Rupert Stadler, Uli Hoeneß und Martin Winterkorn im Jahr 2009
(Foto: Audi; ein kleines bisschen Photoshop war auch im Spiel)

Da stimme ich Uli Hoeneß mal uneingeschränkt zu. Einen „Riesenmist“ hat der Präsident des FC Bayern München nach eigener Aussage gebaut. Sein millionenschwerer Steuerbetrug ist ein Fall für die Münchner Staatsanwaltschaft. In diesem Blog geht’s aber nicht um die steuer(straf)rechtlichen, sondern um die BWL-Facetten des Skandals. Das Ganze ist auch eine Compliance-Angelegenheit. Mit diesem angelsächsischen Schlagwort wird die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen, firmeninterner Richtlinien und ethischer Verhaltensgrundsätze bezeichnet. Vor allem angesichts mehrerer Korruptionsaffären genießt das Thema in deutschen Unternehmen seit einigen Jahren erhöhte Aufmerksamkeit. Bei Daimler wurde z. B. für das neue Ressort Recht und Integrität sogar eine Verfassungsrichterin in den Konzernvorstand berufen.

Auch auf den www-Seiten des → skandalerfahrenen Volkswagen-Konzerns findet man natürlich geschliffene Aussagen zum Compliance-Verständnis. Neben gesetzlichen und internen Bestimmungen seien genauso freiwillig eingegangene Verpflichtungen und ethische Grundsätze Richtschnur des Handelns. Damit die Mitarbeiter die VW-Verhaltensregeln verinnerlichen, gibt es einen ausführlichen „Code of Conduct“. Und damit niemand den Ernst der Thematik unterschätzt, hat VW-Vorstandschef Winterkorn im März 2012 seine Sicht klargestellt.

„Kernwerte wie Integrität und Fairness nicht nur zu definieren, sondern diese auch bewusst zu leben, wurde und wird von der Unternehmensführung ausdrücklich gefordert. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns Prof. Dr. Martin Winterkorn unterstrich im März 2012 vor mehr als 3.900 Führungskräften, dass es beim Thema Compliance zum Schutz der Reputation des Unternehmens keinerlei Toleranz gibt.“
(aus dem Corporate Governance Bericht 2012 der VW AG)

Was hat das nun mit Uli Hoeneß zu tun? Der ist schließlich kein VW-Mitarbeiter, und die berühmten VW-Würstchen entstehen im Wolfsburger Werk in Eigenfertigung (→ „VW: Currywürste und Ketchup als Verkaufsrenner“). Herrn Winterkorn trifft Wurstfabrikant Hoeneß dennoch regelmäßig geschäftlich. Beide sind Mitglied des Aufsichtsrates (AR) der FC Bayern München AG (kurz: FCB AG). Hoeneß ist sogar der Vorsitzende des 9-köpfigen Kontrollgremiums und darf es auch vorläufig bleiben.

Mitglieder des Aufsichtsrates FC Bayern München AG (Stand: 06.05.13):

• Uli Hoeneß (AR-Vorsitzender)
• Herbert Hainer (stellv. AR-Vors.), Vorstandsvorsitzender Adidas AG
• Rupert Stadler (stellv. AR-Vors.), Vorstandsvorsitzender Audi AG
• Timotheus Höttges, Finanzvorstand Dt. Telekom AG
• Karl Hopfner, 1. Vizepräsident FC Bayern München e.V.
• Helmut Markwort, Herausgeber Nachrichtenmagazin Focus
• Dieter Rampl, Verwaltungsratsvorsitzender UniCredit Group
• Edmund Stoiber, Bayerischer Ministerpräsident a.D.
• Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender Volkswagen AG

Wie die Liste zeigt, sitzt VW-Boss Winterkorn im FCB-Aufsichtsrat neben anderen Vertretern wichtiger Geldgeber. VW-Tochterunternehmen Audi ist seit 2002 Sponsor des FCB („Audi-Cup“ in der Sommerpause) und inzwischen auch Miteigentümer des Profifussball-Geschäfts. Noch viel länger ist Sportartikelhersteller Adidas mit den Münchnern verbandelt, seit gut einem Jahrzehnt auch als Aktionär. Vom Trikotsponsor Deutsche Telekom fließen jährlich 25 Millionen Euro in die Bayern-Kasse. Wichtige Akteure im Hoeneß-Drama und die Kapitalverflechtungen sind im nachfolgenden Schaubild zusammenfasst.

Uli Hoeneß ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der FC Bayern München AG. Deren Hauptaktionär ist der FC Bayern München e.V. Daneben gibt es zwei Unternehmen, die je 9,1 Prozent der Anteile besitzen, Adidas und Audi. Die wesentlichen kapitalmäßigen und personellen Verflechtungen zeigt die Grafik (Anklicken!).

Gestern, am 6. Mai, hat sich der FC Bayern-Aufsichtsrat in der Allianz-Arena getroffen. Die Herren haben entschieden, dass Uli Hoeneß sein Amt weiter ausüben soll (→ „Hoeneß bleibt vorläufig im Amt“). Hätten die anderen AR-Mitglieder den Vereinspatron eigentlich auch gegen seinen Willen rausschmeißen können? Nein, er vertritt als sogenanntes geborenes Mitglied den FC Bayern München e.V., dessen Präsident er seit 2009 ist. Vor einem halben Jahr, bei der Mitgliederversammlung 2012, wurde er mit 97 Prozent der Stimmen eindrucksvoll für weitere drei Jahre bestätigt.

