Schlechtschreibung im Posteingang (zum Vergrößern anklicken)

Im digitalen Hinterland meines Outlook-Programms gibt es den Ordner „Denkwürdige E-Mails„. Zum Beispiel lagert dort seit rund drei Jahren die Kopie einer Anfrage, die mir ein Student wegen der (Zweit-)Betreuung seiner Abschlussarbeit geschrieben hat. Ein Text mit 133 Wörtern und 10 Rechtschreibfehlern (siehe oben). Bei solchen Härtefällen bin ich, offen gestanden, nicht mehr schmerzfrei. Es ging um eine wissenschaftliche Arbeit. Was soll ich von der erwarten, wenn das Gesuch um Betreuung alle Fehlerrekorde bricht? Meine Antwort lautete damals: „Danke für Ihre Nachricht. Ich übernehme die Zweitkorrektur Ihrer Masterarbeit gerne, aber nur dann, wenn Sie es schaffen, mir die Nachricht noch einmal, aber fehlerfrei zu senden.“ Am Ende dieses Postings erfahren Sie, wie die Sache ausging.

Vor ein paar Tagen gab es in der Sammlung der bemerkenswerten Nachrichten einen Neuzugang. Jemand, der es eigentlich besser kann, schreibt in der Betreffzeile von „Proffesoren“. Peinlich, wenn so ein Lapsus im Schriftverkehr einer Hochschule passiert. Lange nicht so ärgerlich allerdings wie das, was sich die rheinland-pflälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer vor zwei Monaten in einem Brief an Bundeskanzlerin Merkel leistete. 8 Fehler in 6 Sätzen.[→ Anm. 1]

Um es in mein digitales Archiv und in diesen Blog zu schaffen, hätten die „Proffesoren“ alleine nicht gereicht. Bemerkenswert finde ich vielmehr, dass ich Mitte November eine – wenn auch freundliche – Erinnerung an eine kleine freiwillige Aktion bekomme, zu der ich mich für die Adventszeit bereiterklärt habe. Und das mit Wichtigkeit „Hoch“. Man kann es mit der vorauseilenden Terminkontrolle auch übertreiben. Dekoriert mit dem roten Ausrufezeichen, wirkte die E-Mail nicht wie ein gutgemeinter Tipp, sondern wie eine vorwurfsvolle Mahnung. Und selbst wenn die Nachricht mit Wichtigkeit „Niedrig“ gekennzeichnet worden wäre, hätte ich mich gewundert, jetzt in dieser Angelegenheit E-Post zu bekommen. Ich will gar nicht wissen, was mich für den Fall erwartet, dass ich meine Aufgabe im Dezember nicht termingerecht erledige.

Zurück zum Thema Rechtschreibung. Die „Proffesoren“-E-Mail bekam ich nur einen Tag, nachdem mir in der FAZ ein außergewöhnlicher Leserbrief aufgefallen war. Geschrieben hat ihn mein Kollege Jörg Meuthen von der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl. Der VWL-Professor hat – offenbar zu Recht – Zweifel an der zentralen Aussage eines FAZ-Artikels vom 8.11.13 mit dem Titel „Von einer Rechtschreibkatastrophe kann nicht die Rede sein“. Meuthen hat in einer Datei namens „RechtSCHREIbung“ die abenteuerlichsten Fehler aus Klausuren gesammelt. Hier seine Kostproben aus diesem Gruselkabinett für Duden-Redakteure:

