Zu der krassen Fehlentscheidung im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England („Lampard-Tor“) passt ein Posting über technische Entscheidungshilfen im Profifußball. Eine der vieldiskutierten neuen Technologien ist ein Chipball-System. Dabei ist der Fußball mit einem Funkchip ausgestattet und mit bis zu 2000 Signalen pro Sekunde soll der Chipball hochpräzise geortet werden können.

Ein solches Chipball-System für Fußballspiele zählt schon seit ein paar Jahren zu meinen Lieblingsbeispielen für neue Technologien, die zunächst unter massiven Unzulänglichkeiten litten. Die Generalprobe für das System ist bei Junioren-WM 2005 nämlich gründlich daneben gegangen. Bei einer Partie, die 1:0 endete, hatte der Funkchip insgesamt sechs Tore an den Schiedsrichter gemeldet. 1x richtig und 5x falsch – verständlich, dass nach diesem Test noch niemand auf die neue Technologie setzen wollte. Die herkömmliche Technologie „Menschliche Schiedsrichter“ schaffte bei Deutschland – England immerhin 5x richtig und „nur“ 1x falsch. Allerdings wurde die Chipball-Technologie in den vergangenen Jahren gehörig verbessert, sagt man bei Adidas. Es scheint, als könnten nun Fehler bei Torentscheidungen nahezu ausgeschlossen werden.

Richard D. Foster beschrieb Mitte der 1980er Jahre in seinem Buch „Innovation – The Attacker’s Advantage“ (deutsch: „Innovation – Die technologische Offensive“, Signatur 658.01 Fos in der Bibliothek der Hochschule Ulm, hier kann man bei Google Books durchblättern) den Wechsel auf neue Technologien als Sprung auf eine andere S-Kurve. Die Kernaussagen des S-Kurven-Konzepts: Mit Prototypen und den ersten Produkten auf Basis einer neuen Technologie lässt sich deren Leistungspotenzial noch kaum erschließen. Es folgt aber häufig eine schwungvolle Wachstumsphase mit deutlichen Leistungssteigerungen und einer hohen FuE-Produktivität. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung bewirken zu dieser Zeit sehr große Technikfortschritte. Später aber nimmt die FuE-Produktivität wieder ab, und es lassen sich nur noch geringfügige Verbesserungen erzielen. Ein gravierender Managementfehler, der sich anhand des S-Kurven-Konzepts gut verdeutlichen lässt, ist eine zu gegenwartsnahe Bewertung neuer Technologien in deren früheren Entstehungsphasen. Wer nur das falsche Piepsen der Chipball-Sensoren beim ersten Härtetest hört, nimmt das langfristige Weiterentwicklungspotenzial nicht wahr und verpasst womöglich den rechtzeitigen Wechsel zur neuen Technologie. Nach diesem Muster unterschätzten Mitte der 1990er Jahre viele vermeintliche Experten die Digitalfotografie. Sie schauten nur auf die damals miserable Bildqualität von 0,3-Megapixel-Digitalkameras, die dennoch 1200 bis 1500 DM kosteten.

Das Beispiel der Chipball-Technologie zeigt auch deutlich, dass technische Innovationen soziale Prozesse sind: Letztlich sind die möglichen Anwender entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg einer neuen Technologie. Auch technisch überlegene Systeme verkaufen sich nicht von alleine. Sie müssen als überlegen wahrgenommen und akzeptiert werden. Maßgeblich für die weitere Entwicklung in puncto Chipball-System sind der Fußballweltverband FIFA und sein mächtiger Chef Sepp Blatter. Kurz vor dem Test bei den Junioren gab sich der Schweizer 2005 noch sehr technikfreundlich und stellte sogar einen Einsatz des Chipballs bei der WM 2006 in Aussicht. Die erheblichen Mängel sprachen dann gegen das neue System, und bei der FIFA schien die Ablehnung technischer Hilfen seither wie zementiert („Beratungsresistenz der Fifa ist fast schon pathologisch. … Aber gegen die Irrationalität des Joseph Blatter ist kein Kraut gewachsen.“, hieß es z. B. in der TAZ). Inzwischen rührt sich aber auch bei der FIFA was. Der Einsatz von Hilfen à la Chipball soll erneut geprüft werden.