Mechanische Schließsysteme lassen sich ersetzen,
z. B. durch biometrische oder codebasierte Zugangskontrollen.

Wenn ich von zu Hause aufbreche, versuche ich, an zwei Dinge zu denken: mein Portemonnaie und meinen Schlüsselbund. Langsam kann ich mir das wohl abgewöhnen. Schlüssel und mechanische Schließanlagen werden durch andere Systeme zur Zugangskontrolle ersetzt. Die Gesichtserkennung sei fertig, lese ich im „Digital Twin“-Blog der FAZ und der New York Times. Von nun an könne die Menschheit auf Wohnungsschlüssel, Flughafensicherheitspersonal [→ Anm. 1] und Passwörter verzichten – „face it“.

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Außer unveränderlichen Körper- und Verhaltenseigenschaften kommen als Schlüssel 2.0 auch transponderbestückte Uhren, Chipkarten oder Smartphones in Frage. Überdies lassen sich reale und virtuelle Zugänge mit codebasierten Systemen regulieren. PIN steht schließlich für Persönliche Identifikationsnummer.

Auf diese radikalen technologischen Innovationen bin ich seit zweieinhalb Jahrzehnten bestens vorbereitet. In seiner Grundstudiumsvorlesung „Produktion 1“ legte mein späterer Doktorvater → Professor Werner Pfeiffer viel Wert darauf, uns BWL-Startern den Begriff Funktion zu verdeutlichen. Um technologische Trendbrüche frühzeitig erkennen zu können, so Pfeiffer, bräuchte man einen funktional-abstrakten Blick. Sein Lieblingsbeispiel war schon damals ein mechanisches Schließsystem. „Kommilitonen, beschreiben Sie bitte die Funktion eines Schlüssels!“ Bei solchen Fragen – aufgeworfen zu früher Morgenstunde [→ Anm. 2] – war ich heilfroh über meinen Sitzplatz inmitten Hunderter Studis im Hörsaal H4 der Nürnberger WiSo-Fakultät. Sicheres Terrain. Die Funktion von Schlüsseln durften die studentischen Mitstreiter aus den ersten Sitzreihen mit dem Prof erörtern.

Funktional betrachtet – das kam schon damals im Audimax heraus –, ist ein Schlüssel ein Informationsträger. Wenn man den Bogen gleich etwas weiter spannt, lässt sich sagen, dass ein Schließsystem dazu dient, Zugänge zu regulieren. Nur für zugangsberechtigte Personen soll sich das Haus, das Auto oder der Dachgepäckträger mit den teuren Skiern öffnen. Das Mission Statement [→ Anm. 3] eines Unternehmens, das mechanische Schlüssel und Schließsysteme herstellt, könnte also durchaus lauten: „Wir sind Sicherheitsproduzenten.“

Zu dieser funktionalen Sicht auf ihr Unternehmen kommen Mitarbeiter gewiss nicht, während sie mit Meldungen für das Statistische Bundesamt beschäftigt sind.

Nach der aktuellen Klassifikation der Wirtschaftszweige gehören Hersteller mechanischer Schließsysteme in die Unterklasse 25.72.0 des Verarbeitenden Gewerbes.

25.72.0
Herstellung von Schlössern und Beschlägen aus unedlen Metallen
Diese Unterklasse umfasst: Herstellung von Vorhängeschlössern, Schlössern, Sicherheitsriegeln, Verschlüssen mit Schloss, Schlüsseln sowie Beschlägen und ähnlichen Waren aus unedlen Metallen für Türen von Gebäuden, Möbeln, Fahrzeugen usw.

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Am Rande notiert: Produzenten von Schlössern und Beschlägen aus edlen Metallen sind in der 828-seitigen Liste des Statistischen Bundesamtes nicht vorgesehen. Im Vergleich zur funktionalen Positionierung als Anbieter auf dem Sicherheitsmarkt ist die Zuordnung bei den Statistikern viel enger.

