Dieses Posting erschien unter dem Titel „Ulis Meisterstück“ am 10.03.14, als in München der Prozess gegen Uli Hoeneß begann. Vier Tage später kündigte er an, die verhängte 3½-jährige Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung zu akzeptieren, und trat als FC Bayern-Präsident zurück. Noch ein Hinweis: Ich habe ein paar kleine Änderungen gemacht, zu denen mich die beiden Kommentare von Jon Stich angeregt haben. Vielen Dank dem fußballverrückten Wirtschaftsprüfer mit eigenem Blog (→ Bundesliga Finance).
Der FC Bayern ist nicht nur sportlich top, sondern auch der mit Abstand reichste Bundesliga-Club. Dank der Tätigkeit von Uli Hoeneß.

Zur Abwechslung gibt’s jetzt mal was uneingeschränkt Freundliches über Uli Hoeneß. Es geht allerdings nicht um Steuerehrlichkeit, sondern die Bilanz der FC Bayern München AG.

Sportlich brechen die Bayern-Kicker mit Trainer Pep Guardiola gerade einen Rekord nach dem anderen. Und auch wirtschaftlich sind die Münchner absolut top. Diese doppelt beeindruckende Erfolgsstory hat Hoeneß mitgeschrieben, seit er vor fast 35 Jahren Manager des FC Bayern München wurde. Die FCB-Konzern-Bilanz zeigt auf der einen Seite  die Vermögenswerte des Clubs (Aktiva), auf der anderen die Schulden und Eigenkapitalpositionen (Passiva).

Konzern-Bilanz der FC Bayern München AG zum 30.06.
(in Millionen Euro)
AKTIVA 11/12 06/07 PASSIVA 11/12 06/07
Anlagevermögen (AV)
– Immaterielles Vermögen
– Sachanlagevermögen
– Finanzanlagen

Umlaufvermögen (UV)
– Vorräte
– Forderungen
– Wertpapiere
– Liquide Mittel

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
354
72
273
9

149
8
26
0
114

6
380
31
324
25

123
4
15
31
73

10
Eigenkapital (EK)
– Gezeichnetes Kapital
– Kapitalrücklage
– Gewinnrücklage
– Jahresüberschuss

Rückstellungen
Verbindlichkeiten
– davon langfristig:
– davon mittelfristig:
– davon kurzfristig:

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
249
28
173
37
11

16
175
90
32
53

69
146
25
86
20
16

24
244
180
24
40

98
Bilanzsumme 509 513 Bilanzsumme 509 513

Eine FCB-Aktiengesellschaft für’s Fußballgeschäft gibt es seit 2002. Außer den Bilanzdaten von Mitte 2012 habe ich die Vergleichswerte vom Ende des Geschäftsjahres 2006/07 von den Seiten den Elektronischen Bundesanzeigers kopiert. Auch für 2012/13 wurden bereits wesentliche Wirtschaftsdaten veröffentlicht, aber noch keine Detailinfos.

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Noch keine Spuren findet man in der Konzernbilanz vom 30. Juni 2012 vom neuesten Großdeal. Vor einem Monat wurde bekannt, dass die Allianz als dritter Minderheitsaktionär bei der FC Bayern München AG einsteigt. Der Versicherungskonzern zahlt 110 Millionen Euro für 8,33 Prozent der künftig 30 Millionen Aktien, auf die das Kapital aufteilt ist. Zu jeweils einem weiteren Zwölftel sind auch die Audi AG und die Adidas AG beteiligt.

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Einfache Rechnung: Wenn eine 8⅓-Prozent-Beteiligung 110 Millionen Euro kostet, ist das ganze Unternehmen zur Zeit 1,32 Milliarden Euro wert. Wow! Als im Jahr 2002 Adidas mit einem 10-Prozent-Aktienpaket neben dem Haupteigentümer FC Bayern München e.V. einstieg, ergab die analoge Kalkulation „nur“ 770 Millionen Euro.

Das Beispiel zeigt, dass die Bilanzsumme (FCB: 509 Mio €) und der „echte“ Wert eines Unternehmens nicht identisch sind. Die Bayern bilanzieren nach den Regeln des deutschen Handelsgesetzbuches (HGB). Das ist geprägt vom Vorsichtsprinzip. In Zweifelsfällen werden Vermögensgegenstände mit dem niedrigeren von zwei denkbaren Wertansätzen bewertet oder gar nicht aktiviert. Die in der Bilanz nicht oder kaum sichtbaren Vermögenspositionen bilden „stille Reserven“.

Zum Bilanzstichtag Mitte 2012 hatte der gesamte damalige Bayern-Spielerkader offiziell einen Wert von 72 Millionen Euro. In der Bilanz steht das unter „Immaterielle Vermögensgegenstände“. Glaubt man der Schätzung auf der Seite → transfermarkt.de, ist der aktuelle Profikader aber 525,5 Mio € wert. Bilanziell werden die Spieler bewertet wie gekaufte Maschinen, die nach und nach abgenutzt werden. Ausgangspunkt ist der Anschaffungspreis. Von dem geht es Nutzungsjahr für Nutzungsjahr in gleichbleibenden Schritten (= Abschreibungen) abwärts, bis kein Restbuchwert mehr vorhanden ist. Nach dieser Logik kann der Bilanzwert eines Spielers nur abnehmen.