„Der Präsident sowie der erste Vizepräsident gehören dem Aufsichtsrat der Gesellschaft, in die der Lizenzfußballbereich des Clubs ausgegliedert ist, als geborene Mitglieder an.“
§ 15 (5) Satzung FC Bayern München e.V.

Aufsichtsratsvorsitzender ist der FCB-Vereinspräsident allerdings nicht automatisch. § 107 (1) des Aktiengesetzes legt fest, dass in Aufsichtsräten deutscher AGs die Mitglieder aus ihrer Mitte den Vorsitzenden bzw. die Vorsitzende wählen. Unabhängig von dieser Regel ist aber klar, dass die übrigen AR-Mitglieder Hoeneß nicht in einer Kampfabstimmung absetzen wollten. Nach dem Gewinn der Meisterschaft und dem Erreichen des Champions League-Finales schwimmt „der Uli“ in München und bei den FCB-Fans auf einer Sympathiewelle.

Der FC Bayern München e.V. hatte bei der letzten Zählung 187.865 Mitglieder (Stand: 2012). Mehr hat auf der ganzen Welt nur ein anderer Sportverein, Benfica Lissabon. In 3.202 Fanclubs wird den Ballkünsten von Schweinsteiger und seinen Mitspielern gehuldigt. Für die große Schar der FCB-Sympathisanten ist Hoeneß der „Nelson Mandela von der Säbener Straße“. Dieser – aus heutiger Sicht etwas peinliche – Lobpreis stammt von FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Die Manager von Adidas, VW, Audi und der Telekom konnten (und können) in der Causa Hoeneß abwägen: Ihre Compliance-Sprüche à la „Null Toleranz“ standen (stehen) auf der einen Seite. Die Sorge, mit einem Anti-Hoeneß-Kurs den Zorn der FCB-Freunde auf sich zu ziehen, auf der anderen. Der FC Bayern gilt außerdem als eine der weltweit stärksten Marken in der Welt des Sports. Und so ließen Winterkorn & Co. beim geständigen Steuerkriminellen Uli H. erst einmal fünf gerade sein. Das Thema Compliance hat bis zum CL-Finale am 25. Mai in Wembley Ferien.

VW-Chef Winterkorn und die anderen Top-Manager können Hoeneß nicht einfach auswechseln. Innerhalb ihrer Konzerne ist ihre Handlungsmacht deutlich größer. Im Schaubild oben sieht man das am Beispiel von VW. Martin Winterkorn ist Vorsitzender des VW-Konzernvorstands. Gleichzeitig hat er bei der Audi AG, dem wichtigsten VW-Tochterunternehmen, das Amt des AR-Vorsitzenden inne. Der Aufsichtsrat wiederum bestellt die Mitglieder des Vorstands. Beim letzten großen Stühlerücken in der VW-Gruppe wurden Mitte 2012 beispielsweise gleich drei Audi-Vorstandsposten neu besetzt (→ „Konzernumbau bei VW“).

„Sein Schicksal wird in München entschieden, nicht in Herzogenaurach oder Wolfsburg“, sagte laut → Spiegel Online ein ungenannter Manager über Hoeneß‘ Zukunft. Das stimmt. Trotz der Adidas- und Audi-Beteiligungen haben bei der FC Bayern München AG die FCB-Vereinsfunktionäre das Heft des Handelns in der Hand. Und die FC Bayern-Mitglieder passen auf, dass das so bleibt. Ende 2010 wurde in der Vereinssatzung festgeschrieben: Einem Verkauf von 30 oder mehr Prozent der Anteile an der FCB AG müsste eine Dreiviertelmehrheit in der „Mia san mia“-Mitgliederversammlung zustimmen. Eher wird der SSV Ulm Deutscher Meister.

Verwandte Blog-Einträge:
Spitzenspiel (Dezember 2012)
Der FC Bayern München und Borussia Dortmund im Finanzcheck. In puncto Vermögen sind die Münchner bärenstark. Der Club ist ca. 1 Milliarde Euro wert und hat einen kerngesunden laufenden Mittelzufluss. Die deutlich bessere Rendite haben zuletzt aber die Schwarz-Gelben erwirtschaftet.
Abstiegs(un)gefährdete Bayern (Februar 2012)
“FC Bayern wird in Europa zum Abstiegskandidaten”. Hört sich an wie ein Wunschtraum eingefleischter Dortmund-Fans, war aber eine Überschrift in der FAZ. Entwarnung! Die Münchner sind den Branchengrößen ManU, Real Madrid und dem FC Barcelona auch finanziell auf den Fersen.
Keine Schmusepflicht für Schäuble (November 2010)
Finanzminister Schäuble über Steuerhinterzieher Hoeneß: „Er hat mehr als großen Mist gebaut.“ Bei mir sind die beiden Alphamännchen vor 2½ Jahren schon mal gemeinsam in einem Posting aufgetreten.