Links: „Old School“ • Rechts: Tablet mit MOOC, Lehrroboter „Projo“

Weihnachten steht vor der Tür. Mein Last-Minute-Buchtipp zum Fest ist Erich Kästners „Fliegendes Klassenzimmer“. Die Hauptcharaktere der Handlung sind fünf Internatsschüler. Einer von ihnen heißt Martin Thaler. Es sieht so aus, als müsste er den Heiligen Abend im Internat verbringen, denn sein Vater ist arbeitslos geworden. Das Geld für die Heimfahrt fehlt. Zum Glück erkennt Doktor Johann Bökh, der Lieblingslehrer der Fünferbande, die Notlage und rettet das Weihnachtsfest von Familie Thaler mit Hilfe eines 20-Mark-Scheins.

Das Buch erschien im Schicksalsjahr 1933, als im Januar Hitler an die Macht kam und im Mai auch Kästners Werke der Bücherverbrennung zum Opfer fielen. Ein paar Begriffe aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“ sind für Leser aus dem „Fack Ju Göhte“-Zeitalter zwar erklärungsbedürftig. Aber die Geschichte ist zeitlos schön. Und für das Verständnis der damaligen Klassenbezeichnungen („Oberprima“, „Tertia“) sorgt im Zweifelsfall → dieser Wikipedia-Abschnitt.

Erich Kästner (1899 – 1974) wurde in Dresden geboren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges studierte er Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte. Er arbeitete als Journalist und Theaterkritiker. 1929 veröffentlichte er sein erstes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde K. aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, seine Bücher wurden verbrannt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges widmete er sich vorwiegend dem literarischen Kabarett und der Kinderliteratur, für die er u.a. mit dem internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet wurde (Quelle: → oetinger.de).

Ungefähr in der Mitte des Buches gibt es eine Stelle, die ich im Jahr 2013 besonders registriert habe.

Für einen Schüler namens Fritsche textete Erich Kästner dieses Plädoyer: „Ein Pauker hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich wandlungsfähig zu erhalten. Sonst könnten die Schüler ja früh im Bette liegen bleiben und den Unterricht auf Grammofonplatten abschnurren lassen. Nein, nein, wir brauchen Menschen als Lehrer und keine zweibeinigen Konservenbüchsen!
„Das Fliegende Klassenzimmer“, Seite 90

Was würde der Schriftsteller wohl zu den aktuellen Entwicklungen auf dem Feld der Unterrichtstechnologien sagen?

Vor ein paar Monaten stellten spanische Forscher eine High-Tech-Brille für den Prof der Zukunft vor. Dem Dozenten werden Informationen direkt vor’s Auge gespielt. Außerdem hat die Brille eine Kamera, mit der die Zuhörer optisch erfasst werden. Während der Professor unterrichtet, haben die Studis die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Smartphones ein direktes Feedback zu geben. Im Posting → „Screenshots aus Professors Datenbrille“ habe ich Ende Juni ein paar unbeschwerte Vorschläge gemacht, welche Infos von Studentenseite in der neuen Cyber-Brille aufleuchten könnten. Ich geb’s zu. Richtig überzeugt bin von der Idee noch nicht, in Zukunft mit einer Datenbrille vor den Augen durch meine Vorlesungen zu stol­pern. Der Coolnessfaktor ist doch sehr begrenzt.

Menschliche Lebewesen für ihren Einsatz im Hörsaal immer weiter aufzurüsten, ist nur eine Form von Lehrautomatisierung. Deutlich konsequenter ist da schon der Ansatz, das humanoide Lehrpersonal gleich ganz durch Robo-Profs bzw. -Lehrer zu ersetzen. Ein paar davon sind testweise bereits in japanischen Grundschulen am Werk. Die künstliche Lehrerin Saya schaffte es dort bei einem Testlauf, ihre kleinen Zuhörer so überzeugend auszuschimpfen, dass manche zu weinen anfingen. Immerhin ein „Erfolg“, den ich mit meiner letzten Standpauke in „BWL für Ingenieure“ nicht erreichen konnte.

Realistischer erscheint bei meiner technikinteressierten Zuhörerschaft ohnehin jenes Szenario, das die kalifornischen Forscher entsetzte, die einen Lehrroboter nach Art des putzigen, nur ca. 60 cm großen „Projo“ (oben auf dem Magazin-Cover) testeten. Nach wenigen Minuten hatten die beteiligten Kinder ihrem synthetischen Vokabeltrainer einen Arm ausgerissen.

Vor derartigen Übergriffen besser geschützt sind dagegen Dozenten sogenannter MOOCs (Massive Open Online Courses). Das sind die Videokurse bzw. -vorlesungen, an denen via Internet theoretisch eine unbegrenzte Zahl von Hörern – mehr oder weniger aufmerksam – teilnehmen kann. Noch bin ich nicht mit Clips zur Rechtsformwahl von Unternehmen oder den Vor- und Nachteilen einer Mehrmarkenstrategie auf Youtube.

Erst vor wenigen Tagen erschien in der FAZ eine „Eine kurze Geschichte der Unterrichtsmaschinen“. Die Idee, man könne die Lehre automatisieren, so wird gezeigt, ist viel älter als das Internet. Der Text ist recht trocken, aber schon das Foto aus einer Versuchsstunde in einer Dresdner Schule ist einen Klick wert. Das Foto entstand 1979.

Vermutlich werde ich auch 2014 noch im Hörsaal gebraucht. Selbst Robo-Fans wie Noel Sharkey gehen davon aus, dass Roboter Lehrern zwar helfen, sie aber nicht ersetzen können. Ein Roboter erfülle keine Vorbildfunktion wie ein menschlicher Lehrer, meint der Professor von der University of Sheffield laut sz.de. Gegenüber Doktor Bökh, dem Lehrer aus Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“, haben die zweibeinigen Konservenbüchsen also noch ein paar Defizite. Und bis Flugdrohnen von Amazon die Weihnachtspakete bringen (sollen die eigentlich über dem Schornstein abgeworfen werden?), vergehen wohl auch noch ein paar Jährchen.

Den Teilnehmern meiner Vorlesungen und Kurse und den Lesern des „Updates“-Blogs wünsche ich frohe Weihnachten und alles Gute 2014.

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Mitte 2013 stellten spanische Forscher ein neues System für die Kommunikation zwischen Professoren und Studenten vor. Meine unbeschwerten Vorschläge für die Anzeige in so einer High-Tech-Brille für den Prof. der Zukunft habe ich in einem Posting zusammengefasst. Kann Spuren von Ironie enthalten.
„Sie dürfen die Braut küssen – klick!“
Es ist wohl kein Zufall, dass Japan in puncto Robo-Lehrer zu den Vorreitern gehört. Im ostasiatische Land gelten Roboter nicht als Blechbüchsen, sondern Freunde. Vor drei Jahren war kurz ein Hochzeitsroboter in den Schlagzeilen.