Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß,
eingerahmt von Martin Winterkorn und Franz Beckenbauer

Nein, ein Freund der Großtuer vom FC Bayern München war ich nie. In diesem Blog dürfen solche persönlichen Abneigungen allerdings keine Rolle spielen. Das gehört für mich gewissermaßen zu den Verhaltensgrundsätzen einer professionellen BWL-Bloggerei.

Dennoch geht es in diesem Posting (mal wieder) um den FCB. Was dort gerade außerhalb des Fußballfeldes über die Bühne geht, kann man (muss man) mit Blick auf die Verhaltensgrundsätze einer guten Unternehmensführung diskutieren. Corporate Governance und Compliance sind zu diesem Thema die passenden angelsächsischen Schlagworte.

Die Causa Hoeneß ist wieder hochgekocht. „Der Uli“, Präsident des FC Bayern München e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrates der FC Bayern München AG, muss am 10. März 2014 als Angeklagter vor Gericht erscheinen (→ sz.de) . Es geht um den millionenschweren Steuerbetrug, zu dem er sich im April auch öffentlich bekannt hat. Wenn’s für ihn arg kommt, muss der nebenberufliche Würstchenfabrikant ins Gefängnis. Im weniger schlimmen Fall bekommt Hoeneß eine Bewährungsstrafe. Wenn das Urteil gegen ihn rechtskräftig ist, hat er mit größter Wahrscheinlichkeit eine weitere Gemeinsamkeit mit Karl-Heinz Rummenigge. Der ist Vorstandsvorsitzender der FCB AG und hat einen Strafbefehl akzeptiert, der in zur Zahlung einer Strafe von 250.000 Euro verdonnert (→ sz.de). Das entspricht 140 sogenannten Tagessätzen, ab einer Strafhöhe von 90 ist man vorbestraft. Rummenigge hatte zwei Rolex-Uhren, zusammen 100.000 Euro wert, im Februar aus dem Wüstenstaat Katar mitgebracht. Dort habe sie ihm ein Freund geschenkt. Der FCB-Vorstandschef wollte bei seiner Rückkehr mit den beiden Mitbringseln durch den „Nichts zu verzollen“-Ausgang.

Für Leser ohne Hintergrundwissen aus der Welt des runden Leders: Katar wurde Ende 2010 in einer höchst umstrittenen Entscheidung des Fußball-Weltverbandes FIFA die WM 2022 zugesprochen. Vor einigen Wochen berichtete die englische Zeitung Guardian erstmals über den Tod von mindestens 44 „Sklavenarbeitern“ auf katarischen WM-Baustellen (→ theguardian.com).

Wir können getrost davon ausgehen, dass die Kataris die WM-Vergabe gekauft haben (→ welt.de). Uhrenschmuggler Rummenigge hatte und hat zwar kein FIFA-Amt. Als Vorsitzender der Europäischen Club-Vereinigung ECA ist er aber ein einflussreicher Funktionär. Den arabischen WM-Ausrichtern kann es nicht schaden, ihn als Fürsprecher auf ihrer Seite zu haben. Mitte Oktober nahm Rummenigge das Ausbeuteremirat am Golf auch wie bestellt in Schutz („Man muss aufpassen, dass man die Kritik nicht übertreibt. Die deutsche Industrie hat dort Milliardenaufträge“, → focus.de). Mit dem Uhrengeschenk hat dieser Eifer nichts zu tun, da bin ich gaaanz sicher.

Von der vorbildlichen Einhaltung ethischer Standards kann bei den zwei ehemaligen Weltklassefußballern Uli H. und Karl-Heinz R. nicht mehr die Rede sein. Zumindest nicht, wenn man die Berichte mit intakten Moralmaßstäben verfolgt. Rücktrittsgedanken? Nein, davon sind beiden FCB-Granden dennoch nicht angekränkelt. Hoeneß am 9.11.: „Warum sollte ich? Es gab überhaupt nie einen Grund, denn ich habe die volle Unterstützung der Fans, der Mitglieder, des Aufsichtsrats und des Verwaltungsbeirats“ (→ faz.net). Klickt man sich durch die Kommentare zu aktuellen Hoeneß-Artikeln auf sueddeutsche.de, findet man zwar einzelne Bayern-Fans, die sich eine Hoeneß-freie Vereinsspitze wünschen (InfinitySeven am 11.11. auf sz.de: „Dann mach ich halt als Bayern-Fan den Anfang und fordere Sie, Herr Hoeneß zum Rücktritt auf!“).

