In wenigen Wochen beginnt das Wintersemester 2010/11. Für mich steht unter anderem die Vorlesung „Einführung in die BWL“ auf dem Programm. In ihr sollen den Studenten unserer technischen Hochschule BWL-Grundlagen vermittelt werden, z. B. zur Wahl der Rechtsform eines Unternehmens und zur Kalkulation von Produktkosten. Manchmal höre ich am Semesteranfang die kesse Frage, ob ich es denn wirklich sinnvoll fände, angehende Ingenieure mit BWL-Themen zu belästigen. Man wolle nach dem Studium schließlich nicht im Rechnungswesen, sondern in einer Entwicklungsabteilung oder im Fertigungsbereich eines Industriebetriebs arbeiten. Bei meiner Antwort nehme ich dann gerne einen Leserbrief zur Hand, der im September 2004 unter der Überschrift „Ingenieure als Handlanger“ in der FAZ erschien:

„[…] das Ausbleiben des Ingenieur-Nachwuchses. Dabei muß auch die systematische Entmachtung der Ingenieure in deutschen Firmen erwähnt werden, die seit den siebziger Jahren stattgefunden hat. Schritt für Schritt haben Kaufleute, Marketing-Manager und sogar Juristen in den Firmen das Ruder in die Hand genommen und über die Produkte, die entwickelt und hergestellt werden sollten, entschieden. […]. Die Ingenieure finden sich oft in der Rolle von Handlangern wieder und ziehen sich vielfach eingeschüchtert und demotiviert zurück. Die zunehmende Umwandlung der Firmen in Aktiengesellschaften mit Aktionären, die nur schnell viel Geld verdienen wollen, bringt die Ingenieure in weitere Verdrückung. Weil Forschung und Entwicklung meistens viel Geld kosten, werden die Ingenieure für die oft schlechten kurzfristigen Ergebnisse verantwortlich gemacht. Da vergeht einem die Lust auf neue Ideen und deren Umsetzung. Und so kommt es, daß ich unter diesen Bedingungen meine Berufswahl von damals heute nicht weiterempfehlen kann.“ Rolf M. aus B. in der FAZ vom 16.09.2004

Ein wichtiges Ziel für mich als Dozenten bringe ich dann so auf den Punkt: „Sie studieren jetzt BWL-Grundlagen, damit ich in 10, 15 Jahren nicht so einen jammervollen Leserbrief wie von Rolf B. aus M. von Ihnen in der FAZ lesen muss!“ In meiner Vorstellung ist Rolf B. aus M. der Prototyp eines Ingenieurs vergangener Tage. Um das exotische Wahlfach „BWL für Ingenieure“ hat er in seinem Maschinenbaustudium während der 1980er Jahre einen großen Bogen gemacht und bei der Lektüre der Tageszeitung zieht er selbst die Todesanzeigen dem Wirtschaftsteil vor. Und an seinem Arbeitsplatz muss er tatenlos zusehen, wie die Schaumbläser mit BWL-Diplom „und sogar Juristen“ strategische Entscheidungen maßgeblich beeinflussen. Ein Albtraum für Ingenieure. Da kommt mir der Hinweis des US-Ökonomen Gregory Mankiw in den Sinn: „[…] one purpose of studying economics is to avoid being fooled by economists“ (economist = Wirtschaftswissenschaftler, Volkswirtschaftler). Mankiws Ratschlag in der New York Times, an US-Colleges den klassischen „101 Economics“-Einsteigerkurs zu belegen, findet man hier auch online.

Die Aussage von Rolf B., dass Kaufleute und Juristen in vielen Unternehmen das Ruder in die Hand genommen hätten, ist übrigens – zurückhaltend formuliert – sehr pauschal und für zahlreiche Branchen schlicht falsch. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) untersucht regelmäßig die berufliche Stellung der ca. 150.000 Ingenieure in deutschen Maschinenbau-Unternehmen. Ergebnis der Erhebung 2007 : „Von den Geschäftsführungs- und Vorstandsmitgliedern in Maschinenbau-Unternehmen sind fast zwei Drittel Ingenieure. Das gilt durch die Bank weg für kleine, mittlere und große Unternehmen. […] Ingenieure leiten rund drei von vier Projekten, die in einem Maschinenbau-Unternehmen durchgeführt werden.“ (S. 7 der VDMA-Ingenieurerhebung 2007, hier auch online verfügbar). Allerdings gilt auch in technikintensiven Firmen: Ohne Management-Qualitäten und betriebswirtschaftliches Gespür keine Karriere.

BWL-Wissen ist aber nicht erst in einer höheren Führungsposition hilfreich:

  • Bei der Produktentwicklung und der Konstruktion werden mehr als zwei Drittel der späteren Kosten eines Produkts festgelegt. Entwicklungsingenieure müssen deshalb über ein ausgeprägtes Bewusstsein für die kostensteigernden oder -reduzierenden Wirkungen ihrer Festlegungen haben, wenn am Ende des Entstehungsprozesses wettbewerbsfähige Produkte stehen sollen.
  • Für den Vertrieb suchen technologieorientierte Unternehmen vor allem Mitarbeiter, die über profunde Kenntnisse der Technik der eigenen Produkte, aber auch Marketing- und Kostenrechnungswissen verfügen. Z. B. um preispolitische Entscheidungen zu treffen oder zu erkennen, wann man bei einem (zu) ausgefallenen Kundenwunsch „Nein“ sagen sollte, um den Unternehmenserfolg nicht zu gefährden. Nicht überraschend: Vertriebsingenieure mit Technik- und BWL-Know-how gehören zu den bestbezahlten Ingenieuren (siehe die Nachricht Ingenieure: Reich werden mit BWL-Wissen auf focus.de).

Immer noch Zweifel?
Anfang 2010 wurde Rita Forst Entwicklungschefin von Opel. In den 1970er Jahren hat sie an der FH Darmstadt Maschinenbau studiert und 1977 als Motorentwicklerin bei Opel begonnen. Für einen Zeitungsartikel der FAZ warf sie vor einigen Jahren einen Blick zurück. Dort zu lesen: „[…] 1984 hat sie ein Jahr zur Weiterbildung bei General Motors in den USA verbracht. Dort habe sie die betriebswirtschaftlichen und die Management-Kenntnisse erworben, von denen in ihrem Studium nicht die Rede gewesen war. Heute würde sie ein solches Aufbaustudium gleich anhängen“ (FAZ vom 30.06.2003).

Wir sehen uns in der BWL-Vorlesung.