Auf dem Weg nach Peking – zum Haareschneiden

Anders als in zahlreichen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keinen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Allerdings Festlegungen für bestimmte Branchen. So wurden im Frühjahr 2010 z. B. gesetzliche Mindestlöhne für Pflegekräfte (8,50 Euro pro Stunde) und Gebäudereiniger beschlossen (8,40 Euro pro Stunde). Ob eine allgemeine Lohnuntergrenze eingeführt werden sollte, ist weiterhin heftig umstritten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat dazu eine klare Meinung: Kein Lohn unter 8,50 Euro pro Stunde, heißt es auf mindestlohn.de. Dort bin ich unter /Material/Plakate auf das Plakatmotiv „Friseurbesuch“ gestoßen. Beim „Frisieren“ der langhaarigen Mindestlohn-Flüchtlinge wurden die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung keineswegs voll ausgeschöpft. Dennoch finde ich das Plakat gelungen.

Die Botschaft wird mal nicht mit bärbeißiger Gewerkschafterrhetorik vorgetragen, sondern in Form einer humorvollen Persiflage vermittelt. Auch bei einem flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland und dann spürbar höheren Preisen für Friseurdienste würde natürlich niemand einen halbstündigen Friseurbesuch ins Niedriglohnland China verlagern. Die DGB-Argumentation lautet verallgemeinert, dass sich mit einem allgemeinen Mindestlohn ohne unangenehme Nebenwirkungen mehrere wünschenswerte Ziele erreichen lassen: (1.) gerechtere bzw. faire Löhne für harte Arbeiten, aber auch (2.) eine durch höhere Löhne verstärkte private Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen (Wirtschaftswachstum). Außerdem lässt sich (3.) argumentieren, dass Mindestlöhne die Qualifikationsbereitschaft von Mitarbeitern fördern können.

Dennoch ist die Mehrheit der wirtschaftspolitischen Experten gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. In einem Brief an die damalige schwarz-rote Bundesregierung warnten 2008 sieben von ihnen davor, allgemeinverbindlich oder für eine Vielzahl von Wirtschaftzweigen Mindestlöhne einzuführen. Der vollständige Brief mit der Überschrift „Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!“ kann auf dieser handelsblatt.com-Seite nachgelesen werden. Die wesentliche Argumentationslinie der sieben Wirtschaftsforscher lautet:

„Ein Viertel der privat Beschäftigten im Osten und etwa ein Zehntel im Westen verdienen weniger als diesen Betrag [2008 wurde über 7,50 Euro pro Stunde diskutiert]. Die notwendige Lohnerhöhung wird in erheblichem Umfang neue Arbeitslosigkeit erzeugen. Betroffen wäre dabei vor allem der Dienstleistungssektor. Auch wenn es den Unternehmen gelingt, die höheren Arbeitskosten großenteils auf die Preise zu überwälzen, hätte dies gravierende Auswirkungen, weil die Nachfrage bei steigenden Preisen sinkt. Häufig sind jedoch die Möglichkeiten begrenzt, erhöhte Arbeitskosten auf die Preise zu überwälzen. Dann werden die Unternehmen mit verstärkter Rationalisierung reagieren, also Arbeitskräfte durch Maschinen austauschen, oder mit der Verlagerung von Produktionsstätten, wenn die heimische Nachfrage nach den entsprechenden Gütern und Leistungen auch aus dem Ausland befriedigt werden kann, wo zu niedrigeren Löhnen produziert wird. Haushalte können zudem verteuerte Dienstleistungen durch Waren oder Schwarzarbeit ersetzen. So oder so – der Mindestlohn führt zu erheblichen Beschäftigungsverlusten.“ (Blum et al.: Beschäftigungschancen statt Mindestlohn!, 2008, Hervorhebungen nicht im Original).

Als konkretes Beispiel für die negativen Wirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns nennen die Mindestlohnskeptiker die hohe Arbeitslosigkeit bei jungen Franzosen. In Frankreich gibt es seit Jahrzehnten den SMIC (salaire minimum interprofessionnel de croissance = allgemeiner Mindestlohn). Anfang 2010 lag er bei 8,86 Euro pro Stunde (ausführlicher erklärt diese Seite der Französischen Botschaft den SMIC). Bei einfachen Tätigkeiten ist dieser Mindestlohn höher als die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft. Für ein Unternehmen lohnt es sich unter diesen Bedingungen nicht, eine derartige Stelle einzurichten und zu besetzen. In Zahlen: Rund 20 Prozent der Franzosen zwischen 15 und 24 Jahren sind arbeitslos.

Noch einmal ein Blick auf das Friseurbeispiel und die DGB-Kampagne. Bei Frisierdienstleistungen muss sich der Kunde persönlich am Produktionsprozess beteiligen. Eine Verlagerung ins weit entfernte China ist deshalb auch bei einem deutlich steigenden Preisniveau in Deutschland nicht zu fürchten. Ob es in grenznahen Gebieten zu einem „Frisiertourismus“ wie bei der Jagd nach billigem Sprit kommen könnte? Vielleicht, wenn die Preise für einen Damenhaarschnitt auf über 100 Euro ansteigen. Mit anderen Ausweichmanöver der Kunden wäre eher zu rechnen: weniger Besuche beim Friseur, mehr Do-it-yourself im Familienkreis und mehr Schwarzarbeit. Ob sich aber Friseure verstärkt durch Maschinen wie den Flowbee- oder den Robocut-Haarschneideautomaten ersetzen lassen, darf bezweifelt werden (siehe auch diesen spaßigen Blogeintrag auf riesenmaschine.de).