Mit seinem Hinweis auf den Aufsichtsrat (AR) der FCB AG hat Hoeneß aber unbestritten Recht. Die acht anderen Mitglieder haben ihrem AR-Vorsitzenden erneut und unverzüglich ihre Treue versichert, als Anfang November bekanntwurde, dass es zur Gerichtsverhandlung kommen würde. Der AR weist in seiner Erklärung auf ein Rechtsgutachten hin.

„… Auch die Vorstellung, die im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG vertretenen Vorstandsmitglieder von deutschen Groß-Unternehmen müssten dafür sorgen, dass die FC Bayern München AG eine „zero tolerance“-Politik gegenüber Herrn Hoeneß verfolge, sei fehlerhaft. Eine solche Verpflichtung gebe es selbst in börsennotierten Aktiengesellschaften nicht, und schon gar nicht gebe es sie im Hinblick auf Pflichtverletzungen im Privatbereich.“

WWW-Link

Kann AR-Mitglied Martin Winterkorn, im Hauptberuf Vorsitzender des Volkswagen-Vorstandes, kein Englisch? Oder hat er schon wieder vergessen, was er vor 1½ Jahren 3900 VW-Managern predigte?

„Kernwerte wie Integrität und Fairness nicht nur zu definieren, sondern diese auch bewusst zu leben, wurde und wird von der Unternehmensführung ausdrücklich gefordert. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns Prof. Dr. Martin Winterkorn unterstrich im März 2012 vor mehr als 3.900 Führungskräften, dass es beim Thema Compliance zum Schutz der Reputation des Unternehmens keinerlei Toleranz gibt.”
(aus dem Corporate Governance Bericht 2012 der VW AG)

Ich würde jedenfalls „zero tolerance“ mit null Toleranz bzw. keinerlei Toleranz übersetzen. Vielleicht weiß Compliance-Azubi Winterkorn aber auch nicht, was Integrität bedeutet. duden.de hilft. Über einen Unterschied zwischen Integrität im Berufsleben und im Privatbereich ist mir übrigens nichts bekannt. Menschen sind integer – oder nicht.

Integrität
= Makellosigkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit. Gleichbedeutende bzw. ähnliche Begriffe sind: Anständigkeit, Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit

Außerhalb des FC Bayern-Kosmos mit seinen 200.000 einfachen Mitgliedern und den zwei, drei Dutzend Vereinsfunktionären gibt es durchaus kritische Stimmen. Zum Beispiel hat Christian Strenger Hoeneß zum Rücktritt aufgefordert. Strenger ist Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex (→ faz.net). Auch die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) hat sich klar zum Fall Hoeneß geäußert. Bitte zurücktreten! (→ sz.de)

Zum Verhalten des FCB-Aufsichtsrates hatte sich im Mai schon Christine Hohmann-Dennhardt geäußert. Die ehemalige Richterin am Bundsverfassungsgericht ist jetzt im Vorstand von Daimler für „Integrität und Recht“ zuständig.

„Eigentlich wolle sie sich ja nicht erdreisten, ein Urteil über andere Unternehmen zu fällen, sagt die Juristin […] in einem Gespräch mit Journalisten in New York. Aber dann kann sie sich doch eine Attacke auf die Riege hochkarätiger deutscher Wirtschaftslenker nicht verkneifen, die im Aufsichtsrat des FC Bayern München sitzt: Aktuelle oder designierte Vorstandsvorsitzende von Adidas, Audi, Volkswagen und der Deutschen Telekom stimmten vor einigen Wochen [Mai 2013] einvernehmlich für den Verbleib von Hoeneß auf seinem Posten als Aufsichtsratschef. Hohmann-Dennhardt findet, Hoeneß hätte suspendiert werden müssen und die Topmanager hätten jetzt ein „Glaubwürdigkeitsproblem“. Es vertrage sich nicht, im eigenen Unternehmen das Einhalten von Regeln zu predigen und dann anderswo „ein Auge zuzudrücken“: „Wer man in seinem Unternehmen ernst genommen werden will, darf in seinem Führungsverhalten keinen Zickzackkurs zeigen.“

Frau Hohmann-Dennhardt weiß beim Thema Compliance sehr gut, wovon sie spricht. Audi, Adidas und die Telekom engagieren sich bei den Bayern, Daimler in der Formel 1. Dort hat  Bernie Ecclestone das Sagen. Die Staatsanwaltschaft München hat dem Briten im Juli ihre Anklageschrift wegen Bestechung zugestellt. Ecclestone soll einem ehemaligen Vorstand der Bayern-LB 44 Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt haben, damit die Bank eine lukrative Formel-1-Beteiligung günstig an die Firma CVC verkauft (→ sz.de).