  • Beispiel Manuel Neuer: Der Torhüter kam zum 1.7.2011 für 27,5 Millionen Euro von Schalke 04 und unterzeichnete einen 5-Jahres-Vertrag. 27,5 (Mio €) : 5 (Jahre) = 5,5 (Mio €/Jahr). Neuers Restbuchwert und sein Anteil an den 72 Mio € immateriellen Vermögens am 30.06.2012 war 22,0 Millionen Euro (27,5 – 5,5 = 22,0).
  • Beispiel Philipp Lahm: Der Kapitän ist seit 19 Jahren bei den Bayern. 1995 kam er als 11-Jähriger von der FT München Gern ablösefrei zur Bayern-Jugend. In der Bayern-Buchhaltung wird Lahm mit 0,0 Euro bewertet, denn für ihn war nie eine Ablöse (bzw. ein Anschaffungspreis) fällig. Laut transfermarkt.de ist der Marktwert von Lahm 30 Mio €.

Kein Fall für die HGB-Bilanz ist auch der wirtschaftliche Wert von Marken. Brand Finance ermittelte Mitte 2013 einen Wert von 668 Mio € für die Marke FC Bayern München. Die Londoner Agentur hält den FCB damit momentan für die kostbarste Marke in der Fußballwelt, noch vor Manchester United und Real Madrid. Keine Frage, als Einzelperson hat an dieser Entwicklung wohl Uli Hoeneß den größten Anteil.

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Die hervorragende Vermögenslage des Clubs sieht man in der Bilanz besonders an zwei Positionen. Hinter „Sachanlagevermögen“ (273 Mio €) steckt im Wesentlichen die Allianz Arena. Das hochmoderne Stadion kostete rund 350 Mio € und wurde 2005 eingeweiht. Zu den liquiden oder flüssigen Mitteln zählen der Kassenbestand und die täglich verfügbaren Bankguthaben, die man auch Sichtguthaben nennt. Uli Hoeneß hat dafür den Begriff „Festgeldkonto“ geprägt. Mitte 2012 waren 114 Mio € kurzfristig verfügbar. Ein Jahr später waren es schon 135 Millionen Euro (→ zdfsport.de). Das FCB-Management schwimmt im Geld wie Dagobert in seinem Geldspeicher.

Bleibt die Frage nach der Finanzierung. Sitzen die Bayern auf einem Schuldenberg? Nicht wirklich. Rückstellungen, Verbindlichkeiten und passive Rechnungsabgrenzungsposten (RAP) stehen für Zahlungs- bzw. Leistungsverpflichtungen, die nach dem Bilanzstichtag zu erfüllen sind. Innerhalb von nur fünf Jahren hat die bayerische Geldmaschine die Schulden von 366 Mio € (Mitte 2007) auf 260 Mio € (Mitte 2012) verringert. Die Reduzierung der langfristigen Verbindlichkeiten von 180 aus 90 Mio € kann man als Turbotilgung von Krediten interpretieren, die für die Finanzierung der Allianz Arena notwendig waren. Die Eigenkapitalquote ist bereits auf stattliche 49 Prozent gestiegen (249 : 509 Mio €).


Werden die 110 frischen Allianz-Millionen zur Schuldentilgung eingesetzt, klettert der Eigenkapitalanteil beim FC Bayern auf rund 70 Prozent. Zum Vergleich: Die schwarz-gelbe Konkurrenz aus Dortmund kommt auf  ebenfalls sehr ordentliche 47 Prozent (142,4 : 300,9 Mio €, 31.12.13). Nach der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 haben sich viele Unternehmen das Ziel gesetzt, mehr Eigenkapital auf- und Fremdkapital abzubauen. Eigenkapitalquoten über 40 Prozent sind dennoch eher die Ausnahme.

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In der (fiktiven) Bilanz unten werden die 110 Mio € mit den nicht mehr ganz frischen Bilanzdaten von Mitte 2012 kombinert. Rückstellungen und Verbindlichkeiten würden auf weniger als 100 Mio € zurückgehen. Die FCB AG wäre zwar nicht völlig schuldenfrei, aber nahezu unabhängig von der Hausbank (HypoVereinsbank).

Konzern-Bilanz der FC Bayern München AG zum 30.06.2012
mit 110 Mio € Kapitalbeteiligung der Allianz
(in Millionen Euro)
AKTIVA 11/12 neu PASSIVA 11/12 neu
Anlagevermögen (AV)
– Immaterielles Vermögen
– Sachanlagevermögen
– Finanzanlagen

Umlaufvermögen (UV)
– Vorräte
– Forderungen
– Wertpapiere
– Liquide Mittel
   – Frisches Kapital
   – Schuldentilgung

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
354
72
273
9

149
8
26
0
114
.
.

