Vor wenigen Wochen hielt ich bei Bosch einen kleinen Vortrag. Das Thema: „Wenn’s mal wieder länger dauert. Neue Technologien auf dem Weg zum Massenmarkt“. Das Publikum: innovationsbegeisterte Mitarbeiter(innen) der Bosch-internen Beratungsabteilung. Manche hatten am Ende offenbar den Eindruck, zu ihnen hätte sich ein fundamentalistischer Technikskeptiker verirrt. So war’s natürlich nicht gemeint. Die Kernbotschaft lautet vielmehr, dass man auch während allgemeiner Begeisterungswellen einen kühlen Kopf bewahren sollte. Anregungen für den Vortragsinhalt lieferte mir unter anderem ein Text von Rodney Brooks. Der ehemalige MIT-Prof ist überzeugt, dass die Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik längst nicht so schnell zur Frühverrentung von Lkw-Fahrern und Pizzabäckern führen werden, wie von einigen vermutet.

Grundlegend neue Technologien haben jahrzehntelange Inkubationszeiten, die dem „Tipping Point“ vorausgehen. Dann kippt der Markt zugunsten der innovativen Technik. Ein Beispiel liefert die digitale Fotografie. Die Idee für die CCD-Technologie hatten Willard Boyle und George Smith 1969. Ein Jahr später hatten die lichtempfindlichen CCD-Chips ihren ersten Einsatz in einer Videokamera, 1972 bauten die Forscher einen Chip mit 100 x 100 Pixeln. Es dauerte dann zweieinhalb Jahrzehnte, bis Mitte der 1990er-Jahre der Siegeszug der Digitalkameras begann [→ Anm. 1].

„It usually takes between five and fifteen years for a new technology to supplant an old one. […] The point is that there are often relatively long incubation periods in these transitions […].“
Richard N. Foster: Innovation, 1986, p. 160, p. 163

An der Automatisierung des Fahrens wird bereits seit Jahrzehnten gearbeitet. Ernst Dickmanns war von 1975 bis 2001 Professor an der Universität der Bundeswehr. Vor über 30 Jahren hat er Versuchsfahrzeugen „das Sehen beigebracht“. Heute, ist man sich bei BMW sicher, befänden wir uns „an der Schwelle zum hochautomatisierten Fahren“ (bmw.com). In einem hochautomatisiert fahrenden Auto kann sich der Fahrer eine Weile vom Fahrgeschehen abwenden. Self Driving Cars (SDC) dieser Entwicklungsstufe, die Experten als Level 3 bezeichnen, sind aber noch immer ein gehöriges Stück vom völlig autonomen Fahren entfernt (Level 5). Bis für Level-5-SDC ein Massenmarkt entsteht, wird es also noch dauern. Und zwar länger, als viele momentan annehmen, sagte zum Beispiel im Juli John Krafcik, der CEO von Waymo (→ „Transition To Autonomous Cars Will Take Longer Than You Think, Waymo CEO Tells Governors“).

Bei vielen verheißungsvoll erscheinenden Tech­nologien sind verfrühte Begeisterungswellen zu beobachten. Ein populäres Konzept, das dieses Phänomen beschreibt, ist der „Hype Cycle“ des US-Beratungsunternehmens Gartner. Hypes können durch verschieden­artige Fehleinschätzungen befeuert werden (viel­leicht auch durch den Wunsch, Technikenthusias­ten die Wartezeit zu verkürzen oder Wagnis­kapitalgeber bei Laune zu halten …).

(1) Trivial, aber wahr: Die „Ankunft“ neuer Technologien verzögert sich, wenn technische Schwierigkeiten unterschätzt werden. Um Mikrochips noch kleiner und leistungsfähiger zu machen, ist ein völlig neues Produktionsverfahren erforderlich. Seit über zwei Jahrzehnten tüfteln Forscher und Ingenieure an der Extreme-Ultraviolet-Lithographie (EUV-Lithographie). Immer wieder erschienen Berichte und Ankündigungen, die Inbetriebnahme erster EUV-Anlagen stünde bevor. Ursprünglich sollte das schon Ende der 1990er-Jahre passieren.

„Originally aimed for the 65nm node in the late 1990s, EUV has missed a number of insertion windows despite strong industry support and billions of dollars spent on the technology.“
→ semiengineering.com, März 2014

Es scheint, als wäre die EUV-Technologie jetzt endlich, endlich startklar. Laserspezialist Trumpf und die Zeiss-Tochter SMT waren an der Entwicklung des „wohl komplexesten Geräts“ beteiligt, „das jemals Menschen gebaut haben“ (Zeiss-Finanzvorstand Spitzenpfeil, Ende 2016). Knackpunkt für den Durchbruch der Technologie war die Verbesserung der Produktivität. In der Chipindustrie bedeutet das: Stündlich müssen mindestens 125 Wafer belichtet werden. Seit Ende 2017, meldet Trumpf, ließe sich mit EUV diese Vorgabe erfüllen.

Im Geschäftsbericht 2017/18 hat Trumpf einen Abschnitt über die EUV-Innovation veröffentlicht. Text, Grafik, Fotos – sehr gelungen. Ein Foto zeigt das Laser-Modul einer EUV-Anlage. Das Technikfoto 2018, finde ich. Gemacht hat es der Fotograf Claus Morgenstern (→ clausmorgenstern.de).

