Adrian Frutiger (1928-2015) und die Schrift „Frutiger“ (Fotos: F. Tettamanti)

Was ist die beste Schrift der Welt für das lateinische Alphabet?
Natürlich die Frutiger.

Vor vier Wochen, am 10. September, ist der Schweizer Schriftgestalter Adrian Frutiger im Alter von 87 Jahren gestorben. Die von ihm entworfene Schrift Frutiger wird als Hausschrift in der Hochschule Ulm verwendet. Als Absolvent(in) können Sie sich darüber freuen, dass Ihr Zeugnis in einer der schönsten Schriften der Welt gedruckt wird. Viele Schriftdesigner, z. B. Erik Spiekermann, von dem das einleitende Zitat stammt, halten die Frutiger sogar für die allerbeste Schriftart, die je entwickelt wurde.

In der Frutiger-Schriftfamilie gibt es zahlreiche Unterklassen (sogenannte Schnitte). Diese unterscheiden sich z. B. in Bezug auf die Schriftstärke (z. B. mager, normal, fett) und die Schriftlage (z. B. normal, kursiv, oblique). Die Frutiger finden Sie im Alltag an vielen Stellen. So ist auch die Wortmarke „ulm“ aus Frutiger-Buchstaben zusammengesetzt, und die Schrift ist die Hausschrift der Stadt Ulm.

Schrift Frutiger im Alltag

Adrian Frutiger wurde am 24. Mai 1928 in Unterseen im Kanton Bern geboren. Er machte eine vierjährige Lehre als Schriftsetzer und studierte von 1949 bis 1951 an der Kunstgewerbeschule Zürich. 1952 wurde er Mitarbeiter der Schriftgiesserei Deberny & Peignot in Paris. 1957 wurde die von ihm entworfene Groteskschrift Univers vorgestellt [→ Anm. 1]. Die Univers „war von Anfang an neu gedacht: als System von einander ergänzenden Fetten und Weiten, die eine Familie mit 21 Schnitten bildeten“, schreibt Erik Spiekermann (→ spiekermann.com).

„Wie allen grossen Schriftgestaltern lag ihm [A. Frutiger] nicht an Exaltiertheit der Form, sondern an Lesbarkeit und Schönheit. Das zeigte sich bereits in seiner ersten bahnbrechenden Schrift, der «Univers», einer serifenlosen Linearantiqua für den Fotosatz aus jener Nachkriegszeit, als Schweizer Gestalter die Prinzipien klassischer Buchgestaltung mit Rastertypografie aufmischten. Die viele Leser zunächst schockierenden Groteskschriften ohne «Füsschen», ohne Serifen, und die für ihre Gestaltung gleichsam in Planquadraten gerasterte Buchseite waren Kinder eines Geistes. Zwei Groteskschriften, die [von Max Miedinger entworfene] «Helvetica» und eben die «Univers», beide zwischen 1957 und 1961 entstanden, machten damals international Furore. Anders aber als die «Helvetica», anders auch als die einförmig geometrischen Schriften des Bauhauses vor dem Krieg war die «Univers» als Schriftfamilie geplant, hatte Adrian Frutiger für sie also auch eigene kursive, schmale, halbfette und fette Formen entworfen.“

Univers-Schriftfamilie I Univers-Beispiele

Die Helvetiva machte zwar etwas schneller Karriere, aber spätestens mit den Olympischen Spielen 1972 wurde auch die Univers weltweit bekannt. Zu dieser Zeit befand sich in Roissy bei Paris der Bau eines neuen Großflughafens in der Endphase. Adrian Frutiger hatte den Auftrag erhalten, eine Schrift für die Beschilderung des Aéroport Charles de Gaulle zu entwickeln. Herausgekommen ist die Alphabet Roissy. „CDG“ wurde am 8. März 1974 eröffnet. Die hervorragende Lesbarkeit der Wegweiser erfreute nicht nur die Flugreisenden. Typografen waren begeistert und wünschten sich eine Druckversion der Signalisationsschrift Roissy. Dies wurde die Frutiger, die 1976 fertiggestellt war. [→ Anm. 2].

Adrian Frutiger schuf über 30 Schriftfamilien. Darunter ist auch die OCR-B, die zum weltweiten Standard für maschinenlesbare Schrift wurde. „Wie allen grossen Schriftgestaltern“, schreibt Joachim Güntner in seinem Nachruf, „lag ihm nicht an Exaltiertheit der Form, sondern an Lesbarkeit und Schönheit.“

„Aus allen diesen Erfahrungen habe ich als Wichtigstes gelernt, dass Lesbarkeit und Schönheit ganz nahe beieinander stehen und dass die Schriftgestalt in ihrer Zurückhaltung vom Leser nicht erkannt, sondern nur erfühlt werden darf. Die gute Schrift ist diejenige, die sich aus dem Bewusstsein des Lesers zurückzieht, um den Geist des Schreibenden und dem Verstehen des Lesenden alleiniges Werkzeug zu sein.“
Adrian Frutiger

Die Univers ist Frutigers Meisterstück. Seine Lieblingsschrift sei aber die Frutiger. Eine Schrift, so der Meister, die „wirklich schön ist, die singt“.

„Mention your admiration of Univers – or even Helvetica – to a font enthusiast and they are quite likely to respond by talking about Frutiger. Frutiger is the typeface that many typographers believe is the finest ever made for signs and directions. And the reason Frutiger is better than Adrian Frutiger’s previous exceptional sans serif, Univers? Because Univers, although a milestone in font design, can be a little rigid and strict: a Univers lower-case e, for example, is almost a circle with a cut in it, both precise and scary. Whereas Frutiger is perfect.“
Garfield 2010, S. 144 (Hervorhebung nicht im Original)

Anmerkungen:
[1] Groteskschriften haben keine Serifen, und die Strichstärke ist (nahezu) gleichmäßig. → Wikipedia.[↑]
[2] Adrian Frutiger: „Ausgangspunkt für die Frutiger waren Vergrösserungen der Roissy. […] Als ich die Roissy-Signalisationsschrift gestaltete, ahnte ich ja nicht, dass daraus einmal eine Textschrift werden würde. Ihre Rundungen und Ausläufe zeichnete ich so markant wie möglich; die Buchstaben und Zeichen sollten so klar und eindeutig sein wie ein Pfeil. All die feinen Details, die zu einer Druckschrift gehören, liess ich beiseite. Denn Signalisationsschrift und Druckschrift sind zwei verschiedene Welten. Bei der Signalisationsschrift sind die Buchstaben und die Ziffern mehr Einzelzeichen; anders bei der Druckschrift, dort muss das ganze Alphabet zusammenspielen.“ (Osterer/Stamm 2014, S. 250).[↑]

Literatur:
Osterer, H.; Stamm, Ph.: Adrian Frutiger, Schriften. Das Gesamtwerk, 2. Aufl., Basel 2014
Garfield, S.: Just My Type. A Book about Fonts, London 2010 (Taschenbuchausgabe 2011).