„Im Gegensatz zu einer strukturorientiert- phänomenologischen Beschreibung, die an konkreten (äußeren) Merkmalen von Produkten und Verfahren ansetzt, […] zielt eine funktionsorientierte (funktionale) Charakterisierung auf den eigentlichen Zweck der Technologieverwendung, die Bedürfnisse der Abnehmer- bzw. Anwendersysteme. […] Da sich in diesem Sinne jede funktionale Beschreibung von der Ebene konkreter Produkte und Verfahren löst, also eine Abstraktion darstellt, sprechen wir auch von funktional-abstrakter Technologie- bzw. Bedarfsbeschreibung.“
→ Pfeiffer et al.: Funktionalmarkt-Konzept (1997), S. 88.

Eine funktionsorientierte Perspektive hilft Unternehmen im Zuge der strategischen Technologiefrüherkennung. In einer Explorationsphase zu Beginn der Planung sollte regelmäßig Ausschau gehalten werden nach Alternativen zu eigenen Technologien. Besonders relevant sind dabei völlig andersartige Technologien, aus denen sich langfristig Trendbrüche bzw. radikale Innovationen entwickeln könnten. Die gedankliche Klammer um bereits bekannte und aufzuspürende neue Technologien ist ihre funktionale Äquivalenz. Alt und neu müssen im Hinblick auf ein Problem gleichermaßen als Lösungsprinzipien in Frage kommen.

Wenn man auf diese Weise nach Alternativen zum mechanischen Schlüssel sucht, erscheinen gleich drei völlig andersartige Technologien (man könnte auch Technologiegruppen sagen) auf dem Radarschirm: (1) Systeme mit mikroelektronischen Informationsträgern, (2) codebasierte Systeme und (3) biometrische Systeme, z. B. solche zur Personenerkennung anhand von Gesichtsmerkmalen oder Fingerabdrücken.

Zum mechanischen Schlüssel gibt es mehrere technologische Alternativen. Sie lassen sich in drei  Suchrichtungen aufspüren:
• „Was man hat“,
• „Was man weiß“
• „Was man ist“


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Ein funktionsorientierter Blick auf eigene Produkte und Technologien geht einher mit einer bedarforientierten Beschreibung des Marktes, auf dem man als Anbieter agiert. Ein Hersteller mechanischer Schließsysteme, der sich als Akteur auf dem Markt für Autorisierungssysteme versteht, sollte den Trend zu Mikroelektronik und Biometrie schon vor 25, 30 Jahren erkannt haben.

„A technology […] is a form of solution to a customer’s problem“ (Abell 1980, S. 172, → Anm. 4) – Das Credo funktionsorientierter Denker hilft auch, wenn es um neue Anwendungen bzw. Märkte geht, die sich mit einer Technologie möglicherweise erschließen lassen. In bereits etablierten Unternehmen können solche Überlegungen den Ausgangspunkt für Wachstum durch Anwendungsinnovationen bilden.

Biometrische Erkennungssysteme sind nicht nur eine mögliche Substitutionstechnologie für mechanische Schließsysteme. Ein biometrisches Tool könnte auch in Produkte integriert werden, bei denen bisher gar keine Autorisierung der Nutzer stattfindet. Haben Sie „Skyfall“ gesehen, den letzten James Bond-Film? Darin bekommt 007 von Q, dem Quartiermeister (tolles Wort), eine neue Walther PPK. In den Griff der Pistole ist ein System eingebaut, das den Agenten anhand seines Handflächenabdrucks identifiziert. Eine andere biometrische Smart Gun-Technologie misst an mehreren Punkten den Druck, mit dem der Schütze den Griff der Waffe umfasst. Das persönliche „Griffmuster“ (grip pattern) eines Menschen sei einmalig, sagen die Forscher.

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Smart Guns: 1. Mehr Fiktion als Fakt: James Bonds Walther PPK mit biometrischem System zur Erkennung der Handfläche 2. Prototyp einer Pistole mit biometrischem System zur Erkennung des „Griffmusters“ 3. Armatix Smart System mit Funkarmbanduhr und Pistole 4. Armatix Quicklock. Die Links führen jeweils zu detaillierteren Informationen.

