgeschlagen, zusammen Frau Mahlzahn besiegt und Prinzessin Li Si gerettet. 1,8 Millionen Besucher(innen) haben sich im Kino die Abenteuer der beiden Lokomotivführer angeschaut. Die Michael-Ende-Verfilmung war im vergangenen Jahr die erfolgreichste deutsche Filmproduktion. Die Fortsetzung „Jim Knopf und die Wilde 13“ ist in Vorbereitung. Im Großen und Ganzen war 2018 für die deutschen Kinos aber ein richtig mieses Jahr. Nur 105,4 Millionen Tickets wurden verkauft, das entspricht einem Minus von 13,9 Prozent gegenüber 2017 [→ Anm. 1]. Seit dem Superjahr 2001 mit Blockbustern wie „Harry Potter und der Stein der Weisen“ und dem ersten „Herr der Ringe“-Teil zeigt der Trend nach unten. In den nordamerikanischen Kinos (USA, Kanada) ist die allgemeine Entwicklung seit 2001 ähnlich (→ statista.com).

Nur 105,4 Millionen Tickets wurden 2018 von deutschen Kinos verkauft. Seit 2001 zeigt der Trend nach unten. Damals waren es noch 178 Millionen Eintrittskarten, „Der Schuh des Manitu“ und „Harry Potter und der Stein der Weisen“ schafften über 10 Millionen Ticketverkäufe (zum Vergrößern anklicken).

Sicher war der heiße Sommer für die Kinobetreiber eine Spaßbremse. Außerdem gab’s unter den neuen Filmen zwar ein paar solide Sequels, aber keine wirklichen Knaller. Eine tieferliegende Ursache für den Abwärtstrend beim Kino wird von manchen im anhaltenden Gaming-Boom gesehen. Fortnite schlägt Jim Knopf sozusagen. Fortnite, das Ballerspiel von Epic Games, brach 2018 alle Rekorde. Pro Runde treten 100 Spieler auf einer kleiner werdenden Insel gegeneinander an. Wer am Ende übrig bleibt, hat gewonnen. Über 200 Millionen Fortnite-Spieler waren Ende 2018 registriert. Darunter sind auch einige deutsche Fußballnationalspieler, die im russischen WM-Lager angeblich (zu) sehr mit dem Computerspiel beschäftigt waren.

Das Wachstum der Spielebranche strahlt auf andere Zweige des Unterhaltungsgeschäfts aus. Das kommt auch im Brief an die Aktionäre zum Ausdruck, den der Streamingdienst Netflix zum 4. Quartal 2018 veröffentlichte. Fortnite sei ein größerer Konkurrent als der „Game of Thrones“-Sender HBO [→ Anm. 2]:

»We earn consumer screen time, both mobile and television, away from a very broad set of competitors. We compete with (and lose to) Fortnite more than HBO. When YouTube went down globally for a few minutes in October, our viewing and signups spiked for that time. … There are thousands of competitors in this highly-fragmented market vying to entertain consumers and low barriers to entry for those with great experiences. … Our focus is not on Disney+, Amazon or others, but on how we can improve our experience for our members.«

Netflix, Fortnite, HBO, Disney, Multiplexkinos – alle im Kampf um Kunden, die Unterhaltung suchen. Dem Marketing-Professor Theodore Levitt (1925-2006) hätte dieses „Jeder gegen jeden“ vermutlich gefallen. Er schrieb 1960 den Aufsatz „Marketing Myopia“. Damals hielt gerade der Fernseher Einzug in die Wohnzimmer.

»Hollywood barely escaped being totally ravished by television. Actually, all the established film companies went through drastic reorganizations. Some simply disappeared. … Hollywood defined its business incorrectly. It thought it was in the movie business when it was actually in the entertainment business. „Movies“ implied a specific, limited product.«

Levitts Kernbotschaft lautet, dass Unternehmen ihre Tätigkeit richtig verstehen müssen. Eine produktorientierte Sichtweise ist zu eng. Besser man schaut auf den Bedarf der Kunden bzw. die Funktion, die ein Produkt erfüllt, und nicht die Technik, die drinsteckt. Vom damaligen Kodak-CEO George Fisher ist dieses Zitat aus dem Jahr 1997 überliefert (→ technologyreview.com): „We are not in the photographic-film business or in the electronics business, we are in the picture business.“ Eine gute Erkenntnis, auch wenn Kodak den Sprung ins digitale Photozeitalter am Ende nicht geschafft hat.

Ein weites bedarfs- bzw. funktionsorientiertes Verständnis der eigenen Aktivitäten anstelle einer engen produkt- bzw. techniklastigen Sicht ist zweifach hilfreich. So lassen sich einerseits Unternehmen als mögliche zukünftige Konkurrenz erkennen, die aus anderen Branchen in das eigene Geschäftsfeld eindringen könnten (→ Posting „Abschied vom mechanischen Schlüssel“). Andererseits lassen sich auch besser neue Anwendungsfelder für das vorhandene Know-how aufspüren.

Zurück zur Konkurrenz für Kinos. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre und in den 1960er-Jahren ging die Zahl der Kinobesuche dramatisch zurück. Das Fernsehen wurde zum Massenmedium. Mitte 1962 hatten 34,4 Prozent der deutschen Haushalte einen Fernseher, Anfang 1973 waren es schon 87,2 Prozent (Statistisches Bundesamt). Kinos wurden vom Fernsehen aber nicht völlig verdrängt, seit den 1980er Jahren koexistieren die beide Unterhaltungsformen.

Tim Richards, CEO der britischen Kino-Kette Vue, sagte 2016: „Our competition is not Netflix. It’s not the internet. It is sporting events, it is bowling, it is nightclubs.“ Die Konkurrenz sieht der Kinomanager in anderen Formen des Out-of-Home-Entertainments. Sein Kollege Richard Gelfond von den IMAX-Kinos ergänzt, dass die Leute entweder ausgehen oder sich halt an ihr Sofa ketten („chain themselves to the couch“, schöne Formulierung).

Und die Beratungsfirma Ampere Analysis hat untersucht, ob Serienstarts auf Netflix an nachfolgenden Wochenenden Entscheidungen für oder gegen einen Kinobesuch beeinflussten. Kein signifikanter Effekt, sagen die Berater – bisher.

»However, it is becoming increasing clear the SVoD services are providing another channel through which movie lovers can access the content that they are interested in, rather than being used as a substitute.« (SVoD = Subscription/Streaming Video on Demand)

Kino und Home bzw. Mobile Entertainment in relativ friedlicher Koexistenz? Wenn das so bliebe, könnten sich Jim und Lukas auf die Auseinandersetzung mit der Wilden 13 konzentrieren. Schau’n wir mal.

Anmerkungen:
[1] Der Verfasser dieses Postings ist für die Misere übrigens nicht verantwortlich. Er war 2018 15 Mal in Deutschland im Kino (und einmal in Schottland). „Jim Knopf“ war nicht dabei, dafür kann ich zum Beispiel „25 km/h“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, „Blackkklansman“ und „Swimming with Men“ aus eigener Anschauung empfehlen.[↑]
[2] Michael Pachter ist ein auf Videospiele und solchen Kram spezialisierter Analyst. Er bezweifelt, dass Fortnite Netflix‘ größter Konkurrent ist. Die These sei geradezu idiotisch. Wäre Fortnite ein Netflix-Konkurrent, wären es auch Schlaf, Sex, Pupsen, Essen, Schule und Arbeit (→ https://twitter.com/michaelpachter/). [↑]