Die FAZ erläutert, wie das für Daimler mit dem Thema Compliance zusammenhängt: „Der Daimler-Konzern setzte im vergangenen Jahr die Aufnahme von Compliance-Klauseln in das Commercial Agreement mit der Formel-1-Vermarktungsfirma FOM durch. Diese erlaubt es den Stuttgartern, aus der Königsklasse des Motorsports auszusteigen, sollte einer der Vertragspartner gegen Compliance-Grundregeln verstoßen. „Wir werden uns jetzt über die Inhalte des Verfahrens und das weitere Vorgehen mit den jeweiligen Partnern (Teams, Fia, F1-Gesellschafter) der Formel 1 beraten und danach wieder äußern“, hieß es am Mittwoch [17.07.2013] in einer offiziellen Stellungnahme von Daimler.“

Aus Sicht der beteiligten Partnerunternehmen ähneln sich die Fälle Hoeneß und Ecclestone. Es gibt aber einen Unterschied, der erklärt, weshalb die Daimler-Juristin das Thema Compliance viel deutlicher adressiert als Dr. Winterkorn und seine AR-Kollegen beim FCB. Über 70 Prozent der Daimler-Aktien werden von sogenannten institutionellen Investoren gehalten. Das sind Banken, Versicherungen, Investment- und Pensionsfonds. Vor allem US-amerikanische Finanzfirmen sind gegenüber ihren Eigentümern und Kunden vertraglich dazu verpflichtet, bei Unternehmen, an denen sie sich beteiligen, strenge Compliance-Regeln durchzusetzen. Daimler gibt diesen Druck an die eigenen Geschäftspartner weiter.

Kontrastprogramm: Hauptaktionär der FC Bayern München AG ist der FC Bayern München e.V. (82 %). Adidas und Audi sind Minderheitsaktionäre (je 9 %), die Dt. Telekom „nur“ Trikotsponsor. Die vier Top-Manager im FCB-AR (Winterkorn/VW, Stadler/Audi, Hainer/Adidas, Höttges/Telekom) können Hoeneß also nicht zum Rücktritt zwingen. Die Herren müssen sich aber keineswegs so unterwürfig anbiedern, wie sie es seit Beginn der Affäre gemacht haben.

Zum Schluss dehne ich die inhaltlichen Zuständigkeiten dieses Blogs doch noch ein wenig. Zeitgleich mit der Rummenigge-jetzt-vorbestraft-News ging’s gestern in den Medien auch um die Ablehnung der Münchner Olympiabewerbung („NOlympia 2022“). In allen vier potenziellen Ausstragungsorten war eine Mehrheit der Bürger gegen Olympia. Einer anderen FCB-Figur – von Hoeneß und Rummenigge war genug die Rede – hat diese Entscheidung gar nicht gefallen. Franz Beckenbauer, „Lichtgestalt“ des deutschen Fußballs und Ehrenpräsident des FC Bayern, schrieb den Olympia-Gegnern ins Stammbuch: „Das wird ihnen irgendwann leidtun.“ Und weiter: Man sollte vielleicht darüber nachdenken, ob ein Bürgerentscheid im Vorfeld sein müsse (→ faz.net). Das sagt einer, der wohl gerne die Münchner, Traunsteiner und Partenkirchner überstimmen würde, aus Steuergründen seinen Hauptwohnsitz aber in Österreich hat.

Freie Bürger, die mitentscheiden, findet Beckenbauer offenbar störend. Weniger Probleme hat er dagegen mit den ausbeuterischen Bauherrn am WM-Austragungsort Katar. „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum, ohne Ketten“ (→ tz-online.de).
Hallo, Franz! Geht’s eigentlich noch!?

Fazit: Eine feine Gesellschaft ist das momentan beim FC Bayern. Fehlt eigentlich nur noch eine (bzw. einer). Die Suche läuft schon:

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