Alaska, Ananasernte in Costa Rica und eine PV-Anlage in Deutschland
(Fotos: autocarhire.com, Fairtrade, Solarworld)

Wirtschaftswissenschaftler sind gegen staatliche Eingriffe in Preisbildungsprozesse allergisch. Weshalb? Das lässt sich an den Auswirkungen des → Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erläutern. Es trat im Jahr 2000 in Kraft. Einzelne Regelungen wurden in der Zwischenzeit angepasst bzw. ergänzt. Das EEG bestimmt, dass Strom aus sogenannten „Erneuerbaren Energien“ von den Energieversorgern vorrangig abgenommen werden muss. Der bevorzugte EEG-Strom stammt z. B. aus Photovoltaik- (PV-), Wasser- und Windkraftanlagen. Für das Einspeisen des Ökostroms ins Energienetz gibt’s eine gesetzlich festgelegte Vergütung. Beispielsweise bekommen Betreiber einer PV-Anlage mit bis zu 10 kW Leistung, die jetzt – im September 2012 – in Betrieb genommen wird, in den nächsten 20 Jahren 18,54 ct pro eingespeiste Kilowattstunde Strom. Dieser Mindestpreis ist mit einer Preis- und Abnahmegarantie verbunden.

Bemerkenswert am EEG ist zudem, dass die diversen Energieträger mit sehr unterschiedlichen Einspeisevergütungen unterstützt wurden und weiterhin werden. Von besonders hohen Mindestpreisen profitierte bislang die Photovoltaik. Die durchschnittliche Vergütung für 1 kWh lag 2010 für eingespeisten Solarstrom bei 43,57 ct. Kam der Strom aus Biomasse- oder Windkraftanlagen (onshore) waren es z. B. 16,86 bzw. 8,85 ct/kWh (→ Quelle: bdew). Das Grundprinzip der Förderung ist, diejenigen grünen Technologien, die außerordentlich hohe Kosten verursachen, auch durch besonders hohe Mindestvergütungen zu unterstützen. Überspitzt formuliert: Je unwirtschaftlicher, desto förderungswürdiger. Konkurrenz zwischen den geförderten Technologien ist übrigens nicht vorgesehen.

Für Unternehmen wie EnBW oder die SWU (Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm), die Privat- und Industriekunden mit eingekauftem und selbst erzeugtem Strom versorgen, steigen aufgrund der EEG-Mindestpreisfestlegungen die Kosten. Das EEG gibt vor, dass diese Mehrkosten von den Endverbrauchern des Stroms zu tragen sind. Im Strompreis ist deshalb die EEG-Umlage enthalten. 3,59 ct pro kWh beträgt sie 2012. im vergangenen Jahr waren es 3,53 ct/kWh – eine spürbare Mehrbelastung bei einem durchschnittlichen Strompreis von 24,95 ct/kWh für private Endkunden. Im Mittelpunkt aktueller Diskussionen steht die Förderung des Solarstroms. Die Sonnenenergie wird unter den regenerativen Energieträgern am stärksten gefördert, und die Endverbraucher berappen rund die Hälfte der aktuellen EEG-Umlage allein wegen der PV-Mehrkosten. Gleichzeitig betrug der Anteil des PV-erzeugten Stroms am Gesamtendverbrauch 2011 nur 3,2 %. Zum Vergleich: 8,1 % kamen aus Windkraftanlagen, 20,3 % war der Anteil aller regenerativen Energieformen.

Jede Menge aktuelle Zahlen, Daten, Fakten rund um das EEG und die Nutzung erneuerbarer Energien liefern unter anderem Bundesverband der Energie-und Wasserwirtschaft (BDEW) und das Umweltministerium.

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Gleich im ersten Paragraph sind im EEG die Ziele formuliert: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung soll bis spätestens zum Jahr 2020 auf mindestens 30 Prozent erhöht werden. Bis 2050 geht’s stufenweise auf die Zielmarke 80 Prozent zu (→ §1 EEG von 2009). 20 Prozent waren 2011 erreicht, 2000 lagen „die Regenerativen“ nur bei 7 Prozent. Sieht doch nicht schlecht aus, oder?

