Seit heute gibt es eine neue 55 Cent-Briefmarke, auf die ich mich schon gefreut habe: die Marke zur Erinnerung an Konrad Zuse, den großen deutschen Computerpionier, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Im Geleitwort zu seiner Autobiografie heißt es über ihn: „Schöpfer der ersten vollautomatischen, programmgesteuerten und frei programmierten, in binärer Gleitpunktrechnung arbeitenden Rechenanlage.“ Kurz: Konrad Zuse erfand und baute mit seinem Partner Helmut Schreyer den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt. Diesen Z3 genannten Rechner stellte er am 12. Mai 1941 vor (im rechten Hintergrundbild steht Zuse vor einem Z3-Nachbau). In der großen ZDF-Umfrage „Unsere Besten – Wer ist der größte Deutsche?“ kam Zuse auf einen beachtlichen 15. Platz. Aber bei Z3 denken wohl die Meisten an den BMW-Roadster aus „James Bond – Goldeneye“ und nicht an die wegweisende Rechenanlage.

Zuse war ein genialer Erfinder und Technikpionier. Die grundlegende  Architektur automatischer Rechengeräte hatte über einhundert Jahre vor Zuse der Engländer Charles Babbage (1791-1871) ersonnen. Ihm fehlten aber die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung seiner Ideen. Mitte der 1930er Jahre machte sich dann Zuse ans Werk. Ein Motiv des damaligen Statikers bei den Henschel-Flugzeugwerken und diplomierten Bauingenieurs: „Ich war zu faul zum Rechnen“. Dabei dachte er für die Recheneinheit (Prozessor) und die Speichereinheit (Arbeitsspeicher) wie Babbage zunächst an mechanische Konstruktionen, Gebilde aus Stahlstiften, Blechen, Hebeln, Gestängen etc. So entstand bis 1938 die Z1, eine mechanische Rechenanlage (linkes Hintergrundbild). Leider war die Z1 höchst störanfällig und funktionierte nie zuverlässig. Allerdings hatten Zuse und sein Kompagnon Schreyer Ende der 30er Jahre schon zwei technische Alternativen zu mechanischen Bauteilen vor Augen: Relais (im Z3 verwendet), aber auch Elektronenröhren. Die etablierten Experten für Rechenmaschinen hielten Zuses Ideen für unrealisierbar. 1937 erläuterte ihm ein damals erfolgreicher Fabrikant von Spezialrechenmaschinen: „Auf dem Gebiet der Rechenmaschinen ist praktisch alles bis in die letzten Möglichkeiten erforscht und ausgeklüngelt“. Großer Irrtum!

Konrad Zuse war aber auch ein Visionär, der die universelle Anwendungsmöglichkeit eines Computers sehr frühzeitig erkannte. Ein Helfer erinnerte sich später an Zuses Weitblick während der 30er Jahre: „… Zuse machte uns klar, daß Rechnen nur ein Spezialfall logischer Operationen ist und daß sein Apparat auch Schach spielen können müsse. Auch andere Anwendungsmöglichkeiten, wie die Wettervorhersage, fielen uns ein.“ Zuse erkannte auch sehr früh die Möglichkeiten, Computer als Konstruktionswerkzeuge im Bauwesen und im Maschinenbau einzusetzen. Er nahm dabei den Einsatz von CAD-Systemen geistig vorweg. Zum Vergleich: Dem langjährigen IBM-Chef Thomas J. Watson wird die Fehlprognose zugeschrieben, er hätte 1943 geglaubt, dass es auf der Welt einen Bedarf von rund fünf Computern geben könnte. Pfeiffer nennt den Akt, in dem ein Erfinder neue technische Potenziale und künftige Anwendungsmöglichkeiten kreativ verknüpft, Bedarfsrelevanzerkennungsprozess. Zuses Sicht auf die zahlreichen Einsatzfelder des Computers liefert hierfür ein treffendes Beispiel.

Übrigens sind Konrad Zuses spannende Erinnerungen „Der Computer – Mein Lebenswerk“ nicht nur als gebundenes Buch erhältlich. Im Rahmen der „Technik und Informatik“-Lizenz des Springer-Verlags ist das vollständige Online-Buch hier verfügbar – z. B. für die Hochschule Ulm. Lesenswert.