Vor 20 Jahren wurde das Advanced Photo System vorgestellt. Es wurde ein Milliardenflop
(Foto Kodak C400: Steve Harwood).

Am 22. April 1996 – heute vor 20 Jahren – stellten Vertreter der fünf Firmen Kodak, Canon, Fuji, Minolta und Nikon ein neues System zum analog-chemischen Fotografieren vor. Die Filmpatronen des Advanced Photo Systems (APS) waren nicht mit den dominierenden 35mm-Patronen kompatibel. Wer mit den neuen APS-Filmen fotografieren wollte, brauchte also eine neue Kamera. Bei den Fotodienstleistern waren Investitionen erforderlich, um die APS-Filme zu entwickeln.

Den potentiellen Nutzern wurden zwei nennenswerte Vorteile geboten: (1) idiotensicheres Einlegen und Entnehmen der APS-Filmpatrone sowie (2) zwei Magnetspuren auf dem APS-Film zum Speichern von Zusatzinformationen [→ Anm. 1]. Die Infos auf der einen Spur sind für das Entwicklungslabor, die auf der anderen für die Kamera (z. B. Filmtyp, Empfindlichkeit). Der APS-Fotograf konnte zwischen drei Bildformaten wählen. Für Abzüge im Classic-Format (Seitenverhältnis 3:2 wie bei 35mm) und im superbreiten bzw. -hohen Panorama-Format (3:1) wird nur ein Teil der auf dem APS-Film belichteten Fläche genutzt. Die gesamte Negativfläche ergibt das H-Format (16:9 wie HDTV). Die Formatinfo wurde auf der Magnetspur für’s Labor gespeichert.

APS-Filme waren kleiner als 35mm-Filme, die APS-Patronen deshalb etwas kompakter als die herkömmlichen. Auf die Größe der APS-Kameras hatte dies aber keinen nennenswerten Einfluss, wie das Foto des C400-Modells aus dem Jahr 2000 belegt. Von manchen APS-Nutzern wurde allerdings beklagt, die Qualität der APS-Fotos sei schlechter als bei 35mm-Fotos, weil auf APS-Filmen eine kleinere Fläche belichtet wird.

Vorne eine APS-, hinten eine 35mm-Filmpatrone. Die belichtete Fläche war auf APS-Filmen kleiner als auf 35mm-Filmen (Foto der Filmpatronen: Nutzer „Virgil Kane“ auf → nikon-fotografie.de).

Die Verkäufe von APS-Kameras auf dem deutschen Fotomarkt sind für die Jahre 1996 bis 2002 dokumentiert. 1999 wurden 850.000 APS-Kameras verkauft. Das war ein Marktanteil von fast 20 Prozent. Dann ging es für den neuen Standard schnell abwärts. 2003 fanden weltweit nur noch 1,6 Millionen APS-Kameras einen Käufer (→ welt.de).

„[Das] Advanced Photo System (APS) hat Film- und Kamerahersteller viel Geld, Schweiß und Tränen gekostet. Die Neuheit sollte Hobby-Knipsern ganz neue Möglichkeiten eröffnen, wie etwa Panorama-Fotos. Die Kunden aber ließen sich nicht überzeugen, für APS-Filme und -Abzüge mehr auszugeben: Der Marktanteil ist verschwindend gering. Die Fotoindustrie investiert nicht mehr in das Format, die Kameras werden verramscht.“

1999 wurden 850.000 APS-Kameras verkauft. Danach ging’s abwärts (zum Vergrößern anklicken).

Kodak war mit einem Marktanteil von 50 Prozent führender Hersteller von APS-Kameras. Anfang 2004 gab der „Gelbe Riese“ bekannt, die Produktion von APS-Kameras zum Jahresende zu beenden. In der westlichen Welt war die analog-chemische Fotografie insgesamt am Ende, auch das 35mm-Format. Fotografiert wurde jetzt digital. Die Kodak-Manager hofften noch auf ein paar Jahre, in denen sich billige Fotoapparate für 35mm-Filme in Lateinamerika, Osteuropa und Teilen Asiens verkaufen ließen (→ welt.de).

Der radikale Technologiewechsel zur digitalen Fotografie hatte sich lange angekündigt. Ab Ende der 1990er Jahre waren Digitalkameras dann reif für den Massenmarkt der Gelegenheitsfotografen und fegten analoge Kameras vom Markt. Das Gemeinschaftsprojekt APS war ein letztes Aufbäumen der etablierten Fotofirmen zugunsten der chemisch-analogen Technologie. Wenn eine prinzipiell neue Technologie auf der Bildfläche erscheint, reagieren die bisher führenden Unternehmen häufig mit einer intensivierten Weiterentwicklung ihrer Produkte. In der Literatur ist dies als Sailing-Ship-Effekt bekannt. Der Begriff erinnert an den vergeblichen Versuch, mit Hilfe größerer Segelflächen und Segelschiffen mit bis zu sieben Masten den Siegeszug der Dampfschiffe zu verhindern.

Die aufkommende Digitalfotografie hat dem Advanced Photo System den Garaus gemacht. Das neue, zum 35mm-Standard inkompatible Format war aber ohnehin ein Verlierertyp. Die funktionalen Verbesserungen (idiotensicheres Handling, drei Bildformate) waren in den Augen der Kunden nebensächlich. Ärgerlich waren dagegen die höheren Preise für die APS-Filme und die verringerte Bildqualität. Außerdem brauchten Fotografen für’s APS eine neue Kamera.

In einem Posting („The Worst Camera System …“) schrieb sich im Oktober 2010 der Blogger „Marty4650“ seinen Frust über den Kauf einer APS-Kamera von der Seele:

„… I bought a Canon EOS IX Lite kit for $600 back in 1998. I would have been better off burning the money or giving it to some charity. Because the results I got from this camera were really horrible. Photos were blurry and lacked detail. And it wasn’t just a bad outcome for me, it was a bad outcome for everyone. …

What went wrong? Why did APS fail?
• The image quality was very poor. This was because the negative was less than half the size of 35mm film. … • The film was expensive and could only be processed by special machines. And they were few and far between, so you paid a high premium for processing too. • Standard 35mm cameras got better, smaller and cheaper. Soon, there was no good reason to buy into this new system. • Those multiple aspect ratios were really just crops made during printing. The image quality got worse when you made anything larger than a standard print. • There were only a few print films, there was only one black and white film available, and no slide film was ever produced. These are things advanced shooters want. • Digital cameras got better and prices were dropping rapidly.“

Der damalige CEO George Fisher beteuerte 1997, Kodaks APS-Geräte seien eine nahezu perfekte Kombi aus „Digital“ und „Film“ [→ Anm. 2]. Die anvisierten Kunden wussten es besser. APS-Kameras und -Filme gibt’s schon seit Jahren nur noch auf Ebay.

Anmerkungen:
[1] Wegen der Magnetspur zum Speichern von Zusatzinformationen wurde das APS teilweise auch als „Hybrid“ zwischen analoger und digitaler Fotografie bezeichnet. Im Kern ist das System aber analog-chemisch. Ein mit Silberhalogenid beschichteter Film wird belichtet.[↑]
[2] Aus → Fortune, 13.01.1997: „[Kodak] has launched a blizzard of new products, notably an Advanced Photo System camera called the Advantix, which Fisher describes as »hitting the sweet spot where digital and film meet«.“ Als „Sweetspot“ bezeichnet man im Tennis den optimalen Treffpunkt des Balles in der Mitte des Tennisschlägers.[↑]

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