Am 7.1.2014 habe ich mein Girokonto bei der Sparkasse Ulm gekündigt.

Die Bundeskanzlerin hat sich für 2014 vorgenommen, „mehr an die frische Luft zu kommen“. Ein Klassiker unter den guten Vorsätzen – stimmt, Frau Dr. Merkel – und eine gute Idee. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre nächsten Open-Air-Aktivitäten ohne Anbruch des Beckenrings über die Bühne gehen.

Ob das mit dem intensivierten Naturkontakt bei mir selbst was wird, bleibt abzuwarten. Einen anderen Vorsatz für’s neue Jahr konnte ich bereits erfolgreich in die Tat umsetzen. Ich habe zum 31. März mein Girokonto bei der Sparkasse Ulm gekündigt. Stichwort: Scala-Sparverträge. Ich habe (und hatte) keinen, finde aber das Verhalten des Sparkassen-Vorstands und -Verwaltungsrates in dieser Sache unmöglich. 42 Euro Kontoführungsgebühr bzw. Deckungsbeitrag jährlich werden dem Bankhaus in Ulms Neuer Mitte also fortan fehlen. Sehr frei nach Neil Armstrong: Ein kleiner Schaden für die Sparkasse, aber eine große Genugtuung für den Ex-Kunden.

Schon Anfang Oktober 2013 war hier zu lesen, dass die Operation „Scala-Kehraus“ einen Platz im Bad Practices-Abschnitt künftiger Marketing-Lehrbücher verdient hätte (→ „Nicht gut für Scala-Sparer. Nicht gut für den Markenkern“). Was ist in der Zwischenzeit passiert? Kurz gesagt, nichts Überraschendes.

Ihren verbliebenen Scala-Kunden hatte die Sparkasse für Mitte Dezember eine verlängerte Frist gesetzt, „freiwillig“ auf weniger attraktive Sparangebote umzusteigen. Mehrere Tausend Sparer haben das gemacht. 4 000 Scala-Verträge von ursprünglich 28 000 bestehen aber noch immer. Die betroffenen Kunden ließen sich nicht auf den Deal mit der Sparkasse ein. Das Problem Scala ist für Sparkassenchef Manfred Oster also keineswegs vom Tisch.

Am 13. Januar 2014 kommt der → Verwaltungsrat der Ulmer Sparkasse das nächste Mal zusammen. Der Vorstand kann den Mitgliedern des Kontrollgremiums, dem Ulms OB Ivo Gönner vorsitzt, eigentlich nur vorschlagen, einer Kündigung der restlichen Scala-Verträge zuzustimmen. Sonst wären die Leistungsfähigkeit und die Rücklagen der Bank „nicht mehr gesichert“, ist in einer Pressemitteilung vom 17.12.13 zu lesen. Dieses Dokument findet man mit etwas Geschick unter „Sparen und Anlegen“ auf sparkasse-ulm.de – (noch) nicht im „Presse-Center“. Dies nebenbei zum Thema Unternehmenskommunikation.

Der Streitfall Scala kommt auf alle Fälle vor Gericht. Am 17. Februar geht’s am Ulmer Landgericht erst einmal um die Frage, ob die Sparkasse verpflichtet ist, von Scala-Sparern gewünschte Ratenerhöhungen auszuführen. Die Bank hatte den Scala-Kunden ursprünglich zugesagt, ihre monatlichen Sparbeträge auf bis zu 2 500 Euro erhöhen zu können. Die Klagen wegen der verweigerten Ratenerhöhungen hat der Rechtsanwalt Christoph Lang eingereicht. Er ist selbst betroffen, vertritt in Sachen Scala weitere Mandanten und informiert regelmäßig über den juristischen Stand der Dinge. Ein weiterer Akteur im Scala-Streit ist die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Von ihr wurde die Sparkasse schon im Herbst 2013 aufgefordert, auf die Behauptung zu verzichten, die Scala-Verträge könnten von der Bank mit 3-monatiger Frist gekündigt werden.

Wenn die Sparkasse die verbliebenen 4 000 Verträge kündigen sollte, kommen zu den bereits angestoßenen Verfahren wohl noch einige hinzu. Im für die Sparkasse schlimmsten Fall entscheiden die Gerichte, dass eine vorzeitige Kündigung nicht zulässig ist. Kunden, die sich 2013 – nolens volens – zum Ausstieg aus ihren Sparverträgen haben bewegen lassen, könnten dann auf die Idee kommen, auf Schadenersatz zu klagen. Wer sich vor ein paar Hinweisen auf Paragraphen und Aktenzeichen nicht scheut, findet auf den www-Seiten der Legal Tribune aktuellen Lesestoff.

