Was rauskommt, wenn sich Mitarbeiter(innen) indischer Dienstleistungsunternehmen um die Silbentrennung in deutschen Texten kümmern (Hintergrundfoto: newsworldindia.in).

Die Verla­gerung von Geschäfts­prozessen ist ein betriebs­wirt­schaft­liches Dauer­thema. In meinem neuen Buch → „Einfüh­rung in die BWL“ gibt es einen Abschnitt, der sich mit dieser Frage­stellung befasst (→ Seiten 236 bis 239). Proble­matisch sind vor allem solche Auslands­verlagerungen, die aus über­triebenen Kosten­überle­gungen erfolgen. 2003 verla­gerte z. B. der Plüschtier­hersteller Steiff einen Teil der Pro­duktion aus Kosten­gründen nach China. Später zog man ange­sichts massiver Qualitäts­probleme die Not­bremse, stellte die Pro­duktion in China ein und fertigt nun die meisten Plüsch­tiere in Produktions­werken in Portugal und Tunesien. Zu diesen Erläu­terungen in puncto Offshoring passen meine Erleb­nisse während der Druck­vorbereitung wie die Faust auf’s Auge.

Zunächst lief alles sehr glatt. Ende Oktober 2017 war der Entwurf fertig. Über wetransfer.com schickte ich dem Wiley-Verlag eine riesige Word-Datei, 169 Power­point- und 2 jpg-Dateien. Zum Schreiben hatte ich eine Dokument­vorlage des Verlages verwendet. Das Layout des Textes wirkte zwar noch nicht endversions­nah. Aber es gibt schließlich Setzerin­nen und Setzer, die sich darum kümmern, aus der Vorlage eines Autors eine druck­reife Datei zu machen. Vor den Satz­arbeiten prüfte noch eine frei­schaffende Text­lektorin den Entwurf und beseitigte die letzten Rechtschreib- und Zeichen­setzungs­fehler.

Dann gingen die Dateien auf eine lange Reise. Im süd­indischen Chennai (früher: Madras) bastelten Mitarbei­terinnen und Mitarbeiter der Firma SPi Global eine Druck­vorlage. Diese „Korrektur­fahne“ bekam ich als pdf-Doku­ment zur End­kontrolle zurück – und fiel fast in Ohn­macht. Neben zahl­reichen kleinen, fielen drei große Baustellen ins Auge:

(1) Die Forma­tierung vieler Tabellen war missglückt. Spalten, die gleich groß sein sollten, waren unterschied­lich breit, Zahlen­reihen links­bündig ausge­richtet, Inhalte einer Zeile auf verschie­denen Höhen­stufen.

(2) Das Buch enthält fast 400 Quer­verweise, mit deren Hilfe sich verwandte Inhalte und weiter­führende Erläu­terungen in anderen Buch­teilen finden lassen. Im Text­verarbeitungs­programm waren die jeweiligen Ziele dieser Verweise markiert. Um diese zu aktuali­sieren, genügte die F9-Taste. Im pdf, das aus Indien zurück­kam: Alles weg!

(3) Offensichtlich hatten „die Inder“ eine automati­sierte Silben­trennung durch­geführt. Das führte zu einigen echten Fehlern, z. B. Mark-terschließung, Benutzero-berfläche, Wettbewerb-sumwelt. Die Sprech­silben, „wie sie sich beim lang­samen Vorlesen ergeben“ (Duden), sind nicht „Mark“ und „ter“, „ro“ und „ber“ und auch nicht „werb“ und „sum“. Leider haben Inder meist wenig Erfahrung darin, sich lang­sam deutsche Texte vorzulesen. Vor allem hinter­lässt eine voll­automati­sierte Trennung von Wörtern sehr viele lese­unfreundliche Zeilen­umbrüche (Beispiele: preisag-gressiv, Niedriglohnre-gionen).

Liebe Studis, wenn Sie bei mir eine Studien- oder Abschluss­arbeit schreiben, beachten Sie bitte die nach­folgende Empfeh­lung! Sie lässt sich in MS Word beherzigen, wenn man im Fenster „Automa­tische Silben­trennung“ nicht auf „OK“, sondern auf „Manuell“ klickt und dann die Vorschläge von Bill Gates einzeln prüft [→ Anm. 1].

„Da jede Wort­trennung das Lesen erschwert, sollte am Zeilen­ende möglichst nur dann getrennt werden, wenn sich so ein ange­messener Raum­gewinn ergibt.

… D168: Trennungen, die den Leseablauf stören oder den Wortsinn entstellen, sollte man vermeiden.

Man trennt also nach Möglichkeit:
• Spar-gelder statt Spargel-der
• be-inhalten statt bein-halten
• An-alphabet statt Anal-phabet“

Hinweise zur Worttrennung auf duden.de

Im Internet bin ich auf zwei kurzweilige Texte von Leidens­genossen gestoßen. Die Profes­soren Ching-Li Chai, Amnon Neeman und Taka­hiro Shiota verab­redeten 2007 mit der US-Tochter­gesell­schaft des Wissen­schafts­verlages Springer das Buch­projekt „Mumford’s Selected Papers Volume 2“ [→ Anm. 2]. Die drei Mathe­matiker haben die Geschichte in einem 11-seitigen Paper doku­mentiert. Es geht darin nicht nur um SPi Global, sondern auch um unfähige Verlags­manager und andere Unzuläng­lich­keiten. Sehr sarkas­tisch geschrieben, sehr amüsant zu lesen. Stellen­weise brutal offen:

„The typesetter chosen for the job was a company by the name of SPi, based in Chennai. We don’t know how Springer managed to dig out anyone quite so unsuitable for the job; the level of incompetence of SPi was breathtaking.“

Der Informatik-Prof Lorenz M. Hilty schrieb 2015 im Informatik Spektrum über seine Erleb­nisse als Heraus­geber eines Sammel­bands [→ Anm. 3] . Mit den Satz­arbeiten beauftragte der Springer-Verlag „eine Firma in Chennai“ (SPi Global?). Inzwischen kann man Hiltys Klage­lied und über 50 Leser­kommentare auch auf netzpolitik.org lesen.

