Als bekannt wurde, dass Tim Höttges Vorstandschef werden soll,
stürzte die Aktie von Hugo Boss ins Bodenlose… Kleiner Scherz zum Sakko.
(Fotos: → ingenieur.de, → flammende-sterne.de)

Warum sind Langweiler so sexy? Über diese Frage (bzw. → Contradictio in Adjecto) machte sich in der FAS vom letzten Wochenende Dennis Kremer Gedanken. Der Redakteur hat zwar nicht über FH-Professoren geschrieben, sondern über Finanzvorstände. Ich habe den Artikel dennoch durchgelesen. Ein paar Dinge müssen geradegerückt werden.

„Heimlich, still und leise übernehmen die Finanzfachleute die Macht in den Dax-Konzernen. Die Kapitalmärkte finden das klasse. Denn Finanzvorstände denken immer nur an das eine: Zahlen, Zahlen, Zahlen.“

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Warum sind Langweiler so sexy? „Da regt mich ja die Frage schon auf!“, möchte ich hier in heiterer Erinnerung an → Evelyn Hamann ausrufen. Vielleicht sind die Finanzexperten, die in den letzten Monaten den Karrieresprung vom Finanz- zum Vorstandschef schafften, gar nicht sooo langweilig. Man werfe nur einen Blick auf das Sakko von Timotheus Höttges weiter oben. Wer sich anno 2014 in diesem Look in die Öffentlichkeit traut, sorgt für ordentlich Gesprächsstoff. Und vielleicht auch ein paar Schwindelanfälle.

Timotheus „Tim“ Höttges ist seit Anfang 2014 Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Telekom. Von 2009 bis 2013 war er für Finanzen und Controlling zuständig. Aus dem Chief Financial Officer (CFO) wurde der Chief Executive Officer (CEO). So verlief der Karrierepfad auch bei acht weiteren aktuellen Vorstandschefs von DAX-Unternehmen. Vor zehn Jahren, steht in der FAS, saßen auf den Chefsesseln der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften erst vier ehemalige Finanzvorstände. Der Umfang der Stichprobe ist nicht riesig. Aber an der These ist offensichtlich etwas dran, dass Finanzfachleute in den Dax-Konzernen an Einfluss gewonnen haben. Heimlich, still und leise? Davon kann allerdings keine Rede sein. Als beispielsweise im letzten Sommer bei Siemens CFO Joe Kaeser das CEO-Amt des glücklosen Peter Löscher kaperte, war dieser Wechsel in der Wirtschaftspresse ein Riesenthema.

Der Fall Kaeser belegt auch, dass Kapitalmärkte solche Wechsel, bei denen der Finanzchef nach ganz oben aufsteigt, bisweilen belohnt. Der Kurs der Siemens-Aktie kletterte Ende Juli 2013 um stattliche 5 Prozent, als bekannt wurde, dass Kaeser CEO werden soll. Um fast 10 Prozent hüpfte vor ein paar Wochen der Börsenkurs von Lanxess nach oben. Dahinter steht die Meldung, dass Matthias Zachert, „Zahlenmensch“ (→ Die Welt) und momentan CFO des Darmstädter Unternehmens Merck (Pharma, Flüssigkristalle), neuer Lanxess-Chef werden soll.

Die FAS beobachtet: „Jedes Mal feierte die Börse ein Kursfeuerwerk, als die Ernennung öffentlich wurde“. Und zieht über drei Kurscharts von Lanxess, Siemens und der Deutschen Telekom das pauschale Fazit: „Wenn Finanzvorstände Chefs werden, jubelt die Börse“. Die Tim-Höttges-Story hat der FAZ-Grafiker allerdings gehörig aufgepimpt. Am 20. Dezember 2012 sprach sich herum, dass CFO Höttges der Nachfolger von Rene Obermann als Telekom-Chef wird. Der Börsenkurs stieg von 8,56 auf 8,64 Euro. +0,08 € entspricht hier +0,9 Prozent.

Damit das Ganze trotzdem nicht nur nach ein paar Glühwürmchen aussieht, sondern doch wie ein Feuerwerk, wurde ein bisschen an der Ordinate herumgespielt. Zu sehen ist nur der (klitze)kleine Bereich von 8,54 bis 8,66 Euro. Auf diese Weise langgestreckt, passt die Telekom-Kursgrafik hervorragend zu den beiden anderen Fällen. Ein schönes (besser: unschönes) Beispiel für den Trick mit der abgeschnittenen Ordinate. Rolf Hichert, dessen Beratungsunternehmen auf die Vermittlung von Managementinformationen spezialisiert ist, spricht von Lügendiagrammen. Herr Sullivan von Sky Deutschland nutzt denselben Trick gerne, wenn er die Umsatzentwicklung veranschaulicht. Bei Kostenanstiegen beginnt die Skala dagegen immer mit „0“ (siehe den Blog-Eintrag „Trau’ keinem Diagramm, …„).

Dass Top-Manager mit Finanz- und Controlling-Hintergrund immer nur an „Zahlen, Zahlen, Zahlen“ denken, ist natürlich Quatsch. Als reiner Zahlenknecht hätte sich z. B. Matthias Zachert kaum für seinen neuen Job als Vorstandschef von Lanxess qualifiziert.

Schon „[w]er sich auf den Pfad zum Top-Controller begeben möchte, sollte nach [Professor Jürgen] Weber vor allem Folgendes beherzigen: Er – Frauen spielen im Top-Controlling weiterhin nur eine Nebenrolle – muss die Instrumente des Controllings „traumwandlerisch im Griff haben“, darf sein Unternehmen nicht nur durch „die Brille der Zahlen sehen“ und ist gut beraten, großzügig in die Weiterentwicklung seiner kommunikativen Fähigkeiten zu investieren, womit Controlling ein gutes Stück näher an Marketing & Verkauf heranrückt.“ (Hervorhebung nicht im Original)

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Der Zeitungsartikel über die sexy Langweiler ist auf die Entwicklung bei börsennotierten Unternehmen gerichtet. Ausgestattet mit einer großen Portion Technik-Know-how, kann ein Betriebswirt aber auch erfolgreich ein techniklastiges Familienunternehmen führen. Ein gutes Beispiel für diese These liefert Hermut Kormann (→ buero-kormann.de). Er zeichnete bei Voith zunächst für Finanzen und Controlling verantwortlich. Von 2000 bis 2008 war er Vorstandsvorsitzender.

Im Maschinen- und Anlagenbau sind solche CFO-wird-CEO-Beispiele aber (noch) deutlich seltener als bei großen Publikumsgesellschaften à la Siemens und Telekom. Die aktuelle VDMA-Erhebung vom Oktober 2013 enthält die Botschaft, dass in den untersuchten Unternehmen vier von fünf Mitgliedern des Führungsteams (Vorstand bzw. Geschäftsführung) Ingenieure sind.

„Vor allem in der obersten Führungsebene haben im Maschinen- und Anlagenbau die Ingenieure das Sagen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Unternehmen der Branche in der Regel von einem Ingenieur (mit)gegründet wurden. Es wird auch von den Geschäftspartnern und den Mitarbeitern erwartet, dass technischer Sachverstand in der Geschäftsleitung vorhanden ist.“

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Im Maschinenbau, liebe Leser und Leserinnen mit Ingenieurspatent, ist die Welt also noch in Ordnung. Ab und zu wird aber auch dort mal ein CFO zum CEO. Na und? Problematischer finde ich es, wenn gelernte Juristen von heute auf morgen Finanzminister werden. Und das dann auch noch jahrelang bleiben.

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