Die drei Monate von April bis Juni 2015 waren für den Daimler-Konzern sehr erfolgreich. Absatzmenge, Umsatzerlöse, Betriebsergebnis – Im Vergleich zum Vorjahresquartal gab’s bei allen wichtigen Kennzahlen deutliche Verbesserungen. Der operative Gewinn (Earnings Before Interest and Taxes, EBIT) stieg zum Beispiel um 54 Prozent von 2,5 auf 3,8 Milliarden Euro.

Präsentiert wurden die frischen Geschäftszahlen am 23. Juli. Vom Zwischenbericht über Pressemitteilungen bis zu den Präsentationsfolien für die Telefonkonferenz sind auf daimler.com allerlei Infos zum tollen Quartalsergebnis konserviert. Für mich war der Höhepunkt des Tages der Tweet von @Daimler_News „Daimler setzt profitablen Wachstumskurs fort“. Rein textlich war das zwar völlig unspannend, aber die Kurznachricht wurde mit der 3-teiligen Infografik gepostet, die hier zu sehen ist.

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Infografik mit Daimler-Kennzahlen aus dem 2. Quartal 2015

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als Tausend Worte. Dass drei Grafiken dann viel mehr als fünf Worte sagen, leuchtet sofort ein. Auf der rechten Seite kann man das sprunghafte Wachstum des gar nicht mehr kleinen Ebi T. Daimler bewundern. Wenn das Kerlchen in dem Tempo weiterwächst, kann sich hinter ihm bald ein ausgewachsener Marshmallow Man verstecken.

Die Mitarbeiter der Daimler-Konzerns erwirtschafteten in Q2/2015 Umsatzerlöse in Höhe von 37,5 Milliarden Euro. Mit dem Verkauf von Autos, Nutzfahrzeugen und Finanzdienstleistungen lässt sich also dasselbe verdienen wie mit Kiwis, Schafswolle und Hobbit-Tourismus. Wer hätte das gedacht?

Jetzt ist nur noch die linke Grafik zu entschlüsseln. 715.000 Fahrzeuge ist wie Golden Gate Bridge nach Freiheitsstatue? Na klar! Wenn man alle Fahrzeuge aneinanderreiht, die Daimler weltweit von April bis Juni 2015 verkaufen konnte, reicht der Riesenstau von San Francisco bis nach New York. Das ist wirklich viel anschaulicher als die nackten Absatzzahlen (Pkw: 500.694, Nutzfahrzeuge: 125.113, Transporter: 81.611, Busse: 7.341).

Am vergangenen Donnerstag, als Daimler die aktuellen Erfolgszahlen veröffentlichte, stand auf meiner To-Do-Liste: Klausuren korrigieren. Deshalb habe ich die günstige Gelegenheit am Schopf gepackt und die Sache mit dem Autokorso genauer analysiert. Eine Schlange, die aus 714.759 Fahrzeugen besteht (das ist nämlich die genaue Zahl), reicht von der Golden Gate Bridge bis zur Freiheitsstatue. Wie lang ist ein durchschnittliches Fahrzeug? Nicht wundern, in meinem engsten Familienumfeld gibt es zwei Mathematiklehrer.

Auf der Seite → kompf.de habe ich ein praktisches Tool gefunden. Auf der Basis einer idealen Kugel mit einem Radius von 6.378,388 km beträgt die Entfernung zwischen Golden Gate und Lady Liberty 4.134,6 Kilometer.

Rechnung:
L = 4.134,6 Kilometer ÷ 714.759 Fahrzeuge = 578,56 cm/Fahrzeug.

„Probe“:
269,5 cm (smart fortwo) < L < 2.525 cm (Gigaliner). Passt.

Infographiken? Das kann ich auch

„Die Infografik ist ein Element für effektive Leser“, sagte Michael Stoll von der Hochschule Augsburg 2011 in einem Interview (→ zeit.de). Brauchen wir also mehr Infografiken, wurde der Professor für Informationsdesign 2011 gefragt. Seine Antwort: „Auf jeden Fall“. Das verstehe ich als Aufforderung.

