Im Hintergrund steht die entgleiste Straßenbahn «Resi Weglein». Das Bild der Namenpatronin sieht man links neben der Eingangstür am Triebwagenkopf (Foto: SWP).

Am ersten Februarsamstag ist in der Nähe des Ehinger Tores die Straßenbahn „Resi Weglein“ der SWU entgleist. Es gab mehrere Leichtverletzte, und um den Fahrer musste sich ein Seelsorger kümmern. Mit schwerem Gerät waren rund 20 Personen bis in die Nacht damit beschäftigt, die Straßenbahn abzutransportieren. Auf den Seiten der Südwest Presse erfährt man mehr und kann sich durch zahlreiche Fotos klicken.

Wie es zu dem Unfall kommen konnte, wird noch untersucht. Eine weitere interessante Frage für die SWU lautet: Lässt sich die Unfallbahn reparieren und dann wieder im Nahverkehr einsetzen – oder nicht? Das hat Einfluss auf die Vermögens- und Ertragslage der SWU. Mit dem „Resi Weglein“-Beispiel lässt sich zeigen, wie langlebige Vermögensgegenstände im Rechnungswesen bewertet werden. Die Straßenbahn ist seit gut 10 Jahren Teil des Anlagevermögens der SWU. Die Fahrzeuge für den Nahverkehr gehören zu den Sachanlagen und hatten Ende 2017 insgesamt einen Bilanzwert von 10,4 Millionen Euro (→ SWU-Geschäftsbericht 2017).

Der Ausgangspunkt der bilanziellen Bewertung sind die Anschaffungspreise der gekauften Vermögensgegenstände und die Herstellungskosten der selbst produzierten. „Resi Weglein“ wurde Ende 2008 für 2,6 Millionen Euro beschafft und ist seit Anfang 2009 im Einsatz. Im Lauf der Zeit nimmt der Wert von Gegenständen des Anlagevermögens ab. Ihr Restbuchwert wird kleiner. Abschreibungen erfassen die geplanten und ungeplanten Wertminderungen eines Vermögensgegenstandes während eines Zeitraums.

Für die langlebigen Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens sind im Voraus planmäßige Abschreibungen zu ermitteln. So lassen sich technischer oder natürlicher Verschleiß, Substanzverringerung (z. B. beim Kiesabbau) und der Ablauf von Patenten erfassen. Für die dabei anzunehmende wirtschaftliche Lebensdauer gibt es Vorgaben. Die „betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer“ eines Notebooks beträgt zum Beispiel drei Jahre, die eines Tresors 23 und die einer Straßenbahn 20 Jahre. Planmäßige Abschreibungen können nach unterschiedlichen Verfahren berechnet werden. Am einfachsten lassen sich lineare Abschreibungen ermitteln, die Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten werden gleichmäßig auf die angenommene Nutzungsdauer verteilt. Bei der SWU werden seit 2008 die Zugänge zum Sachanlagevermögen generell linear abgeschrieben. Der Restbuchwert von „Resi Weglein“ schrumpfte also pro Jahr planmäßig um 130.000 Euro (2,6“ : 20 = 130′). Bilanziell war die Straßenbahn Ende 2018 somit 1,3 Millionen Euro wert. Ist eine Reparatur möglich, ginge es in 10 weiteren -130.000-Euro-Schritten bis Ende 2028 runter auf 0.

Was passiert in der Anlagenbuchhaltung der SWU, wenn sich „Resi Weglein“ nicht reparieren lässt oder sich eine Reparatur nicht lohnt? Dann würde der Wert der Straßenbahn mit einer außerplanmäßigen Abschreibung sofort auf 0 reduziert. Die Tram wäre dann ja futsch.

Die Straßenbahn „Resi Weglein“ wurde für 2,6 Millionen Euro angeschafft und ist seit 2009 im Einsatz. Ende 2018 hatte sie einen Restbuchwert von 1,3 Millionen. Ist eine Reparatur möglich (A), geht’s bis Ende 2028 weiter mit planmäßigen linearen Abschreibungen. Wenn nicht (B), wird der bilanzielle Wert der Straßenbahn mit einer außerplanmäßigen Abschreibung auf 0 reduziert (zum Vergrößern anklicken).

Ich drücke die Daumen, dass eine Reparatur der ramponierten Straßenbahn möglich ist. Die Namenspatronin hat es verdient, dass man sich in Ulm an sie erinnert. Resi Weglein, geborene Regensteiner, kam vor 125 Jahren – am 15. Februar 1894 – in Nördlingen zur Welt. Ab 1914 arbeitete sie in einem Seidenwarengeschäft in Frankfurt. 1915 ließ sie sich zur Krankenschwester umschulen. Vermutlich im Lazarett lernte sie Siego (Siegmund) Weglein kennen. Die beiden heirateten 1922. Bis 1935 half Resi im Ulmer Bekleidungshaus ihrer Schwiegerfamilie, dann erzwang die Hetze gegen jüdische Geschäftsleute die Auflösung des Geschäfts.

Die beiden Söhne der Wegleins konnten 1939 aus Deutschland fliehen. Resi Weglein und ihr Mann wurden im August 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort arbeitete sie als Krankenschwester. In Theresienstadt starben über 30.000 Menschen an Hunger, Krankheiten und Entkräftung, darunter Resi Wegleins Schwiegermutter. Rund 88.000 Menschen wurden aus Theresienstadt in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau deportiert. Am 9. Mai 1945 befreite die Rote Armee Theresienstadt.

Das Ehepaar Weglein kehrte nach Ulm zurück. 1946 schrieb Resi Weglein ihre Erinnerungen an die Zeit in Theresienstadt auf. Sie erschienen 1988 als Buch. Zu den unschönen Erlebnissen der Wegleins im Nachkriegsulm gehörte, dass sie nur gegen Widerstände der Behörden Wiedergutmachungsleistungen und eine kleine Rentenerhöhung durchsetzen konnten. Resi Weglein starb am 28. Januar 1977 in Ulm. Nicht nur eine Straßenbahn wurde nach Resi Weglein benannt, auch eine Straße in der Ulmer Weststadt. Im Oktober 2017 wurden auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz Stolpersteine für sechs Mitglieder der Familie Weglein verlegt, darunter auch einer für Resi.

Dank: Manfred Staib ist der kaufmännische Leiter der SWU. Er hat mir in einem Telefongespräch sehr freundlich meine Fragen zur Bilanzierung von Straßenbahnen im Allgemeinen und „Resi Weglein“ im Speziellen beantwortet.

Literatur:
Weglein, Resi: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt. Erinnerungen einer Ulmer Jüdin, Stuttgart 1988. In der Stadtbibliothek Ulm sind mehrere Exemplare des Buches verfügbar. Es ist z. B. im 2. OG der Zentrale unter der Signatur „Ulm 225 Weg“ zu finden und auch in den Zweibibliotheken Wiblingen und Eselsberg.

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Rechnen bis 20 Milliarden
Den Unterschied zwischen Aufwendungen und Auszahlungen zu kennen gehört zum BWL-Elementarwissen. Als sich vor ein paar Jahren abzeichnete, dass der A380 wohl als Flop in die Airbus-Geschichte eingehen wird, brachte ein Redakteur auf Spiegel Online die beiden Größen durcheinander. Abschreibungen sind Aufwendungen, aber keine Auszahlungen. Im damaligen Posting habe ich das erläutert.