Das neue Rauchen – Das neue Grün – Das neue Öl – Die neue Kate Middleton

Am Montag ist das Fass übergelaufen. Es steht irgendwo in meiner linken Hirnhälfte, und seit etwa einem Jahr landen dort Sprachfiguren des Typs „X ist das neue Y“. Das erste Sammelstück war die Schlagzeile „Sitzen ist das neue Rauchen“. Jetzt hieß es in der FAZ, „Weniger“ sei „das neue Mehr“. Darin ging es um die Sharing-Ökonomie, also den Trend, nützliche Dinge wie ein Auto nicht mehr zu kaufen, sondern bei Bedarf zu mieten.[→ Anm. 1] Vor drei Monaten im Tagesspiegel lief das Thema unter: „Teilen ist das neue Haben“.

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Bei mir funktionieren diese Anreißer. Ich klicke gleich auf den „Mehr lesen“-Link, weil ich unbedingt erfahren will, weshalb Blau angeblich das neue Grün ist oder Orange das neue Schwarz. Die Auflösungen der Denksportaufgaben sind dann zum Teil recht trivial. Die neuen Polizeiuniformen sind eben blau statt grün. Groteske Behauptungen wie „Dagegen ist das neue Dafür“ oder „Falsch ist das neue Richtig“ haben für mich dennoch Sammlerwert. Sie bringen mich zum Lachen. Sie, liebe Blog-Leser, vielleicht auch. Deshalb besteht die zweite Hälfte dieses Postings aus meiner aktuellen „X ist das neue Y“-Hitliste.

Zuvor noch ein bisschen Theorie: Beim Googlen bin ich darauf gestoßen, dass man sich in den USA schon länger mit den „X is the new Y“-Statements beschäftigt. Sie gelten als Paradebeispiel für ein phrasal template oder „snowclone“.

»Snowclone is a neologism for a type of cliché and phrasal template originally defined as „a multi-use, customizable, instantly recognizable, time-worn, quoted or misquoted phrase or sentence that can be used in an entirely open array of different variants“.«

In der deutschen Wikipedia gibt es für die „Phrases for lazy writers in kit form“ noch keine passenden Einträge. Allerdings hat ein gewisser Nick auf → leo.org schon eine treffende Übersetzung für phrasal template hinterlassen: Phrasenschablone.

Für viele Journalisten und Blogger gehört die „X ist das neue Y“-Vorlage inzwischen offenbar zum täglichen Handwerkszeug. Das führt bei einigen Ypsilons schon zu Verwirrung. Um die Rolle als neues Schwarz konkurrieren unter anderem Weiß, Blau, Silber, Bunt, Nackt (?), Fleisch (??) und Plastik (???).

Ein heißer Kandidat für den Titel der schrägsten „X ist das neue Y“-Kombi ist für mich: „Maschinenbau ist das neue BWL“. Technische Mechanik und betriebliches Rechnungswesen haben zwar nicht viel miteinander zu tun (eigentlich: gar nichts). Es geht → hier aber um die (angeblich vergleichbare) Studenten- und Absolventenschwemme bei BWL (früher) und MB (heute). Also, ich weiß ja nicht …

Als Professor für Innovationsmanagement habe ich auch mal versucht, mir eine neue „Ist das neue“-Phrase auszudenken. Beim Verputzen einer dunklen Vollnuss aus dem Hause Ritter Sport kam der Geistesblitz: Schokolade ist das neue Gemüse. Toller Ernährungstrend, oder? Aber auch dieses Twinset gibt’s schon (nämlich → hier).[→ Anm. 2]

Ich sag’s doch: Das Fass läuft über.

Anmerkungen:
[1] Der „Weniger ist das neue Mehr“-Artikel in der FAZ ist die Übersetzung des Artikels „Don’t believe the hype, the ’sharing economy‘ masks a failing economy“ von Evgeny Morozov (→ the guardian, 28.09.2014). Morozov beobachtet die Uber- und Airbnb-Apps eher skeptisch. Ich versteh‘ gar nicht, was das „neue Mehr“ im deutschen Titel bedeuten soll. Klingt halt gut. [↑]
[2] Ich muss zugeben, dass ich noch eine Idee hatte. Und auf die ist bisher scheinbar noch niemand gekommen: JVA Landsberg ist die neue Säbener Straße. Für den Hauptteil des Postings ist das aber einfach zu fies. Und sorry, Uli! [↑]