Meine selbstgewählte Aufgabe ist eine „coole“ Darstellung einer Information über die Studis „meiner“ Hochschule Ulm. Auf der Suche nach verwertbaren Daten zu jungen Menschen bin ich auf den Seiten des Statistischen Bundesamts fündig geworden. (1) In der Fachserie 11 Reihe 4.1 erfährt man, wieviele Menschen wo in Deutschland studieren. Im Wintersemester 2014/15 waren es an der Hochschule Ulm 945 Studentinnen und 3.117 Studenten. (2) Außerdem kennen die Bundesstatistiker die durchschnittliche Körpergröße der Deutschen. Männer zwischen 20 und 25 sind im Durchschnitt 1,81 m groß, Frauen derselben Altergruppe 1,68 m.

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Auf dem Boden liegend und aneinandergereiht, würden die 4.062 Studis eine 7.229 m lange Menschenschlange bilden. Jetzt brauche ich für meine Infografik nur noch ein geeignetes Bildmotiv. Golden Gate Bridge? Die ist 2.737 m lang. Die Studischlange ist 2,64-mal so lang wie die berühmte Brücke. Der Wow-Faktor dieser Analogie ist leider minimal.

Doch warum in die Ferne schweifen? Als passenden Größenmaßstab gibt’s in Ulm schließlich den Westturm des Münsters. Der ist mit seinen 161,53 m der höchste Kirchturm der Welt. In diesem Jahr wird noch einmal ein runder Geburtstag (125.) gefeiert, bevor in ein paar Jahren wohl der Jesus-Turm der Sagrada Familia in Barcelona den Highscore knacken wird.

7.229 m ÷ 161,53 m = 44,76. Voilà! 4.062 aufeinandergestapelte Studierende sind so hoch wie 44,76 Münstertürme. Und als Infografik:

„Coole“ Grafik 1 (zum Vergrößern anklicken)

Einmal ist keinmal. Das gilt auch für’s Basteln nahezu sinnfreier Infografiken. Zum Glück enthält die Tabelle mit den Biodaten auch die Information, dass Frauen zwischen 20 und 25 durchschnittlich 62,9 kg wiegen. Ihre männlichen Altersgenossen sind im Mittel 16,0 kg schwerer. Auf den Punkt gebracht: Die 945 Studentinnen der Hochschule Ulm wiegen insgesamt fast so viel wie ein Leopard 2-Panzer. Das Gesamtgewicht der 3.117 Studenten ist etwas größer als dasjenige eines unaufgetankten A350-1000-Jets von Airbus.

Mit einem erhöhten Regionalbezug lässt sich der Charme solch schwerwiegender Vergleiche noch steigern. In Neu-Ulm produzieren 3.600 Mitarbeiter der Daimler-Tochtergesellschaft Evobus Stadt- und vor allem Reisebusse. Zur Produktpalette gehört das Setra-Modell ComfortClass 515 HD. So ein Reisebus wiegt leer 13½ Tonnen.

Schlussfolgerung: Die 4.062 Studierenden der Hochschule Ulm haben das gleiche Gewicht wie 22,62 zweiachsige Comfort-Reisebusse.

„Coole“ Grafik 2 (zum Vergrößern anklicken)

4.062 Studierende, 44,76 Münstertürme, 22,62 Reisebusse. Für den ganzen Zahlenkram habe ich auf jeden Fall eine Weile gegoogelt und – hoffentlich richtig – herumgerechnet. Zutreffende Daten sind aber nur die Grundlage für eine gelungene Infografik. So richtig „cool“ ist eine Darstellung in den Augen von Profis nur dann, wenn (1) eine spannende Story visualisiert wird. Und das (2) mit Aha-Effekt und (3) ohne Verständnisproblem beim Betrachter.

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Noch besser finde ich den Coolness-Test von Randy Krum. Der Autor des Buches „Cool Infographics“ erkennt „coole“ Grafiken mithilfe der einfachen Regel: I know it when I see it.

Unwahrscheinlich, dass Randy viel Zeit damit verbringt, Blog-Einträge Ulmer BWL-Profs zu lesen. Das Prädikat „cool“ habe ich meinen beiden Entwürfen deshalb schon mal selbst angeheftet.

Hans-Dieter Klein ist Professor für Mathematik und Statistik. Jetzt geht mein Kollege in den Ruhestand. Mit diesem (grund-)rechenlastigen Posting wünsche ich Dir, lieber Dieter, alles Gute.

Verwandter Blog-Eintrag:
Power-Pointen
Posting über MS Powerpoint, in dem es auch um Diagramme geht. Kann Spuren von Humor enthalten.