Microsoft lässt Windows 9 aus und hüpft gleich auf Version 10. Applaus?

Im vergangenen Herbst hat Microsoft die nächste Version seines Windows-Betriebssystems angekündigt. Jetzt wurden Details vorgestellt. Von 8.1 geht es gleich weiter zu Windows 10. Die Ziffer 9 wird ausgelassen. Das Beispiel hätte deshalb als „Windows 10 ist das neue 9“ (→ B.Z.) auch schön zum Posting „Alles neu“ gepasst. Die eigenwillige Zählweise von Microsoft-CEO Satya Nadella erinnerte mich an das Thema Leapfrogging. „To leapfrog something“ bedeutet: etwas überspringen. Drei Arten von Leapfrogging (LF) lassen sich unterscheiden: (a) Technologisches LF einer Volkswirtschaft, (b) nachfrageseitiges LF von Käufern eines Produktes und (c) angebotsseitiges LF von Unternehmen.

Leapfrogging gibt’s in 3 Ausführungen

(1) Volkswirte meinen mit Leapfrogging den Sprung von Ländern, die ältere Technologien im Zuge ihrer Entwicklung auslassen und gleich auf Up-to-date-Technik setzen.

Das meinte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, als er in einem Gastbeitrag in der New York Times Anfang 2012 schrieb:
„Developing countries can leapfrog conventional options in favor of cleaner energy solutions, just as they leapfrogged land-line based phone technologies in favor of mobile networks.“

Die größte fehlgeschlagene Leapfrogging-Strategie geht wohl auf das Konto von Walter Ulbricht. Der war in den 1950er und 60er Jahren als SED-Chef der mächtigste Politiker in der DDR. Für den Wettbewerb des DDR-Wirtschaftssystems mit marktwirtschaftlichen Systemen gab der Obergenosse die Losung aus: Überholen ohne Einzuholen.

Laut der Parteizeitung Neues Deutschland hieß das: „Wir wollen dem gegenwärtigen Welthöchststand nicht auf bereits mehr oder weniger bekannten Wegen nacheilen, um ihn zu erreichen. Vielmehr wollen wir, gewissermaßen an ihm vorbei, völlig neue Wirk- und Arbeitsprinzipien, neue Technologien erkunden und praktisch beherrschen und auf diese Weise einen neuen Höchststand bestimmen.“

Der sozialistische Überholversuch endete zwar im Niemandsland (→ „1990: Ende der DDR-Planwirtschaft“). Der Slogan „Überholen ohne Einzuholen“ schaffte aber eine zweite Karriere. Im Westen Deutschlands fand Innovationsforscher Werner Pfeiffer das Motto so treffend, dass er damit eine Strategie von Unternehmen im Technologiewettbewerb beschrieb [→ Anm. 1]. Innovative Firmen imitieren nicht einfach die Erfolgsprodukte eines Pionierunternehmens, sondern bieten ein spürbar verbessertes Produkt an.

(2) Silke-Annette Kaulfuß schaut in ihrer Doktorarbeit durch die BWL-Brille, und versteht unter Leapfrogging „die Entscheidung des Nachfragers, den Kauf eines aktuell am Markt verfügbaren Produktes zu Gunsten einer in Zukunft erwarteten verbesserten Produktgeneration zu verschieben“ (→ Kaulfuß 2007, S. 10). Im Fall von Betriebssystemen wäre das zum Beispiel ein Computernutzer, auf dessen Notebook Windows 7 installiert ist. Windows 8.1 lässt er aus und kauft 2015 eine Lizenz für Windows 10.

(3) Der Schwerpunkt dieses Postings ist das anbieterseitige Leapfrogging. Damit ist die Entscheidung eines Unternehmen gemeint, eine Entwicklungsstufe zu überspringen, um sich auf ein überlegenes Zukunftsprodukt, eine fortgeschrittene Technologiegeneration oder eine ganz neue Technologie zu konzentrieren. Mit anderen Worten: betriebswirtschaftliches „Überholen ohne Einzuholen“ à la Pfeiffer.

