Rebecca M. Henderson und Kim B. Clark
(Fotos: Harvard Business School, Brigham Young University)

Vor 20 Jahren erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift Administrative Science Quarterly (ASQ) der Aufsatz „Architectural Innovation: The Reconfiguration of Existing Product Technologies and the Failure of Established Firms“ von Rebecca M. Henderson und Kim. B. Clark (ASQ 35 (1990) Special Issue: Technology, Organizations, and Innovation, S. 9-30). Im konzeptionellen ersten Teil des Papers stellen die beiden Autoren ihr Modell zur Klassifizierung technologischer Innovationen vor, das seither seinen festen Platz im Grundlagenkapitel guter Lehrbücher zum Technologie- und Innovationsmanagement hat.

Henderson und Clark ordnen technische Neuerungen nach zwei Kriterien: Stecken im neuen System „nur“ weiterentwickelte oder völlig neue Komponententechnologien (reinforced vs. overturned core concepts)? Ist die Architektur des neuen Techniksystems unverändert oder neu (unchanged vs. changed linkages between core concepts and components)? Neben hochgradig neuen Systemtechnologien bzw. radical innovations und Produktweiterentwicklungen (incremental innovations) gibt es somit zwei weitere Kategorien: modular innovations und architectural innovations. Eine modulare Innovation ist z. B. die Einführung des neue Fußballschuhs von Cristiano Ronaldo mit der neuen variablen Stollentechnologie – etwas prinzipiell Neues auf der Komponentenebene, aber eine unveränderte Systemarchitektur (siehe Posting „Cristiano Ronaldo braucht neue Schuhe“).

Das besondere Augenmerk von Henderson und Clark galt den architectural innovations, bei denen keine völlig neuen, allenfalls weiterentwickelte Komponententechnologien zum Einsatz kommen, es aber um technologische Systeme mit einer veränderten Architektur geht.

„The essence of an architectural innovation is the reconfiguration of an established system to link together existing components in a new way. This does not mean that the components themselves are untouched by architectural innovation. Architectural innovation is often triggered by a change in a component – perhaps size or some other subsidiary parameter of its design – that creates new interactions and new linkages with other components in the established product. The important point is that the core design concept behind each component – and the associated scientific and engineering knowledge – remain the same.“ (S. 12).

Bei architectural innovations spielt so genanntes System-Know-how eine maßgebliche Bedeutung, wie Henderson und Clark hervorheben („Once an organization has recognized the nature of an architectural innovation, it faces a … major source of problems: the need to build and to apply new architectural knowledge effectively. Simply recognizing that a new technology is architectural in character does not give an established organization the architectural knowledge that it needs. It must first switch to a new mode of learning and then invest time and resources in learning about the new architecture“, S. 17). Etablierte Marktführer laufen bei architectural innovations – auch aufgrund des bei ihnen reichlich vorhandenen Komponenten-Know-hows – Gefahr, den Zeitbedarf für die Entwicklung neuer Systeme zu unterschätzen, weil sie dem aufzubauenden neuen System-Know-how zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Es scheint, als wäre das passiert, als vor ca. 3 Jahren der Netbook-Markt entstand. HP, Toshiba und andere Platzhirsche auf dem Markt für die größeren Notebooks verpennten zunächst den Einstieg. Die Pioniere Acer und Asus besetzten sehr erfolgreich das neue Marktsegment (siehe z. B. diese Meldung).

Rebecca M. Henderson (*1960) war von 1998 bis 2009 Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und wechselte 2009 an die Harvard Business School. Kim B. Clark (*1949) war von 1978 bis 2005 Professor an der Harvard Business School und ist seit 2005 Präsident der Brigham Young University in Idaho. Spannenden Lesestoff für TIM-Interessierte lieferte er unter anderem mit den Büchern „Product Development Performance. Strategy, Organization, and Management in the World Auto Industry“ (zusammen mit Takahiro Fujimoto, 1991, auf Deutsch: Automobilentwicklung mit System, 1992, in der Bibliothek der Hochschule Ulm unter der Signatur 658.5 Cla zu finden) und „Revolutionizing Product Development: Quantum Leaps in Speed, Efficiency, and Quality“ (zusammen mit Steven C. Wheelwright, 1992, auf Deutsch: Revolution der Produktentwicklung, 1994).

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Wer den Original-Aufsatz lesen will, findet ihn mit entsprechender Lizenz online z. B. in der EBSCO-Datenbank, oder ganz einfach auf dieser recht versteckten Seite der Wharton University.