Die Handflächenerkennung à la James Bond ist bisher mehr Fiktion als Fakt. Außerdem haben die biometrischen „Was man ist“-Identifizierungssysteme für Waffen technologische Konkurrenz. Zum Beispiel gibt’s von der deutschen 30-Mitarbeiter-Firma Armatix ein System, bei dem der Zugriff und die Nutzung einer Waffe mit einer Funkarmbanduhr kontrolliert werden. Die iP1 genannte Pistole kann nur abgefeuert werden, wenn sie sich im Funkbereich der iW1-Uhr befindet. Und an der Uhr ist zuerst ein PIN-Code einzugeben. Das gesamte System ist gewissermaßen eine „Was man hat“-„Was man weiß“-Kombilösung. Technologisch smart, für Geheimagenten und Streifenpolizisten, die’s eilig haben, aber wohl etwas zu viel Zeitaufwand für’s Eingeben.

Die Armatix GmbH ist 2004 aus der SimonsVoss AG hervorgegangen. SimonsVoss wurde 1995 in München gegründet und bezeichnet sich heute als „europäischer Markt- und Technologieführer für digitale Schließ- und Zutrittskontrollsysteme“. Man sieht: Die Entwicklung und Markteinführung der Armatix-Waffensicherungssysteme ist eine lupenreine Anwendungsinnovation. In der Marketing-Welt heißt die entsprechende Wachstumsstrategie Marktentwicklung.

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Seit 1995 digitale Schließ- und Zutrittskontrollsysteme, ab 2004 Waffensicherungssysteme: Die Entwicklung der Armatix-Systeme ist eine Anwendungsinnovation (high-res-Grafik).

Und was soll ich nun mit dem rein mechanischen Schließsystem an meiner Haustür machen? Mich wirklich verabschieden und ein System mit Gesichtserkennung installieren?

Ich werde mit dem Technologiewechsel in Richtung Biometrie noch ein wenig warten. Gerade las ich in der FAZ einen Bericht über die Lern-Plattform Coursera. Wer dort an einem Massive Open Online Course (MOOC) teilnehmen will, muss eine Probe seines Tippstils an der Tastatur und ein Foto seines Gesichts hinterlassen, das von einem offiziellen Dokument stammt. Regelmäßig werden später neue Tippsequenzen und aktuelle Webcam-Fotos des Gesichts erbeten.

Coursera vs. Reality:

„Your typing pattern is unique to you – like a fingerprint – and can be matched by analyzing key characteristics such as the time (in milliseconds) between your keystrokes and the length of time for which you press a key down. Your face photo is matched to the face photo submitted at registration. This double-verification system gives us high confidence that you are participating in the course and submitting your own work.“

„Die Maßnahmen zur Feststellung der Identität sind lästig – … Wirksam sind sie nicht. Auch nach Einsendung eines Fotos der Zimmerdecke und den Tastatureingaben eines Freundes erscheint der nach oben gestreckte Daumen auf dem Bildschirm:
»Danke, Identität bestätigt.«

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Anmerkungen:
[1] Im vorangegangenen Posting → „Bedrohte Arten“ ging es um berufliche Tätigkeiten, die heute noch von Menschen ausgeführt werden, in Zukunft aber durch Automatisierung bedroht sind.[↑]
[2] Die Vorlesungen begannen um 7.30 Uhr und hatten bei manchen Teilnehmern den Beinamen „Pfeiffers Late Night Show“.[↑]
[3] Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich kein Fan der denglischen Sprachkultur bin. Ausnahmen bestätigen die Regel. → Mission Statement hört sich in meinen Ohren einfach viel besser an als Unternehmensleitbild. Oder?[↑]
[4] Aus Derek Abells „Defining the Business. The Starting Point of Strategic Planning“ (1980) stammt auch diese Definition: „In reality the product should be considered simply as a physical manifestation of the application of a particular technology to the satisfaction of a particular function for a particular customer group“ (S. 170). Dreieinhalb Jahrzehnte alt, leider vergriffen, nicht online verfügbar, aber noch immer lesenswert, das Buch. Ein Fall für die Fernleihe.[↑]

Literatur:
Pfeiffer, W./Weiß, E./Volz, T./Wettengl, S.: Funktionalmarkt-Konzept zum strategischen Management prinzipieller technologischer Innovationen, Göttingen 1997, → hier auf Google Books teilweise online. Das 1. Kapitel ist → hier als pdf vollständig online.
Abell, D.: Defining the Business. The Starting Point of Strategic Planning, Englewood Cliffs 1980.

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