Wenn man Microsoft-Managern wie Terry Myerson zuhört, klingt „Windows 10 ist das neue 9“ wie ein passendes Beispiel. Das Auslassen der 9 verdeutliche den großen Sprung der Software. „This will be our most comprehensive operating system and the best release Microsoft has ever done for our business customers“, sagte Myerson (→ Microsoft). Wenn ich bei MS für die Betriebssysteme verantwortlich wäre, würde ich das gewiss auch behaupten. Bin ich aber nicht. Die Windows- und Office-„Neuheiten“ der letzten Jahre waren in meinen Augen missglückte Facelifts. Für Leapfrogging gibt es interessantere Beispiele.

Erfolgreiche Leapfrogger: Siemens Medizintechnik und Ross Brawn

Seit rund drei Jahrzehnten gibt es Nierensteinzertrümmerer. Die sogenannten Lithotripter ermöglichen das Pulverisieren von Nierensteinen mit Hilfe gebündelter Stoßwellen. Das Verfahren heißt extrakorporale Stoßwellenlithotripsie. Sehr erfolgreicher Pionier auf dem Lithotriptermarkt war Anfang der 1980er Jahre das deutsche Unternehmen Dornier. Siemens Medizintechnik, damals wie heute ein führender Anbieter medizintechnischer Großgeräte, gelang ein produkttechnisches Überholmanöver. Beim Zertrümmerer aus dem Hause Siemens erfolgte die Ankopplung des Stoßwellensystems an den Patienten mit einem wassergefüllten Koppelbalg. Das war praktisch und half, Betriebskosten zu sparen. Für die Behandlung mit dem Dornier-Gerät mussten die Patienten noch aufwendig in eine wassergefüllte Wanne gehievt werden.

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In der Formel 1-Saison 2008 war Ross Brawn Teamchef von Honda. Die Honda-Piloten Jenson Button und Rubens Barrichello waren chancenlos. „We had no hope“, erzählte Brawn später. „So we sacrificed the car, and put all our resources into the next season“ (→ theguardian.com).  Ab 2009 galten einige Regeländerungen für die zulässige Technik. Brawn und seine Mechaniker bastelten früher als alle anderen Teams einen Doppeldiffusor. Mit dem Bauteil ließ sich der Anpressdruck so stark erhöhen, dass Brawns 2009er-Boliden in einer normalen Rennrunde eine halbe Sekunde Zeitvorteil herausfahren konnten. Unter dem neuen Namen Brawn GP gewann das Rennteam in der Saison 2009 die Konstrukteurswertung, und Brawn GP-Pilot Jenson Button wurde Weltmeister.

Bemühte Leapfrogger: Toyota und Rolls Royce

Bei Hybridantrieben für Autos ist Toyota („Prius“) führend. An einen Erfolg rein batteriegetriebener Elektroautos glaubt man beim fernöstlichen Autoriesen aber offenbar nicht. Toyota beendete zum Jahreswechsel 2014/15 die Zusammenarbeit mit Tesla und konzentriert sich auf die Brennstoffzelle als Herzstück zukünftiger Kfz-Antriebe. Im Jahr 2030 werde ich einen Blick auf Toyota und die Autoindustrie werfen. Dann dürfte sich herauskristallisiert haben, ob die Leapfrogging-Strategie eine gute Idee der Japaner war.

Im Oktober 2011 stellte der britische Triebwerksbauer Rolls-Royce (RR) ein paar sehr wichtige Weichen. RR verabschiedete sich aus dem Triebwerkskonsortium International Aero Engines (IAE) und kündigte ein neues Gemeinschaftsunternehmen mit Pratt & Whitney (P&W) an. Mit P&W werde man, so die Ansage von RR, Triebwerke für eine komplett neue Generation der A320-Familie von Airbus entwickeln. Auf der aktuellen Airbus-Agenda steht allerdings nicht eine völlig neuentwickelte A320-Familie, sondern nur der aufgefrischte A320 neo. Und an einem Konsortium für die A320 neo-Triebwerke ist RR nicht beteiligt.

