Heute vor 40 Jahren fand auf dem Mönchengladbacher Bökelberg das Fußball-Bundesliga-Spiel der heimischen Borussia gegen Werder Bremen statt. In der 87. Minute steht es 1:1, und die Gladbacher um Günter Netzer machen noch einmal Druck. Flanke in den Bremer Strafraum. Werders Torhüter Bernard lenkt den Ball über’s Tor. Der Gladbacher Stürmer Herbert Laumen kann nicht mehr abbremsen, überrennt den Keeper und landet mit Karacho im Tornetz. – KRACKS! – Auf Höhe der Grasnabe bricht der linke Torpfosten und das Tor fällt zusammen. Bei vielen Fußballfreunden am Niederrhein heisst Herbert Laumen seit diesem 3.4.1971 – laut welt.de – einfach „Pfostenbruch“. Und in der Fußballtorbranche war die Zeit für eine prinzipielle technologische Innovation gekommen: Die Tore aus Holz wurden durch solche aus Aluminium ersetzt.

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In der Ausgabe „Innovation“ des Magazins McK Wissen gab’s Ende 2005 einen Artikel, in dem Alexandros Stefanidis beschrieb, wie das Drama um den abgebrochenen Holzpfosten das Leben des Tischlermeisters Klemens Schäper aus Münster maßgeblich veränderte. Eine ungewöhnliche Fallstudie zum Innovationsmanagement wartet auf Interessierte, die diesem Link folgen:

Klemens Schäpers Betrieb hatte 1960 mit der Produktion von Fußballtoren begonnen. 1967 war er in die erste Liga der Torbauer aufgestiegen: Der FC Schalke 04 bestellte erstmals bei Schäper, dessen Tore wegen ihrer großen Stabilität einen sehr guten Ruf genossen. Doch auch Schalke wechselte nach dem Gladbacher Pfostendesaster wie andere Vereine auf Alu-Tore, die von schwedischen Metallbetrieben geliefert wurden. Es sah ziemlich düster für Schäper aus, als es zu einer neuen Wende kam:

„Kurz nachdem der Markt für Holztore zusammengebrochen war, hatte der Tischler einen 18-jährigen Aluminiumschweißer kennen gelernt, der einen Job suchte. Schäper stellte ihn sofort ein. Schließlich war ihm an den Alu-Toren der Konkurrenz ein entscheidendes Manko aufgefallen: „Die Schweden waren in Europa zwar führend in der Aluminiumverarbeitung, kannten sich aber nicht mit Toren aus. Sie steckten die Ecken nur zusammen, anstatt sie solide zu verschweißen“, sagt Schäper heute. „Dadurch wackelten die Schwedentore ständig.“
Mithilfe des jungen Kollegen baute Schäper sein erstes Aluminium-Tor. […] Klemens Schäper ließ sich auf neue Materialien, Produkte und Prozesse ein. Der kleine Produktionsbetrieb baute sich um […]. Einige Wochen später kamen die ersten Aufträge, zunächst aus Regionalligavereinen, aber irgendwann wollte auch Schalke 04 wieder ein stabiles Schäper-Tor.“
(Stefanidis, A., a. a. O., S. 126, Hervorhebungen nicht im Original)

Das Beispiel Schäpers zeigt zum einen, dass bei prinzipiellen Technologie- bzw. Werkstoffwechseln das bestehende Know-how von Spezialisten für die überholte Technologie entwertet wird, nicht selten massiv. In der Regel reichen die vorhandenen Ressourcen nicht aus, um schnell von Technologie A auf Technologie B umzusatteln. Frisches Know-how für die neue Technologie muss dann wie im Fall Schäper „importiert“ werden.

Ein ähnliches Beispiel: Zu den Konsequenzen des Übergangs von (elektro-)mechanisch geprägten Komponenten und Systemen zu mikroelektronischen stellte der frühere Siemens-Chef von Pierer 1993 fest: „Eine ganze Generation von feinmechanisch ausgebildeten Ingenieuren, Meistern und Facharbeitern mußte innerhalb der Entwicklungs- und auch in der Fertigungsebene binnen weniger Jahre abgelöst werden. An ihre Stelle traten Software-Ingenieure und Mikroelektroniker.“

Zum anderen ist nicht überraschend, dass nach dem Holztor-Kollaps auf dem Markt für Fußballzubehör auch Anbieter aus ganz anderen Branchen auftauchten. Gemeint sind die schwedischen Alu-Betriebe. Für sie wäre ein Erfolg auf dem Markt für Fußballtore eine sogenannte Anwendungsinnovation gewesen. Für Unternehmen, die entsprechend diesem Muster nach einer größeren Anwendungsbreite ihrer Technologie(n) streben, ist meist der Aufbau von marktlichem Know-how die kniffligere Herausforderung als die Beherrschung der Technik.

Zurück zur Bundesliga-Saison 1970/71. Das Pfostenbruch-Spiel wurde 2:0 zugunsten der Bremer gewertet. Fast hätte dieser Rückschlag für die Gladbacher „Fohlen“ dem FC Bayern München und Franz Beckenbauer die zweite Meisterschaft beschert. Mit zwei Punkten Vorsprung durften sich am Ende aber doch Günter Netzer, Berti Vogts, Jupp Heynckes und ihre Mannschaftskameraden über die Meisterschale freuen. Die Bayern verloren am letzten Spieltag gegen den MSV Duisburg. Das waren noch Zeiten!