Der LTO-Autor zieht das Fazit: „Die Risiken des von der Sparkasse nun gewählten Vorgehens dürften allerdings überschaubar sein, verglichen mit der Chance, sich im Erfolgsfall von einer Zinswette lösen zu können, die sich als sehr teuer erwiesen hat.“

Rein finanziell betrachtet stimmt dies vermutlich. Die nicht direkt messbaren Kollateralschäden sind allerdings beachtlich. Nicht nur Scala-Betroffene sind verärgert und haben Vertrauen in ihre nur vorgeblich so gute Sparkasse verloren. Unzufriedenheit hin oder her, dies bedeutet nicht, dass demnächst Tausende der 230 000 Kunden nach dem Vorbild eines bloggenden BWL-Profs der Sparkasse den Rücken kehren. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen veröffentlichte im August 2013 die Ergebnisse einer Umfrage zu Hemmnissen beim Girokontowechsel. Es gibt zwei wesentliche Gründe dafür, dass unzufriedenen Bankkunden doch nicht das Konto wechseln: den zu hohen Aufwand (29 %) und die Annahme, bei anderen Banken seien die Konditionen auch nicht besser (43 %).

28 000 bis 2030 fortgesetzte und im Lauf der Zeit teilweise aufgestockte Scala-Verträge hätten die Gewinne der Sparkasse Ulm in den kommenden eineinhalb Jahrzehnten spürbar geschmälert. Um 10, vielleicht auch um bis zu 20 Millionen Euro pro Jahr. Die Scala-Verluste wären aber keineswegs existenzgefährdend. In den vergangenen Jahren erwirtschaftete die Sparkasse regelmäßig einen stattlichen Zinsüberschuss. 2012 waren es 112,5 Mio. Euro, im Jahr davor 109,9 Mio. Euro.

Allerdings könnten (und sollten) in den kommenden Jahren die gesetzlichen Regeln für Eigenkapitalquoten (EK-Quoten) von Banken verschärft werden. Die globale Finanzkrise hat deutlich gezeigt, dass die meisten Banken nicht ausreichend eigenkapitalfinanziert sind. Wie können Banken auf strengere EK-Regeln reagieren?

Möglichkeit 1: die Bilanzsumme reduzieren, vor allem indem man die Kreditvergabe einschränkt. Das will die Ulmer Sparkasse wohl vermeiden.

Möglichkeit 2: das Sparkassen-Eigenkapital durch Außenfinanzierung erhöhen. Etwas Ähnliches passierte 2012 bei der SWU, den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm. Die machten im Geschäftsjahr 2012 einen Verlust von 15 Mio. Euro. Als Haupteigentümer stellte die Stadt Ulm ca. 19 Mio. Euro zusätzliches Kapital für die SWU zur Verfügung. Die wirtschaftliche Lage der SWU wird sich in den kommenden Jahren nicht schlagartig bessern. Gleichzeitig eine Kapitalerhöhung der Sparkasse mit Haushaltsgeldern finanzieren? Darauf dürfte der Ulmer Stadtkämmerer Gunter Czisch überhaupt keine Lust haben.

Bleibt Möglichkeit 3: das Sparkassen-Eigenkapital durch Innenfinanzierung erhöhen, also durch Gewinne, die nicht ausgeschüttet (thesauriert) werden. Hier schließt sich der Kreis zum rigorosen Scala-Vorgehen. Die EK-Ausstattung rückt bei Banken und Sparkassen stärker in den Fokus. Gewinne, mit denen sich das Eigenkapital weiter aufforsten lässt, sind da hochwillkommen. Sonst müsste man womöglich die Kreditvergabe einschränken bzw. könnte sie nicht ausbauen.

Hier noch zwei Leseempfehlungen zum Thema „Banken, erhöht endlich Eure Eigenkapitalquoten!“. Klartext aus der Wirtschaftsredaktion der FAZ, die nicht im Verdacht einer unternehmensunfreundlichen Gesinnung steht. Und eine kleine Zugabe, die zwar mit der Finanzbranche zu tun hat, aber nicht speziell mit dem Ulmer Scala-Zirkus.

Verwandter Blog-Eintrag:
Nicht gut für Scala-Sparer. Nicht gut für den Markenkern
Mit ihrer Scala-Attacke auf die eigenen Kunden hat es die Sparkasse Ulm im Herbst 2013 die überregionale Presse geschafft. Aus Marketingsicht war das Vorgehen ein Fiasko.