„Wenn wir in ein neues Triebwerk investieren, tun wir das für ein neues Flugzeug, nicht für eine Übergangslösung“, gab 2011 ein RR-Manager selbstbewusst zu Protokoll (→ FAZ.NET). So richtig clever war die strategische Entscheidung bei RR aber wohl doch nicht. Ihre Partnerschaft für etwas völlig Neues lösten RR und P&W im September 2013 aus wettbewerbsrechtlichen Gründen wieder auf. Dass RR im A320-Segment in 10, 15 Jahren alleine ein Comeback als Triebwerkslieferant schafft, gilt als unwahrscheinlich. Die Briten müssen nun erst einmal das Beste aus der weiterhin guten Marktposition machen, die sie bei Antrieben für Großraumflieger innehaben. RR liefert beispielsweise derzeit als Monopolanbieter das Triebwerk für den neuen Airbus-Langstreckenflieger A350 XWB.

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Für die entfernte Zukunft hat Rolls Royce eventuell noch ein heißes Eisen im Feuer. Das Open Rotor-Konzept. Ric Taylor, der F&E-Chef von RR, ist ein großer Freund dieser Technologie. Man findet im Netz mehrere Präsentationen von ihm, z. B. „Green Aeroengines“ von 2011.

Erfolglose Leapfrogger: Walter Ulbricht und Infineon/Qimonda

Von Walter Ulbricht war oben schon die Rede. „Überholen ohne Einzuholen“ lässt sich auch der Plan überbeschreiben, mit dem Infineon um das Jahr 2005 das eigene Speicherchipgeschäft wieder flottmachen wollte.

Infineon stieg deutlich verspätet in das Geschäft mit Flashspeichern ein. Erst Anfang 2004 stellte das Unternehmen einen 512 MBit-Chip als ersten eigenen Flashspeicher mit sogenannter NAND-Architektur vor. Die Hoffnungen ruhten auf der TwinFlash-Technologie. Dabei werden in einer Transistorzelle des Speicherchips gleich zwei separate Bits (Twin) gespeichert. Im Vergleich zu den gängigen Floating-Gate-Technologien mit nur einem Bit pro Zelle sollte TwinFlash kleinere Chip-Abmessungen und geringere Produktionskosten ermöglichen.

Das Allerbeste: Die Produktionsverfahren für DRAM-Speicher (das sind die klassischen Chips für die Arbeitsspeicher eines Computers) und NAND-Flashspeicher sind grundsätzlich ähnlich. Bestehende DRAM-Produktionslinien können deshalb mit relativ geringem Anpassungsaufwand auf die Produktion von NAND-Flashspeichern umgestellt werden.

Ein Infineon-Manager erläuterte damals zuversichtlich:
„Durch die Ergänzung um Flashprodukte baut Infineon sein Speicherproduktportfolio wesentlich aus und kann seine Speicherproduktion nun flexibel zwischen DRAM und Flash aufteilen. Die TwinFlash-Technologie erlaubt uns die Produktion von Flashspeichern auf vorhandenem Equipment aus der DRAM-Fertigung und damit den Einstieg in einen neuen Markt ohne wesentliche Investitionen in zusätzliche Produktionsanlagen.“

Das klang nicht nur viel zu schön, um wirklich wahr zu werden. Das war auch viel zu schön, um wirklich wahr zu werden. 2006 war die Entwicklung bei den Produktionstechnologien für NAND-Flashspeicher derjenigen bei DRAM-Speichern bereits um 1 bis 2 Generationen voraus. Für die Produktion von konkurrenzfähigen Flashspeichern hätte Infineon in weiter fortgeschrittene Lithographieverfahren investieren müssen.

„Samsung und Toshiba offerieren bereits Flashs mit einem Gigabyte Kapazität. Sie produzieren diese massenhaft in 90 nm-Technik und erzielen so Margen von gut 50 Prozent. Infineon dagegen stieg viel zu spät und halbherzig in das neue Geschäft ein. Deshalb können die Münchener derzeit nur Flashkarten mit 512 Megabyte anbieten, die mit 170 nm Breite hergestellt werden. Entsprechend lausig fallen die Margen für die veralteten Produkte aus.“

Anfang 2009 segelte das von Infineon unter dem Kunstnamen Qimonda ausgegliederte Speicherchipgeschäft schließlich in die Pleite (→ „Pleite eines notorischen Zu-spät-Kommers“).

Verbale Leapfrogger: Microsoft und Vorwerk

Die vorangegangene Infineon/Qimonda-Geschichte ist auch ein Beispiel für Verbal-Leapfrogging. Die größten Sprünge machen dabei die Texter in den PR-Abteilungen. Der technische Neuheitsgrad der angepriesenen Produkte und Technologien ist hingegen begrenzt.

Viel Wortakrobatik begleitete im Herbst 2014 die Markteinführung des neuen Thermomix-Geräts. Der neue TM5 löste den TM31 ab, den langjährigen Verkaufsschlager aus dem Hause Vorwerk. Einen TM4 gibt’s nicht.

Der Thermomix TM5 löste 2014 den TM31 ab. Dank „Rezept-Chips, Touchscreen und Guided-Cooking-Funktion“ eine „Revolution in der Küche“, wenn man Vorwerks PR-Abteilung glaubt. Wohl eher verbales Leapfrogging.

Auf den ersten Blick sehen sich TM31 und TM5 ja recht ähnlich. Unterschätzen Sie dennoch nicht das Ausmaß des technischen Fortschritts, der im TM5 steckt!

»“Die Zeit ist reif für eine weitere Revolution in der Küche: Mit dem neuen Thermomix wird Kochen digital“, erklärt Dirk Reznik, CEO Vorwerk Thermomix. „Damit beweist Vorwerk erneut herausragende Innovationskraft.“ Mit einzigartigen Technologien wie Rezept-Chips, Touchscreen und der Guided-Cooking-Funktion definiert der Thermomix das Kochen neu. Die benutzerfreundliche Funktionalität zeigt sich zudem in der neuen Verriegelungstechnik des Deckels: Wird der Thermomix in Betrieb genommen, verriegelt sich der Deckel automatisch. Neu ist auch der größere Mixtopf aus Edelstahl mit 2,2 Liter Fassungsvermögen.«

Revolution in der Küche, Guided Cooking, automatische Deckelverriegelung. Ich bin unschlüssig, ob ich dieses Posting mit „Radikale Innovation“ oder vielleicht doch mit „Spaß“ beschlagworten soll.

Zurück zu Microsofts Windows. Für das Überspringen der Zahl 9 gibt es inzwischen eine plausiblere Erklärung als das Marketing-Geblubber von Mr. Myerson. Der Name „Windows 9“ könnte bei Abfrageroutinen zu Problemen führen. Drittanbieter-Programme enthalten häufig die Abfrage „Windows 9*“, um die Versionen Windows 95 und Windows 98 zu erkennen. Windows 9 könnte von der 3rd-Party-Software fälschlicherweise für Windows 95/98 gehalten werden. Der Kniff, die 9 auszulassen, ist einfach eine pragmatische Lösung, um Verwechslungen auszuschließen.

Zum Thema Leapfrogging passt die Windows 10-Story also doch nicht so ganz. Wer auf die Suche nach Microsoft und Leapfrogging geht, wird trotzdem fündig. Ende Januar präsentierte MS die holografische Computerbrille HoloLens. Über die halbtransparente Brille lassen sich im Blickfeld des Anwenders z. B. virtuelle Gegenstände einblenden. An Googles Datenbrille Glass ist Microsoft schon vorbeigehüpft. Der Suchmaschinenriese hat den Verkauf seiner „Glassholes“ gerade eingestellt. Bleibt nur die Frage, ob die Holobrille den Sprung in die Herzen der Kunden schafft.

Schöne neue virtuelle Welt mit Microsofts holografischer Brille HoloLens.

Anmerkung:
[1] Mit „Überholen ohne Einzuholen“ überschrieben ist z. B. das 4. Kapitel in Pfeiffer et al.: Technologie-Portfolio zum Management strategischer Zukunftsgeschäftsfelder, Göttingen 1982.[↑]

Literatur:
Kaulfuß, S.-A.: Ein Ansatz zur Erfassung des Leapfrogging-Phänomens. Grundkonzept, modelltheoretische Basis und empirische Befunde, Wiesbaden 2007 (→ auf Google Books teilweise online).

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