Vor 500 Jahren vermachte Stadtpfarrer Ulrich Krafft (li.) den Ulmern seine Buchsammlung. Seit 2004 befindet sich die Zentrale der Stadtbibliothek in der Glaspyramide neben dem Rathaus (Foto rechts: G. A. Baratta).

Zu den denkwürdigen Geschehnissen des Jahres 1516 [→ Anm. 1] zählt eine Tat des Ulmer Münsterpfarrers Ulrich Krafft. In seinem Testament vom 1. April vermachte er dem Ulmer Rat seine Buchsammlung als Grundbestand einer zu gründenden Bibliothek. Außerdem stiftete er 100 rheinische Gulden, um aus Zinserträgen weitere Buchanschaffungen zu finanzieren. Der 1. April 1516 gilt damit als Geburtstag der Ulmer Stadtbibliothek. Sie zählt zu den ältesten städtischen Bibliotheken Deutschlands. Als regelmäßiger Nutzer freue ich mich auf das Festprogramm zum 500. Geburtstag.

Am 6. Mai 2016 wird z. B. Andreas Eschbach zum Autorengespräch in der Zentral­bibliothek erwartet. Der bekannte Science-Fiction-Autor („Das Jesus-Video“) wurde 1959 in Ulm geboren. Sachbuchautorin Kathrin Passig kommt am 22. September und macht Vorschläge für einen entspannten Umgang mit Veränderungen (Vortragstitel: „Ich habe ja nichts gegen Veränderungen – aber diese Veränderungen, die sind neu!“). Natürlich werden in den nächsten Monaten auch Führungen durch den historischen Buchbestand angeboten.

Die Südwest Presse hat schon gestern einen Artikel zum großen Geburtstag gebracht. Der Text ist ergänzt um einen Zeitstrahl mit wichtigen Meilensteinen der Bibliotheksgeschichte:

Stadtbibliotheken sind öffentliche Zuschussbetriebe

Am Beispiel einer städtischen Bibliothek lässt sich der Begriff öffentlicher Betrieb erläutern. Ein Betrieb ist allgemein ein sozio-technisches System, in dem Produktionsfaktoren zielgerichtet kombiniert werden, um Sachgüter zu erzeugen und abzusetzen oder Dienstleistungen zu erbringen. In marktwirtschaftlichen Systemen gibt es zwei Grundtypen von Betrieben: private und öffentliche. Private Betriebe werden meist als Unternehmen bezeichnet. Unternehmen haben drei Eigenschaften, die sie von den öffentlichen Betrieben unterscheiden:

1 Privateigentum: Das Unternehmensvermögen gehört einem begrenzten Kreis privater Eigentümer. Bei einer Aktiengesellschaft sind dies z. B. die Aktionäre.

2 Gewinnmaximierung: Für Unternehmen wird als Normalfall angenommen, dass die Eigentümer und Führungspersonen vor allem eine Maximierung der Unternehmensgewinne anstreben.

3 Selbstbestimmung: Die Entscheider in Unternehmen haben im Rahmen gesetzlicher Regelungen und vertraglicher Vereinbarungen eine hohe Entscheidungsautonomie. Sie können zum Beispiel beschließen, die bisherigen Geschäfte mit Reifen, Gummistiefeln und Kabeln um Mobiltelefone zu ergänzen.

Öffentliche Betriebe gehören dagegen dem Bund, Bundesländern, Städten oder Gemeinden (Gemeineigentum), arbeiten nicht gewinnorientiert und erfüllen öffentliche Zwecke. Beispiele für öffentliche Betriebe sind staatliche Hochschulen, Museen, Theater – und Stadtbibliotheken. Auch diese Betriebe müssen mindestens ein finanzielles Gleichgewicht erreichen, um zu existieren (Einzahlungen ≥ Auszahlungen). Öffentliche Kultureinrichtungen sind aber typischerweise Zuschussbetriebe, die ihre Kosten nicht vollständig durch eigene Erlöse decken können. Das gilt, wie die Tabelle mit Finanzdaten des Jahres 2014 zeigt, auch für die Stadtbibliothek Ulm. Großzügige Schenkungen von Stadtpfarrern wie vor 500 Jahren sind inzwischen passé.

