Kurz nach dem Plädoyer für den Besuch einer BWL-Vorlesung im Rahmen eines technischen Studiums hier noch ein weiterer allgemeiner Tipp für die Gestaltung der Studienzeit: Werden Sie als Student(in) eines ingenieurwissenschaftlichen Faches schon zu Studienbeginn Mitglied des Vereins Deutscher Ingenieure (→ Link zum VDI). Für studierende Mitglieder beträgt der Jahresbeitrag zur Zeit (September 2010) schlappe 28 Euro. Mitglied des FC Bayern München zu sein ist zwar noch etwas günstiger (25 Euro pro Saison, wenn man jünger als 25 ist), aber dem VDI anzugehören hat mindestens einen entscheidenden Vorteil: VDI-Mitglieder bekommen ohne zusätzliche Zahlung die Wochenzeitung VDI Nachrichten. Da stehen natürlich auch interssante Artikel über neue technische Entwicklungen und kreative Ingenieure drin. Mein Lieblingsartikel der letzten Monate: → „Jetzt spricht das Vieh!“ Darin geht es um den Bioakustiker Gerhard Jahns, der eine Software entwickelt hat, mit der sich die unterschiedlichen Rufe von Kühen erkennen und verstehen lassen. Kein Wunder, dass lustige Zeitgenossen dem Erfinder schon den Beinamen „Dr. Kuhlittle“ verpasst haben. Auch Tageszeitungen haben die Geschichte in den letzten Monaten aufgegriffen, zum Beispiel Die Welt und das Hamburger Abendblatt.

Typisch für Beutetiere haben Kühe einen recht beschränkten Wortschatz. Nur rund zehn verschiedene Kuhrufe liefern dem Kuhflüsterer klar zu interpretierende Informationen, z. B. dass ein Tier gemolken werden möchte, sich erkältet hat oder gerade empfängnisbereit ist. In den VDI Nachrichten erfährt man auch, wie Bioakustiker Jahns bei der Entwicklung seiner Software vorgegangen ist. Mehrere Hundert Laute von 39 Kühen wurden aufgezeichnet. Um den Hunger-und-Durst-Laut zu erkennen, wurden bestimmte Kühe ein Weile nicht gefüttert. Deren aufgebrachte Rufe, wenn ein Landwirt mit Futter den Kuhstall betrat, wurden anhand von Spektralanalysen über den Energiegehalt der Rufe untersucht und als Muster in der Datenbank verschiedener Kuhsounds gespeichert (auf dem Notebook im rechten Bildchen ist eine solche Analyse zu erkennen). Hunger oder Durst kann das ausgeklügelte Programm schon heute 100-prozentig richtig erkennen und ist damit laut Jahns einfacheren Systemen überlegen, die allein die Rufhäufigkeit oder -intensität berücksichtigen. „Sicher brüllt eine Kuh öfter, wenn sie Hunger hat. Sie brüllt aber vielleicht auch nur deshalb, weil sie ein extrovertierter Typ ist. Auch unter Vierbeinern gibt es Schwätzer“, scherzt der Ingenieur.

Die Forschungen zur Kuhstimmenerkennung können durchaus einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Erfinder Jahns sieht „die Erhaltung und Verbesserung der Tiergesundheit und des Wohlbefindens als Voraussetzung für eine artgerechte und effiziente Tierhaltung auch im Sinne des Verbraucherschutzes und der Lebensmittelsicherheit“. Außerdem sei es für Züchter wichtig zu wissen, wann Kühe empfängnisbereit sind. Nur dann ist eine Besamung erfolgversprechend. Allerdings ist der Aufwand noch hoch. Es bleibt also noch eine Weile abzuwarten, ob sich die neue Erkennungssoftware für Kuhlaute im wissenschaftlichen Sinn zu einer Innovation entwickelt. Definitionsgemäß zeichnen sich technische Innovationen nicht nur durch das Merkmal der Neuartigkeit aus, sondern auch durch ihren Markterfolg (innovation = invention + commercialization).

Nachtrag: In der ARD-Sendung „Kopfball“ hatte Gerhard Jahns 2013 einen Auftritt: