Carl Benz, sein Motorwagen und das dazugehörige Patent (Fotos: Daimler)

Der 29. Januar 1886 war ein besonderer Tag. Heute vor 125 Jahren meldete Carl Benz (1844-1929) beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin seine Entwicklung „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent an. Dies gilt als der Geburtstag des Automobils. Das Jubiläum wird 2011 groß gefeiert, und auch in diesem Blog wird es in diesem Jahr eine Reihe von Postings zur Automobilgeschichte und -zukunft geben.

Die Erfindung des Autos lag in den 1880er Jahren in der Luft. Nicolaus August Otto (1832-1891) hatte bis 1876 einen Viertaktmotor entwickelt und gebaut, der nach dem Prinzip der verdichteten Ladung eines Flüssigtreibstoff-Luft-Gemischs funktionierte. Dies war der Urahn moderner Verbrennungsmotoren. Die Idee „Motor + Fahrgestell = Kutsche ohne Pferde“ hatten dann mehrere Erfinder. Zum Beispiel auch die Franzosen Edouard Delamare-Deboutteville (1856-1901) und Leon Malandin (1849-1912), die schon 1884 in Frankreich ein Patent („Pour un moteur à gaz perfectionné et ses applications“) anmeldeten, in dem wesentliche Merkmale eines verbrennungsmotorangetriebenen Automobils beschrieben werden. Rechtzeitig zum großen Jubiläum hat das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) eine sehr lesenswerte Rubrik zur Geschichte des Automobils erstellt.

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Über das „Break“-Konzept von Delamare-Deboutteville und Malandin liest man dort, dass dessen Praxistauglichkeit – anders als beim dreirädrigen Patent-Motorwagen von Benz – nicht durch eine von Zeugen bestätigte Ausfahrt nachgewiesen werden konnte. Außerdem waren auch Gottlieb Daimler (1834-1900) und Wilhelm Maybach (1846-1929) schon vor 1886 nah an der Autoidee. Die beiden konstruierten 1885 den sogenannten Daimler-Reitwagen, ein hölzernes Zweirad mit 0,5-PS-Motor – das erste Motorrad der Welt. Im Herbst 1886 folgte dann die Motorkutsche, das erste vierrädrige Automobil.

Anhand des Motorwagens von Benz lässt sich erläutern, dass bei prinzipiellen technologischen Systeminnovationen der technische Neuheitsgrad teilweise gestaltbar ist. Der Mannheimer ersetzte nicht nur den bisherigen Antrieb Pferd durch einen Ottomotor. Das wäre in der Systematik von Henderson und Clark (→ Posting „20 Jahre Innovationsmodell …“) – überspitzt formuliert – nur eine modulare Innovation gewesen (neue Komponententechnologie, aber ähnliches System). Carl Benz konzipierte den Motorwagen aber als ein ganz neues System. Der Historiker Kurt Möser vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beschreibt die besondere Leistung des Autopioniers Benz so: „Das Geniale an ihm war, dass er das Auto als erster als Einheit gedacht hat und alle Komponenten auf die Erfordernisse des neuen Gefährts zugeschnitten hat“ (zitiert nach diesem Artikel auf focus.de).

Die Unterschiede zwischen dem Motorwagen und einem Auto von heute sind enorm. Die Höchstgeschwindigkeit betrug damals vor 125 Jahren 16 km/h. Auch die Versorgung mit Kraftstoff war eine Herausforderung. Heute können sich Autofahrer in Deutschland an 14.410 Tankstellen mit Kraftstoff versorgen. Auf ihrer legendären Fahrt von Mannheim nach Pforzheim und zurück (ca. 180 km) musste sich Bertha Benz 1888 in der Stadtapotheke (!) von Wiesloch mit dem Leichtbenzin Ligorin versorgen, das zu jener Zeit eigentlich als Fleckentferner genutzt wurde. Kaum verwunderlich, dass der Benzsche Wagen angesichts seiner anfänglichen Unzulänglichkeiten auf große Skepsis stieß. „Die Menschen sammeln sich an, lächeln und lachen. Das Staunen und Bewundern schlägt um in Mitleid, Spott und Hohn. […] so entspann sich bei jedem Steckenbleiben in der Stadt oder später draußen in den Dörfern eine Debatte vernichtendster Kritik“, schrieb Carl Benz in den 1920er Jahren in seinen Erinnerungen „Lebensfahrt eines deutschen Erfinders“.

Kaiser Wilhelm II. wird die Fehleinschätzung zugeschrieben: „Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehend Erscheinung“ (steht z. B. auf dieser Seite). Da hat sich der letzte deutsche Monarch gründlich verschätzt. Weltweit fahren heute annähernd 1 Milliarde Kraftfahrzeuge (Pkw + Nutzfahrzeuge) durch die Gegend. Der weltweite Pferdebestand: rund 60 Millionen Pferde (siehe hier).

In anderen Worten: Auf 1 Pferd kommen zur Zeit 15 Automobile.