„sesonal, konjungturell, struckturell, klasisch, Jugentliche, dem zu vollge, Vortschritt, resorcenAllokation, Verzährung des Wettbewerbs, Wettbewerbsverzehrung, verlohren, Produckte, Supvensionen, konvertiebel, Roöl, Lockführer, stehts, supperiore Güter, komplemente Güter, anderst, Magarine, prohiptrotiv (prohibitiv), Bundesrepuplik, suksesiv, Snopeffekt, Orinade (Ordinate), kaumm, Turismus, außländisch, akresiv (aggressiv), Eksgremente, teilweiße, gekliedert, Absatz ein Busenhaben (Absatzeinbußen haben), Abfrackprämie, Insolfenz, Kriese, meißt, Grundgesetzt, expliziet, Außnahme, emens (immens), persöhnlich, Dotzend (Dozent), Rezission, verhärend, Befölkerung, Fertragsfreiheit, Reklement, Verschlächterung, provitieren, kammeral, geziehlt, Umweld, Kapitall, possitiv, norminativ (normativ), Verhöhrung (Verhör), imäns, Erhohlung, Krieterien, Haushaltskonsiludierung, spühren, Vorderung, Konkerenz, abhäben, Presidänt, Gewinnzohne, Boomfase, Warenkorp, trozdem, Vieze, Invalation (Inflation)“

In annähernd 11 Jahren als Prof und Korrektor habe ich ähnliche, teilweise vermutlich dieselben Fehler gesehen. Bei Klausuren bin ich in puncto Rechtschreibung aber nachsichtig. Unter Zeitdruck passieren einfach Fehler. Lesbarkeit,[→ Anm. 2] Verständlichkeit und natürlich die inhaltliche Richtigkeit sind entscheidend.

An mich adressierte E-Mails lese ich dagegen mit etwas anderen Augen und freue mich über eine gelungene Form. Das tun auch andere Professoren. Im Netz sind einige Texte zu diesem Thema zu finden. Mein persönlicher Favorit ist „Hallöchen, Herr Professor!“ von Professor Thomas Hoeren. Anklicken, lesen, schmunzeln.

Vor einem Jahr ging es in der Presse um eine Untersuchung von Jan Seifert, der sich ausführlich mit studentischen E-Mails an Professoren beschäftigt hat. Der Artikel auf Spiegel Online enthält auch acht Beispiele, wie man’s laut Seifert nicht machen sollte. Einige Ratschläge sind für meinen Geschmack zu streng. Der Sprachwissenschaftler rät beispielsweise von Begrüßungsformeln mit Tageszeitbezug ab („Guten Abend, Herr …“). Das brächte die Erwartungshaltung zum Ausdruck, der Empfänger werde die Mail noch am Abend lesen.

Damit Sie Ihre erste (oder nächste) E-Mail an mich nicht erst nach einer minutenlangen Schreibblockade beginnen können, hier ein konkreter Hinweis. Schreiben Sie ruhig „Hallo Herr Wettengl“[→ Anm. 3] oder „Guten Morgen, Herr Wettengl“. Gerne mit nur zwei „e“ im Nachnamen. Auch „Wettengel“ ist notfalls akzeptabel, besonders in der Weihnachtszeit.

Und was wurde vor drei Jahren aus der Anfrage wegen der Zweitbetreuung?
12 Stunden nach meiner Bitte um Verbesserung erreichte mich der zweite Versuch des Studenten. Fehlerfrei.

Geht doch.

Anmerkungen:
[1] Zu den kleinen Kollateralschäden für Malu Dreyer zählte, dass FAZ-Redakteur Jörg Thomann ihr eine Rolle in seiner → fiktiven Fortsetzung des Twitter-Kriegs zwischen Boris Becker und Oliver Pocher gab.
„Malu Dreyer @minsterpräisdentin @TheBorisBecker @oliverpocher Ich, finde dieser Streit, traurig. Seid der jugend doch lieber Vorbildern!“ [↑]
[2] Wenn Studenten in der Klausur undeutlich schreiben, gehen ihnen Punkte verloren. Was aber passiert, → wenn Ärzte unleserliche Rezepte schreiben? [↑]
[3] Noch besser wäre laut Duden „Hallo, Herr Wettengl“. Es geht aber auch ohne Komma. „Besonders wenn die eigentliche Anrede aus nur einem Wort besteht, kann sie in Briefen und E-Mails aber auch ohne Komma stehen: „Hallo Karin!“, „Hi Paul!“, schreibt → duden.de. „Herr Wettengl“ sind zwei Worte, die gehören aber fest zusammen, würde ich sagen. [↑]