„Auf­rich­tig, selbst­be­wusst, un­be­quem – das sind die Mar­ken­zei­chen, mit denen sich der lang­jäh­ri­ge Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, eins­ti­ge CSU Ge­ne­ral­se­kre­tär und jüngs­te Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter der Ge­schich­te im ver­gan­ge­nen Jahr [2009] pro­fi­lier­te. […] Gut­ten­berg strahlt Kom­pe­tenz aus, ist elo­quent, be­steht in­ter­na­tio­nal. Er ist ein Ad­li­ger ohne Al­lü­ren, ver­hei­ra­tet mit der Ur­ur­en­ke­lin von Bis­marck und öko­no­misch un­ab­hän­gig. Die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on reicht bis ins 12. Jahr­hun­dert zurück. Demut vor dem Amt und Pflicht­be­wusst­sein bei der Arbeit sind die Leit­li­ni­en seines Han­delns.“
(amazon.de, zuletzt abgerufen am 30.11.2016)

Dieser bewundernde Text über den „Frei­herrn aus Fran­ken, der jeden seiner Ber­li­ner Kol­le­gen in den Schat­ten stellt“ (ebenda – kicher) stammt nicht von mir. Ich habe ihn auf einer Seite des Fackelträger-Verlages gefunden. Dort wird die 2010 erschienene erste Guttenberg-Biographie beworben, die von Anna von Bayern, einer „Jour­na­lis­tin und Freun­din der Fa­mi­lie“ (ebenda), geschrieben wurde.

In den Zeiten von Computer und Internet habe ich die 100%-kritikfreien Textpassagen zu Beginn dieses Postings natürlich mit Hilfe weniger Klicks und der Strg+C- und Strg+V-Tastenkombination kopiert. Anders als Noch-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (kurz: KT) in seiner Dissertation habe ich die übernommenen Texte aber mit „…“ als Zitat gekennzeichnet und die Quelle genannt. Nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten sollte man sich schließlich nicht mit fremden Federn schmücken.

KT als Texträuber? Zunächst habe ich mich nur gewundert, dann aber auch geärgert. Zum einen versuche ich als Professor den Studierenden klarzumachen, dass sorgfältig erstellte Quellenangaben für Studien- und Abschlussarbeiten wichtig sind. Diese Hinweise sind auch ein Zeichen der Wertschätzung für diejenigen, auf deren Informationen und Erläuterungen man seine eigene Argumentation aufbaut. Zum anderen liefert Guttenberg den Skeptikern Munition, die fest davon überzeugt sind, dass gerade bei juristischen und wirtschaftswissenschaftlichen Promotionen meist die Titelsucht der Doktoranden im Vordergrund stünde. Die Qualität sei für solche Karrieredoktoren eher nebensächlich. Dagegen bin ich überzeugt, dass hinter vielen (längst nicht allen) der jährlich rund 25.000 Promotionen in Deutschland (darunter sind ca. 1.600 juristische, 1.300 wirtschafts- und 2.300 ingenieurwissenschaftliche) eine besondere eigenständige Leistung steht. Und nicht „die x-te Montage von intellektuell ausgelutschten Textbausteinen vorgängiger Textbausteinmonteure“ (eine dennoch originelle Formulierung des Diskussionsteilnehmers namens weghorn auf FAZ.NET, siehe hier).

Zufälligerweise hatte ich erst wenige Tage vor KTs Absturz vom Akademikerolymp mit einem Fall von Copy & Paste zu tun. Angeregt durch ein Zitat in einer Studienarbeit, lieh ich mir den gedruckten Datenträger (Buch will ich das nicht nennen) „Gas geben mit Strom. Elektroautos gehört die Zukunft“ aus der Bibliothek aus. Dann traute ich meinen Augen kaum. Ich hielt eine 200-seitige Sammlung 1:1-kopierter Wikipedia-Artikel in mieser Druckqualität in Händen. Interessehalber schaute ich bei amazon.de mal nach dem Ladenpreis dieses Machwerks. 59 Euro! Nepp in Reinkultur. Mit ein bisschen Googeln zeigte sich, dass es schon Hunderte solcher Wikinepp-Exemplare gibt, die von obskuren Beutelschneidern wie FastBook Publishing oder Alphascript vertrieben werden. Mehr dazu erfährt man im Blog des Medienwissenschaftlers und Plagiatsjägers Stefan Weber (hier klicken), der seit Jahren gegen die Auswüchse von „Websampling“ in Schule und Studium kämpft.

Wer jetzt von Themen wie Copy & Paste, Plagiaten und Wikinepp langsam genug hat, kann gerne mal dieses Dokument aufrufen. Es ist das Ergebnis täuschungsfreier wissenschaftlicher Arbeit – garantiert.