Adam Osborne (ca. 1985) und ein Exemplar des Osborne 1
(Fotos: Alex Waterhouse-Hayward, crn.com.au)

Im Frühjahr 1981 elektrisierte ein neues Produkt die Welt der Computerfreaks: Adam Osborne, der auf dem linken Bild freudig an einer 5¼-Zoll-Diskette knabbert, stellte am 3. April 1981 auf der West Coast Computer Faire in San Francisco den Osborne 1 vor (rechtes Bild). Der Osborne 1, erstes Produkt der damals frischgegründeten Osborne Computer Corporation (OCC), war der erste verkaufsfähige (halbwegs) tragbare Computer der Welt. Eine tolle Kiste, die der erfolgreiche Buchautor (z. B. „An introduction to microcomputers“) und sein Chefentwickler Lee Felsenstein innerhalb weniger Monate zum Laufen gebracht hatten.

Die technischen Eckdaten des Osborne 1:

Arbeitsspeicher: 64 k 8-bit-Prozessor Zilog Z80
5-Zoll-Monochrom-Monitor Betriebssystem CP/M
52 Zeichen pro Zeile / 24 Zeilen umfangreiches Softwarepaket inkl.
2 Single Density-Diskettenlaufwerke Gewicht: ca. 11 kg

Im „Hardwaremuseum“ der ZEIT wurde der Computer 1994 als „Ofen mit Guckloch“ bezeichnet, „permanent dem Hitzetod nahe“ (hier nachzulesen). Auch der sehr kleine Bildschirm und die Single Density-Laufwerke (nicht Double Density) waren Schwachpunkte. Der Preis (1.795 US-$) war aber sensationell günstig, vor allem angesichts der zahlreichen Anwendungsprogramme, die mitgeliefert wurden. Die Bestellungen für den Osborne 1 schossen sofort durch die Decke. Adam Osborne schrieb später über die ersten Erfolgsmonate: „orders were all cut to half or less of dealer requests.“ Paradiesische Zustände für den Vertrieb, die man heute allenfalls beim Verkaufsstart neuer Apple-Produkte erlebt.

OCC wuchs 1981 schneller als jedes andere Erfolgsunternehmen des Silicon Valley zuvor. Und war doch schon zweieinhalb Jahre später pleite. Wie konnte es zu diesem Absturz kommen? Ist etwas an der These dran „The pioneers always take the arrows in their backs.“? Nur auf den ersten Blick liefert der Fall des gescheiterten Pioniers Osborne Munition für die Verfechter von Nachzügler-Strategien im Zeitwettbewerb. OCC ist aber nicht an seiner Pionierrolle gescheitert, vielmehr wurden massive Fehler gemacht. Z. B. lief im Marketing und im Qualitätsmanagement manches gehörig schief. Wer heute als Newcomer eine neue Produktklasse etablieren will, kann aus einer Fehleranalyse für OCC einige Erkenntnisse ziehen.

1. Der Osborne 1 war technisch völlig unausgereift, als mit dem Messeauftritt in San Francisco und der Berichterstattung darüber eine Welle begeisterter Bestellungen auf das Start Up-Unternehmen OCC losbrach. 1984 erschien im Magazin InfoWorld (The Newsweekly for Microcomputer Users) Adams Osbornes Rückblick auf diese stürmische Phase.

Unter anderem schrieb Osborne: „In truth, any seasoned manufacturing executive would have deemed the Osborne 1, when first shipped to be in its preproduction phase, and so in need of six more months and a couple more prototype development rounds. But there were no manufacturing engineers working for Osborne Computer Corporation at the firm, and it was more than a year before anyone really understood how premature the Osborne I had been when first shipped. And yet dealers loved the product.“

Aus heutiger Sicht völlig unvorstellbar, hatte sich Osborne beispielsweise im April 1981 spontan dazu entschieden, dem Osborne 1 doch kein Aluminium-, sondern ein Kunststoffgehäuse zu verpassen. Der Prototyp für die West Coast Computer Faire hatte noch ein Metallgehäuse, weil Osborne glaubte, die Wärmeentwicklung verfügbarer Netzteile sei für Kunststoffgehäuse zu groß. In San Francisco tauchte dann aber ein Anbieter für ein relativ günstiges Netzteil auf, das nicht so stark erhitzte wie andere. Ruck zuck wurde bei Netzteil und Gehäusewerkstoff umgeplant. Auch anschließend gab es ständig technische Änderungen. Im Oktober 1981 musste OCC sogar alle bis dahin verkauften Osborne 1-Rechner zurückrufen, unter anderem um Anpassungen an der Tastatur vorzunehmen.