Die fertige EUV-Anlage besteht aus über 450.000 Teilen und wiegt 17 Tonnen. Das Foto zeigt das Laser-Modul (Foto: Trumpf, zum Vergrößern anklicken).

(2) Das Internet Protocol Version 6 (IPv6) ist ein Verfahren zur Datenübertragung, das auf einer 128-Bit-Adressierung basiert. Die Vorgänger­version IPv4 arbeitet mit 32-Bit-Adressen. IPv6 ermöglicht eine Vergrößerung des Adressraums von 4,3 Milliarden auf 340 Sextillionen Adressen bzw. vernetzbare Geräte. Der IPv6-Standard wur­de in den 1990er-Jahren entwickelt, als IT-Exper­ten dämmerte, dass IPv4 langfristig nicht reichen würde, um nicht nur Router und Rechner, son­dern auch intelligente Werkzeugmaschinen und smarte Heizungen mit einer eigenen IP-Adresse auszustatten. Zwei Jahrzehnte später ist der An­teil der Nutzer, die Google über IPv6 ansteuern, erst auf 25 Prozent gestiegen. Weshalb dauert das so lange? IPv6 ist eine Netzwerkinnovation. Der Nutzen, eigene Geräte auf IPv6 umzustellen, nimmt zu, wenn Hardwarehersteller, Internet Ser­vice Provider (ISP) und viele Nutzer mitmachen.

Jahrelang schoben Hardwarehersteller und Pro­vider die Umsetzung von IPv6 hinaus und gaben sich dafür gegenseitig die Schuld. Mangels pas­sender Hardware könne kein IPv6 angeboten werden, sagten die Provider, während die Hard­warehersteller ihrerseits eine fehlende Nachfrage des neuen Protokolls bemängelten. Ein Henne-und-Ei-Problem.

(3) Der ehemalige MIT-Prof Rodney Brooks ist überzeugt, dass die Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik sowie der allgemeine Digitalisierungstrend längst nicht so schnell zur Frühverrentung von Lkw-Fahrern und Pizzabäckern führen werden, wie von einigen ver­mutet.

„Hardware … has significant marginal cost to deploy. We know that from our own lives. Many of the cars we are buying today, which are not self driving, and mostly are not software enabled, will likely still be on the road in the year 2040. This puts an inherent limit on how soon all our cars will be self driving. If we build a new home today, we can expect that it might be around for over 100 years. … I regularly see decades old equipment in factories around the world. I even see PCs running Windows 3.0 in factories–a software version released in 1990. The thinking is that »If it ain’t broke, don’t fix it«.“

»If it ain’t broke, don’t fix it.«
Bei der der mittelständischen Firma Liebing leistet eine Sinumerik-Steuerung seit 1960 ihren Dienst. Sie steuert eine ebenso alte Stanzmaschine. Der Lochstreifen dient zur Programmeingabe (Foto: Siemens).

(4) Und dann ist da noch der intelligente Kühl­schrank. Vernetzt mit dem Supermarkt unseres Vertrauens, bestellt er Nachschub für das mor­gige Frühstück, wenn uns Milch oder Käse aus­gehen. In den 1990ern als künftiges Must-Have gefeiert, fristete dieser Kühlschrank jahrelang sein „trauriges Dasein im Museum der digitalen Fehlkonstruktionen“ (Achim Berg). Seit ein paar Jahren sind intelligente Kühlschränke doch erhältlich, z. B. der KGN36HI32 (Ist das noch ein Produktname oder schon ein Passwort?) von Bosch. Er bereitet mit seinen zwei integrierten Kameras „dem Rätselraten beim Lebensmittel­einkauf endlich ein Ende“, versprechen die Bosch­ler (→ bosch-home.com).

Achtung, nicht alles technisch Machbare be­geistert die Kunden. Letztlich sind die möglichen Anwender entscheidend für den Erfolg oder Miss­erfolg neuer Technik. Sie muss als nütz­lich wahr­genommen und akzeptiert werden. Das gilt z. B. auch für die technischen Alternativen für Bezahl­vorgänge (Kreditkarten, Apple Pay etc.). Aller­dings: Im Jahr 2017 gab es deutschlandweit 268 Versuche, Bankautomaten zu sprengen. Solche Einflüsse können den technologischen Wandel auch beschleunigen.

Wenn’s in der intelligenten Küche mal wieder länger dauert (Bild ohne Schokoriegel: Bosch). Beim Blick auf das Tablet musste ich an die legendäre ARD-Bundesliga-Konferenz denken. Samstags gegen 17 Uhr schalten die teilnehmenden Radiosender während der Endphase der Nachmittagsspiele in schneller Folge zwischen den Stadien hin und her. Im Zukunftshaus voller vernetzter Bosch-Geräte können interessierte Bewohner nach einem kurzen Blick auf das Kamerabild aus dem Kühlschrank den Kaffeevollautomat fernwarten, um anschließend mit ein paar Klicks die Waschmaschine im Keller zu starten (😂).

Anmerkungen:
[1] Mehr Informationen über die Entwicklung der digitalen Fotografie bieten die beiden Postings „1997: Als Kodak noch ein Bluechip war“ und „Steve Sasson und die erste Digitalkamera“.[↑]