6
354
72
273
9

149
8
26
0
114
+110
-110

6
Eigenkapital (EK)
– Gezeichnetes Kapital
– Kapitalrücklage
– Gewinnrücklage
– Jahresüberschuss

Rückstellungen
Verbindlichkeiten
– davon langfristig:
– davon mittelfristig:
– davon kurzfristig:

Rechnungsabgrenzungs-
posten (RAP)
249
28
173
37
11

16
175
90
32
53

69
359
30
281
37
11

16
65
0
12
53

69
Bilanzsumme 509 509 Bilanzsumme 509 509

In den Bilanzen der meisten Unternehmen spielen die Rechnungsabgrenzungsposten (RAP) übrigens keine besondere Rolle. Bei deutschen Profi-Fußballclubs ist das anders, wie der Saarbrücker BWL-Professor Karlheinz Küting und sein Mitarbeiter Marc Strauß 2010 in einem Fachaufsatz erläuterten. Bei den RAP auf der Passivseite der Bilanz handelt es sich um Einnahmen des Unternehmens im laufenden Geschäftsjahr, denen erst nach dem Abschlussstichtag Erträge gegenüberstehen. Etwas weniger fachchinesisch: Geld hat das Unternehmen schon im Voraus erhalten, die Leistung muss es aber noch erbringen. Ganz kurz: Passive RAP stehen für Leistungsverpflichtungen.

Bundesliga-Vereine bilden mit ihren passiven RAP zwei Sachverhalte ab: (a) bereits verkaufte Dauerkarten für die nächste Saison und (b) sogenannte „Signing Fees“. Solche „Unterschriftsentgelte“ erhalten Proficlubs bei Vertragsabschluss von Agenturen, die über mehrere Jahre für den Club Werberechte vermarkten. Die Vermarktungsagenturen zahlen gleich für mehrere Jahre im Voraus und dürfen von den späteren Erträgen ca. 20 Prozent selbst behalten. Die Fußballclubs haben schnell eine Einnahme, dann aber über Jahre die Verpflichtung, den Vertrag mit der Agentur zu erfüllen.

Passive Rechnungsabgrenzungsposten. Dieser kleine Ausflug an den unteren Rand der Bilanzgliederung ist Professor Dr. Karlheinz Küting gewidmet, der am 7.1.2014 gestorben ist (→ Nachruf). In der deutschen BWL war er in den letzten Jahrzehnten einer der beiden prägenden Bilanzexperten (neben Adolf Coenenberg).

Zurück in die Finanzwelt rund um das runde Leder. Die Wirkungen des Einstiegs der Allianz auf die FCB-Bilanz kann man oben begutachten. Und auch der jährliche Finanzüberschuss wird sich durch die skizzierte Schuldentilgung deutlich verbessern. Rund 20 Millionen Euro mehr erscheinen realistisch. Einerseits fallen nach der einmaligen 110 Mio €-Sondertilgung weitere Tilgungszahlungen weg. Außerdem verringert sich der Zinsaufwand.

Tolle Aussichten also für den Triple-Sieger.

Wie es dagegen für den Vater des FCB-Wirtschaftswunders weitergeht, entscheidet sich ab heute im Sitzungssaal 134 des Münchner Justizpalastes. Anpfiff ist um 9.30 Uhr.

Literatur:
Küting, K.; Strauß, M.: Der passive Rechnungsabgrenzungsposten: ein „Schlüsselspieler“ in der Fußball-Bundesliga, in: Der Betrieb 22/2010, S. 1189-1197.
Zu den Nebenwirkungen der BWL-Bloggerei zählt der gelegentlichen Konsum von Fachartikeln. Mit passiven Rechnungsabgrenzungsposten habe ich mich zuletzt wohl 1988/89 befasst (Vorlesung „Bilanzierung“, 1. Semester). Der Aufsatz von Küting und Strauß ist zwar leichter verständlich, als der erste Teil des Titels vermuten lässt. Dennoch eher BWL-Hardcore.

Verwandte Blog-Einträge:
Renditemeister Borussia Dortmund
Der FC Bayern macht zwar seit Jahrzehnten Gewinne, aber keine besonders hohen. In puncto Rendite haben die Dortmunder Borussen in den beiden vergangenen Geschäftsjahren (11/12 und 12/13) den Bayern die Lederhosen ausgezogen. Ein Blick auf die Gewinn- und Verlustrechnungen (GuV) der Spitzenclubs und die beiden Kennzahlen Umsatz- und Eigenkapitalrendite.
Spitzenspiel
(Episch langer) Blog-Eintrag anlässlich des Spitzenspiels zwischen FCB und BVB am 1.12.2012. Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung – die Finanzdaten der beiden Spitzenclubs im Finanzcheck. Für den FC Bayern wurden damals die Daten von 2010/11, für Borussia Dortmund diejenigen von 2011/12 berücksichtigt.
Feine Gesellschaft
Wer „Ulis Meisterwerk“ zu FCB-freundlich findet, kann sich zum Blog-Eintrag „Feine Gesellschaft“ weiterklicken. Dort in den Hauptrollen: ein geständiger Steuerhinterzieher, ein vorbestrafter Uhrenschmuggler, ein Top-Manager mit Gedächtnislücken und eine ehemalige Lichtgestalt.