„Die Korrektur­fahnen sehen aus, als hätte man sie mit einem Zufalls­generator editiert. …
Platzhalter, die wir einge­setzt haben, um auf andere Kapitel des gleichen Bandes zu verweisen, wurden nicht aufgelöst, obwohl das mit mehreren Perso­nen bei Springer per E-Mail verein­bart war; in den Literatur­listen aller Kapitel wurden die Titel sämt­licher Quellen auto­matisch auf Klein­schreibung umforma­tiert, einschließ­lich Abkü­rzungen, sodass wir in Hunder­ten von Fällen beispiels­weise „it“ in „IT“, „un“ in „UN“, „oecd“ in „OECD“ zurück­korrigieren müssen; …
Die Liste der Zerstörungen ließe sich fortsetzen.“

Professor Hilty nennt auch ein gravierendes weiteres Problem. Autoren können ihre Entwürfe nicht mehr selbst ändern, sondern nur Hinweise in ein pdf-Doku­ment schreiben. Natür­lich auf Englisch. Bei der ersten Korrektur­fahne von „Einfüh­rung in die BWL“ waren es rund 1500 Kommen­tare, die ich ins PDF tippte. „Es ist ein Gefühl, wie jeman­dem per Telefon das Töpfern beizu­bringen“, schreibt Hilty. Treffen­des Bild.

Wie Springer und Wiley haben in den vergan­genen Jahren viele große Fach­verlage ihr Geschäfts­modell geändert. Wer die Druck­vorbereitung in ein Billig­lohn­land wie Indien auslagert und die Qualitäts­sicherung auf Heraus­geber und Autoren abwälzt, spart Geld und stei­gert die Rendite. Mit dieser Masche kommen die großen Verlage durch, weil sie als Ver­käufer über Markt­macht verfügen.

Schon 2017, also Monate vor meinen Erleb­nissen mit den indischen Setzern, habe ich übrigens ein neues Buch­projekt verein­bart. Zur Abwechs­lung mal nicht mit dem Wiley-Verlag, sondern … Springer (Gabler).

Das kann ja heiter werden.

Anmerkungen:
[1] Ausnahmsweise ist in diesem Posting die Worttrennung mit Hilfe soge­nannter Soft Hyphens (HTML-Code ­) opti­miert. Diese Mühe mache ich mir sonst in diesem Blog nicht, sondern nur bei gedruck­ten Texten.[↑]
[2] Hier geht es um den Wissenschafts­verlag Springer, dessen Mutter­gesell­schaft Springer Science+Business Media S.A. ihren Sitz in Luxem­burg hat. Springer ist welt­weit der zweit­größte Fach­verlag nach Elsevier. Bis 2003 gehörte der Springer-Verlag zur Bertels­mann-Gruppe. Seitdem war Springer im Besitz wechsel­nder Finanz­investoren, 2013 über­nahm BC Partners die Verlags­gruppe. Der Wissen­schafts­verlag Springer ist nicht zu verwechseln mit dem Medien­konzern Axel Springer, zu dem unter anderem die Bild-Zeitung und „Die WELT“ gehören.[↑]
[3] Randnotiz: Das Informatik Spektrum ist ein Magazin des Springer-Verlags, dessen Geschäfts­modell, die Satz­arbeiten nach Indien zu verlagern und die Qualitäts­sicherung den Autoren zu über­lassen, Hilty so heftig kritisiert. Auf → springer.com können Sie den vier­seitigen Text für 41,59 Euro (26.6.2018) erwerben.[↑]

Verwandte Blog-Einträge:
Offshoring from China
In den vergangenen Jahren fanden zahlreiche Standort­verlagerungen nach China statt. Vor etwas fünf Jahren begannen dann chine­sische Unter­nehmen, die Produktion arbeits­intensiver Produkte in Länder mit noch niedri­geren Arbeits­kosten zu verschieben. Im Posting geht es auch um eine Studie, die 2008 aufzeigte, weshalb Unter­nehmen bisweilen Offshoring-Projekte rück­gängig machten (“Back­shoring”).
Tabellengestaltung für Anfänger
Beim Lesen meiner Lieblings­zeitung blieb mein Blick vor fünf Jahren an einer kleinen Tabelle hängen. Nicht deshalb, weil sie mir beson­ders gut gefiel. Die Tabelle war handwerk­lich schlecht gemacht und leider auch fehler­haft. Ein paar Verbes­serungs­vorschläge später sahen die Tabellen in der FAZ schon besser aus. Im Kommentar­teil des Postings hat dann ein Leser noch einen sehr hilfreichen Link gepostet.