Finanzdaten der Stadtbibliothek Ulm, 2014
in Mio Euro
Gebühren und ähnliche Abgaben 0,33
Sonstige Erträge 0,09
  Ordentliche Erträge 0,42  
Personalaufwendungen  -2,01
Aufwendungen für Sach- und Dienstleistungen
(einschließlich Medienetat)
 -0,48
Planmäßige Abschreibungen  -0,17
Sonstige ordentliche Aufwendungen  -0,18
  Ordentliche Aufwendungen  -2,85  
ILV: Serviceleistungen, Z. B. für IT-Unterstützung  -0,20
ILV: Gebäudemanagement -1,11
ILV: Steuerungsumlage  -0,31
Kalkulatorische Kosten  -0,45
  ILV und kalkulatorische Kosten -2,06  
  R e s s o u r c e n b e d a r f -4,49  
ILV = Interne Leistungsverrechnung
Quelle: → Haushaltsplan 2016 der Stadt Ulm, S. 155

Die Stadtbibliothek hatte 2014 annähernd 20.000 aktive Nutzer, die 200.000 Euro Gebühren für’s Ausleihen bezahlten. Für vollzahlende Erwachsene wie mich beträgt die jährliche Gebühr 30 Euro. Kinder bis 18 sind von der Jahresgebühr befreit, Studierende müssen 15 Euro zahlen. Mahn-, Säumnis- und sonstige Gebühren brachten 2014 immerhin fast 140.000 Euro. Die größten Aufwandspositionen sind die Personalaufwendungen (2,0 Mio Euro) und die stadtintern zugeordneten Aufwendungen für die Gebäudenutzung, z. B. für Mieten, Nebenkosten und den Gebäudeunterhalt (1,1 Mio Euro). Für den Kauf neuer Bücher, Zeitschriften und anderer Medien (Medienetat) wurden nur 411.000 Euro aufgewendet. Bemerkenswert: Auf 1 Euro, der direkt in die Medienbeschaffung fließt, kommen rund 10 Euro „Drumherumaufwand“.

Beim internen Kostenrechnen sind die Ulmer schon recht fortschrittlich. Sie berücksichtigen kalkulatorische Kosten. Im internen Rechnungswesen von Unternehmen ist das gang und gäbe, in der öffentlichen Verwaltung aber noch recht neu. Es gibt verschiedene Arten kalkulatorischer Kosten, im Fall der Stadtbibliothek sind kalkulatorische Zinsen gemeint. Durch das Anlage- und Umlaufvermögen ist in einem Unternehmen Kapital gebunden. Die Eigentümer erwarten für den Kapitaleinsatz eine Verzinsung. Sie könnten schließlich ihr Kapital auch anderswo mit alternativen Verdienstmöglichkeiten investieren. Kalkulatorische Zinsen sollen diese entgangenen Erträge, die man auch Opportunitätskosten nennt, widerspiegeln. Diese Überlegung lässt sich auf öffentliche Betriebe und das in ihnen gebundene Kapital übertragen.

Auch in öffentlichen Zuschussbetrieben wird – hoffentlich! – das wirtschaft­liche bzw. ökonomische Prinzip angewendet. Damit ist gemeint, dass die eingesetzten Produktionsfaktoren (Input) möglichst vorteilhaft in Wirtschafts­güter (Output) umgewandelt werden. Der messbare „Output“ einer Bibliothek sind vor allem die Ausleihen. Andere Kenngrößen lassen Rück­schlüsse auf die Vielfalt des Medienangebots und die Nutzerfreundlichkeit zu.

