Sprachwissenschaftler von der TU Dresden haben die Reden untersucht, die Top-Manager wie Tim Höttges (links) und Harald Krüger 2018 auf Hauptversammlungen hielten (Fotos: Deutsche Telekom, BMW).

Timotheus „Tim“ Höttges kann’s am besten, Harald Krüger hat noch Luft nach oben. Drei Sprachwissenschaftler vom Institut für Germanistik der TU Dresden haben zusammen mit Studierenden die Auftritte von 22 Vorstandsvorsitzenden bewertet. Unter die Lupe genommen wurden die CEOs bei ihren Reden auf den Hauptversammlungen. Das meiste Lob erhielt Tim Höttges. Der Telekom-Chef gewinnt vor den beiden Automanagern Elmar Degenhart (Continental) und Dieter Zetsche (Daimler). Ein 19-seitiges pdf-Dokument mit Details gibt’s online. Tillmann Neuscheler hat in der FAZ die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst.

Heutzutage gehört es zur Unternehmenskommunikation großer Konzerne, Videos von der Hauptversammlung und anderen Events ins Netz zu stellen. Ich habe mir zuerst Tim Höttges‘ „Siegervortrag“ angeschaut und den Text seiner Rede gelesen. Dann war Harald Krüger – Platz 22 von 22 – an der Reihe. Bei ihm sehen die Sprachexperten zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten. Ich auch.

Höttges zündet in seiner 40-minütigen Rede ein „beeindruckendes rhetorisches Feuerwerk“, loben ihn die Dresdner Wissenschaftler. In der Teildisziplin Rhetorik schlägt der Telekom-CEO seine Konkurrenten um Längen. Stilmittel wie Anaphern, Triaden, Metaphern und Klimaxe würden Zuversicht austrahlen. Was, beim Zeus, ist denn eine Anapher? Die Wiederholung eines Wortes oder einer Wortgruppe am Anfang aufeinander folgender Verse, Strophen, Sätze oder Satzteile. Eine Anapher „dient der Strukturierung und Rhythmisierung von Texten“. Danke, Wikipedia. O-Ton Höttges: „Unternehmertum heißt: Möglichkeiten bieten. Möglichkeiten erarbeiten. Möglichkeiten nutzen.“ Inhaltlich ist das zwar trivial, aber es klingt einfach gut. Auch Metaphern sind hilfreich. Höttges nutzt eine, um seinen Vorstandskollegen Thomas Dannenfeldt mit einem originellen Kompliment zu verabschieden:

„Lieber Thomas, Du hast dich entschieden, die Telekom nach 26 Jahren im Unternehmen zu verlassen. Du hast Magenta Blut in den Adern. Und Du hast für dieses Unternehmen großartige Arbeit geleistet. Dafür danke ich Dir herzlich.“

Magenta Blut. Gefällt mir. Durch den Körper des Automanagers Ferdinand Piëch fließt ja angeblich schon seit seiner Geburt Benzin (→ tagesspiegel.de). Ein ABB-Servicetechniker hat sogar „eine Art flüssige Braunkohle“ in den Gefäßen, lese ich auf → abb.de. Und bei Feuerwehrfrau Franziska Kück ist es Löschwasser (→ kreiszeitung-wochenblatt.de). Magentafarbiges Blut klingt angenehmer.

Besonders gut gefallen mir bei Höttges die kurzen, klaren Sätze. Subjekt, Verb, Objekt (← das ist übrigens eine Triade, glaub‘ ich) – fertig. Bei seinem CEO-Kollegen Harald Krüger klingt alles viel umständlicher. Das liegt auch an seinem Text, aber vor allem an der Art seines Vortrags. Die Sprachexperten von der TU Dresden meinen: „BMW-Chef Harald Krüger ist in seiner Vortragsart in Mimik, Gestik und Sprechweise so wenig hörerbezogen, dass es ihm nicht gelingt, die Erfolge seines Unternehmens, die im Wortlaut durchaus formuliert werden, erlebbar zu machen.“

Das Elend beginnt damit, dass Krüger sitzt. Er trägt seinen Text wie ein Nachrichtensprecher vor. Seine Hände sieht man im Video selten, sie verschwinden hinter einer Blende. Krüger sagt Ähnliches wie Höttges. Die Telekom baut ihr Glasfasernetz aus und bietet ihren Kunden 100 MBit-Downloadtempo. Bei BMW entwickeln sie Zukunftsautos, z. B. ein neues Elektro-Modell, den iNEXT. Schauen Sie sich im Video ab 9:05 min mal an, wie Harald Krüger über dieses neue Auto spricht und dann in aller Seelenruhe zum Wasserglas greift. „Hey, Harald!“, möchte man ihm zurufen, „dieser iNEXT ist hoffentlich nicht so langweilig wie Dein Vortrag!“

In puncto Metaphern hat BMW-Mann Krüger vor ein paar Tagen eine Schippe draufgelegt. In einem 20-minütigen Schwätzchen auf der Bühne der DLD-Konferenz sagte er, BMW wäre in einen „Technologie-Krieg“ verwickelt („We are in a technology war.“). Und auch an der Schnittstelle zum Kunden ginge es kriegerisch zu, → zdf.de. Martialische Managersprüche kann Krüger ruhig solchen Heinis wie Donald Trump überlassen.