Semesterende – Zeit für die Bewertung meiner Vorlesung durch die studentischen Teilnehmer (Evaluation). Unter anderem erhielt ich ein Lob für „die persönlichen Tipps, was Benehmen etc. betrifft“, auch wenn ich diese Hinweise in den Augen des kommentierenden Teilnehmers „vielleicht zu krass in Szene gesetzt“ habe. Eine schöne Formulierung dafür, dass ich mein Missfallen bei zwei, drei Anlässen in deutliche Worte gefasst habe. Fassungslos war ich in folgender Situation:

14:00 Offizieller Vorlesungsbeginn. 14:03 Fast alle Zuhörer anwesend und startklar – Vorlesung beginnt. 14:06 (in Worten: nur 3 Minuten später) Student nimmt Handyanruf an und macht sich nach ein paar getuschelten Sätzen auf den Weg aus dem Unterrichtsraum, um dort das Telefongespräch fortzusetzen. Um den Raum zu verlassen, musste er an mir im Mittelgang vorbei nach vorne gehen, denn hinten gab es keinen Ausgang. So mussten die 40 übrigen Teilnehmer und ich die gerade erst begonnene Besprechung der Übungsaufgaben unterbrechen und durften anfangen, uns die nächste Unterbrechung um ca. 14:08 auszumalen, wenn der junge Mann an seinen Platz zurückzukehren würde. Ich habe mich dann lieber – vielleicht etwas zu krass, stimmt – in Szene gesetzt und den Mobiltelefonierer vor die Wahl gestellt: Entweder um 14:06 Handyanrufe führen oder an der Vorlesung bei mir teilnehmen. Telefonieren war wichtiger. Ich habe den verbliebenen Zuhörern anschließend den Tipp gegeben, in ähnlichen Fällen den Dozenten vor der Vorlesung zu informieren, dass man einen wichtigen Anruf erwartet, und um Erlaubnis zu bitten, diesen Anruf während des Unterrichts annehmen zu dürfen. Als Ausnahmefall hätte ich das akzeptiert.

Mich stört an solchen Verhaltensweisen die fehlende Rücksichtnahme. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff nennt schwere Fälle rücksichtsloser Kinder und junger Erwachsener »Tyrannen«. Krass in Szene gesetzt, diese Wortwahl. Aber zutreffend.

„Mitmenschen, die uns scheinbar ignorieren, sich nicht in Gemeinschaften integrieren und ausschließlich egozentrisch handeln, erscheinen uns tyrannisch, sie unterminieren friedliches, produktives Miteinander. In Betrieben heißt eines der Zauberwörter heute Teamwork. Teamwork kann aber nur funktionieren, wenn die Mitglieder des Teams auf die anderen Rücksicht nehmen, ihre Argumente anhören und das Ziel haben, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Man stelle sich vor, jedes Mitglied eines Teams würde stetig beleidigt reagieren, wenn seine Vorschläge nicht angenommen werden, oder würde sofort den Raum verlassen, wenn es zehn Minuten dem Kollegen zuhören soll. Niemand würde ein solches Verhalten akzeptieren, alle würden es als befremdlich empfinden.“
(Winterhoff/Thielen: Persönlichkeiten statt Tyrannen, Gütersloh 2010, S. 85 – in der Bibliothek der Hochschule Ulm unter der Signatur 305.23 Win zu finden).

Wie in einem Industrieprojekt geht es in einer Vorlesung um Teamwork und ein produktives Miteinander. Team – das gilt nicht nur für die studentischen Teilnehmer als Gruppe, sondern auch für die Studenten und den Professor. Sie haben zwar unterschiedliche Rollen, aber dasselbe übergeordnete Ziel, hier die effektive Vermittlung von Wissen.

Vor der nächsten BWL-Vorlesung hat sich der Mobiltelefonierer übrigens für seine Störung entschuldigt. Sein Handy blieb für den Rest des Semesters während den Vorlesungen ausgeschaltet. Fein.