Leistungsdaten der Stadtbibliothek Ulm
  2009 2014  
Ausleihen 1.148.476 1.100.474
Medienbestand 542.910 621.274
Öffnungsstunden 5.380 5.344
Besuche gesamt 567.139 594.231
Aktive Nutzer 22.005 19.815
Quellen: → Haushaltsplan 2016, S. 156; → Haushaltsplan 2011, S. 149 der Stadt Ulm.

Gute Vorsätze

In der „Zielkonzeption 2022“ kann nachlesen, was sich Bibliotheksdirektor Martin Szlatki und die Mitarbeiter(innen) für die Zukunft vorgenommen haben. Der Abschnitt über „meine“ Stadtteilbibliothek in Böfingen hat mich besonders interessiert. Das zentrale langfristige Ziel ist die Erweiterung zu einer „Offenen Bibliothek“ mit insgesamt rund 40 Öffnungsstunden in der Woche. Zu den aktuell nur acht personell besetzten Stunden sollen über 30 unbemannte (bzw. „unbefraute“) Stunden hinzukommen. Der Zugang würde mit Bibliotheksausweis und Passworteingabe erfolgen. Alle Medien sind mit RFID-Chips gekennzeichnet. Super Idee!

Vor fünf Jahren wurden die Öffnungszeiten der Böfinger Teilbibliothek von 16 auf 8 Stunden halbiert. Fast wäre die Einrichtung unter der Überschrift „Haushaltskonsolidierung“ ganz geschlossen worden. Den Bibliotheken am Eselsberg und in der Weststadt blieben damals 16,0 und der Bib in Wiblingen 15,5 Öffnungsstunden erhalten. Vom OB wurde die einseitige Sparmaßnahme sogar noch mit einem blöden Spruch garniert („Wer mit der Straßenbahn von Böfingen zu McDonald’s fahren kann, der kann auch vollends zur [zentralen] Stadtbibliothek laufen.“). Würde man nun den Standort Böfingen wegen der kurzen Öffnungszeiten für ein Pilotprojekt „Offene Bibliothek“ auswählen, wäre das ein feiner, kleiner Treppenwitz der Geschichte.

Fänd‘ ich gut: Die Stadtteilbibliothek Ulm-Böfingen als „offene“ Bibliothek mit langen Öffnungszeiten (zum Vergrößern anklicken).

Mein Wunsch nach längeren Öffnungszeiten der Böfinger Teilbibliothek hat also Chancen, in Erfüllung zu gehen. Anschaffungsvorschläge werde ich weiter in → diesem Forum posten. Nur ein recht spezieller wurde bisher abgelehnt. Mit dem Angebot der Stadtbibliothek bin ich wirklich zufrieden, als Leser und → als Autor.

Danke, Ulrich Krafft! Alles Gute, Ulmer Stadtbibliothek!

Anmerkungen:
[1] Unbedingt erwähnenswerte Ereignisse, die im Jahr 1516 außerhalb Ulms passierten, sind der Erlass des Reinheitsgebots für Bier (23. April), der Baubeginn der Fuggerei in Augsburg und → die Verabschiedung eines Kurmainzischen Amtmanns durch Götz von Berlichingen.[↑]

Verwandte Blog-Einträge:
Ohne Schnörkel: Martin Suter
Zu einem Posting über die Stadtbibliothek passen ein paar Lesetipps. Zuletzt hat mir unter anderem die Lektüre des Bestsellers „Altes Land“ von Dörte Hansen Freude gemacht. 14 Exemplare beginden sich im Bestand der Ulmer Stadtbibliothek. Zu meinen Lieblingsautoren zählt Martin Suter. Im Posting von 2010 finden Sie auch zwei Links zu Leseproben. Medien von Martin Suter im Bestand der Stadtbib werden Ihnen → hier angezeigt.
Mystery im Autohaus
Eine städtische Bibliothek ist ein öffentlicher Dienstleistungsbetrieb. Im Posting „Mystery im Autohaus“ geht es um die Kennzeichen von Dienstleistungen im Vergleich zu Sachgütern.