„But the product recall was just the tip of a huge iceberg. There were endless design changes that resulted from a lack of real engineering or manufacturing experience in Osborne’s management. And we urgently needed such management experience since no company before us had ever attempted to compress so much electronics into such a small space. The interaction between the many components of a microcomputer – the disk drives, display units, power supply, and logic boards – was complex, especially regarding radio frequency emissions and their effect on disk electronics.“

2. Das Unternehmen OCC selbst war ganz und gar nicht vorbereitet auf eine Rolle als wettbewerbsfähiger Anbieter neben bereits existierenden Firmen wie IBM, Apple und Atari. Bei einem produzierenden Unternehmen ohne (!) Fertigungsingenieur waren Probleme im Qualitätswesen vorprogrammiert. OCC bezog alle Baugruppen des Osborne 1 fremd und montierte diese „nur noch“. Als enger Flaschenhals erwiesen sich die oft defekten Testanlagen für die zu verbauenden Logikchips. Osbornes rückblickendes Fazit zum Thema Qualität: „… when fully analyzed, the Osborne 1 problems stemmed from nonexistent quality control.“ (Hervorhebung nicht im Original).

3. Osborne 1 und OCC waren leicht zu überholen. Die Konfiguration des Osborne 1 bot Konkurrenten, die als sogenannte Early Follower bald nach OCC in den Markt für portable Computer einstiegen, mehrere Ansatzpunkte für spürbare Verbesserungen. So hatte der erfolgreiche Kaypro II von 1982 schon einen 9-Zoll-Monitor. Nur 180 KByte Speicherkapazität über Diskettenlaufwerke riefen förmlich nach leistungsfähigeren externen Speichermedien und einer Festplatte. Dem Pionier Osborne gelang der Sprung zur leistungsfähigeren zweiten Generation portabler Rechner aber zu spät. So wurde OCC von der Konkurrenz nicht nur eingeholt, sondern überflügelt.

4. Mit einer besonderen Aktion ist Adam Osborne noch heute in Lehrbüchern zum Marketing und Innovationsmanagement vertreten. Er wurde Namensgeber für den Osborne-Effekt bzw. das sogenannte Osborn(e)ing. Ohne dass diese schon lieferbar waren, kündigte Osborne im April 1983 die beiden Nachfolgemodelle Executive und Vixen an.  Unmittelbar nach dieser Ankündigung stornierten die Händler die meisten ihrer Osborne 1-Bestellungen. OCC saß zu diesem Zeitpunkt auf einem Berg von Zulieferteilen für den Osborne 1. Mit drastischen Preissenkungen wurde versucht, Osborne 1-Rechner weiter in den Markt zu drücken – vergeblich. Der Verkauf kam zum Erliegen.

Auf Google Books lassen sich ältere Ausgaben des Magazins InfoWorld (The Newsweekly for Microcomputer Users) lesen. Zu drei lesenswerten Artikeln führen die Links unten. Die Zitate im Text oben stammen aus dem zweiteiligen Rückblick von Adam Osborne auf das OCC-Abenteuer.

Vor dem Hintergrund des Scheiterns von OCC verblassen heute andere Seiten der charismatischen Persönlichkeit Adam Osborne. Aber aufgemerkt: “There were three major people in the industry: Bill Gates, Steve Jobs, and Adam Osborne, and not necessarily in that order”, meinte ein Weggefährte zur Bedeutung von Osborne. Gerade erschien auf technologizer.com eine sehr umfassende (4-teilig) und anerkennende Würdigung des promovierten Chemieingenieurs. Adam Osborne starb 2003 in Südindien, in der Nähe desjenigen Ortes, an dem er als Kind britischer Eltern aufgewachsen war, die Anhänger des indischen Gurus Sri Ramana Maharshi waren.

Meine beiden Leseempfehlungen zur Person Adam Osborne:

Michael Swaine, einer der beiden Autoren von „Fire in the Valley“ (1984), dem ultimativen Buch über die Frühgeschichte des Personal Computers, über Adam Osborne:

„The most flamboyant entrepreneur of the personal computer revolution; a dignified, precise, and eloquent presence; firm in his opinions; fearless in his predictions; boldly rolling the dice and lavishly savoring and sharing the bounty when they fell his way.“