Wirtschaftsexperten finden die oben beschriebenen staatlichen Regelungen dennoch kontraproduktiv. Die „Zielfunktion“ der eingeleiteten Energiewende lautet aus Sicht der Ökonomen: Bestmögliches Erreichen der politisch gesetzten Ziele (mehr „Grünstrom“, CO2-Ausstoß runter, AKW abschalten, …) unter den beiden Nebenbedingungen Systemstabilität und Wirtschaftlichkeit der Stromversorgung. Es sollte also nicht nur um die Effektivität politischer Maßnahmen gehen (Strom künftig aus den „richtigen“ Quellen erzeugen), sondern auch die Effizienz der angestoßenen Prozesse. Natürliche, personelle und finanzielle Ressourcen bitte nicht verschwenden!

Ein Riesenproblem ist die Kostenexplosion beim Strompreis, die vor allem auf den Solarboom der letzten Jahre zurückzuführen ist. Wissenschaftler des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) haben ausgerechnet, dass die PV-Förderung deutschen Stromkunden Mehrkosten von über 110 Milliarden Euro beschert. Die 20-Jahres-Garantie auf hohe Vergütungen für eingespeisten Solarstrom wird die EEG-Umlage in den kommenden Jahren deutlich ansteigen lassen. Schon 2013 wird mit einem Anstieg von 3,59 auf 5,x ct/kWh gerechnet. Für diese 110.000.000.000 Euro-Rechnung wurde bislang erst eine 15-Mrd-Euro-Rate bezahlt, der größte Teil der Belastung – ca. 100 Mrd. Euro – kommt erst noch. Wirtschaftsprofessoren warnen vor einem „Kosten-Tsunami“. Einer der Experten ist Justus Haucap, bis vor Kurzem Vorsitzender der Monopolkommission. Die soll als Beratungsgremium der Bundesregierung schädliche Wettbewerbsverzerrungen erkennen und anprangern.

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Angestoßen durch die besonders großzügige Mindestpreisregelung zugunsten der PV ist eine stürmische Entwicklung in Gang gekommen, die gravierende Probleme heraufbeschwört. Ökonom Haucap glaubt (hofft?), dass dies inzwischen von wichtigen Akteuren zumindest erkannt wurde:

„Die Verbraucherschützer schlagen heute schon Alarm, und auch Industrie und Gewerkschaften haben ein Interesse daran, dass die Arbeitsplätze in Deutschland bleiben. Und dafür kann man nicht ganze Industrien ausnehmen und die EEG-Umlage noch stärker auf kleine Unternehmen, Handwerker und Privatleute abwälzen. Die hohen Strompreise brächten dann den sozialen Frieden in Gefahr.“
J. Haucap, im → Interview mit der FAZ, Juni 2012

Immerhin beschloss der Bundestag im Juni 2012, die Förderung der Photovoltaik nur bis zu einer installierten Gesamtkapazität von 52.000 MW fortzusetzen und die Einspeisevergütung für Solarstrom deutlicher zu reduzieren, als bislang geplant. Den subventionierten PV-Zubau wird das aber erst ab ca. 2015 bremsen (bis Ende 2011 waren ca. 25.000 MW PV-Kapazität installiert, 7.000 bis 8.000 MW kommen pro Jahr dazu). Das EEG setzte – und setzt weiter – falsche Anreize zugunsten einer teuren Überproduktion von Solarstrom. Diejenigen Haushalte und Unternehmen, die in diesem System in eine private oder betriebliche PV-Anlage investier(t)en, handel(te)n nur anreizkonform. Für sie bot sich in der Vergangenheit – und bietet sich trotz reduzierter Vergütungen auch in der nahen Zukunft – die risikofreie Gelegenheit für überdurchschnittliche Profite.

Ein maßgeblicher Konstruktionsfehler des EEG ist die fehlende Konkurrenz der erneuerbaren Technologien untereinander. Dies geht soweit, dass den Betreibern auch dann eine Vergütung gezahlt werden müsste, wenn unter bestimmten Wetterbedingungen (viel Sonne + viel Wind) mehr Ökostrom eingespeist werden könnte, als gebraucht wird. Angesichts fehlender größerer Speicherkapazitäten finanzieren die Zahler der EEG-Umlage dann Strom, den sie gar nicht verbrauchen. Effizient ist das nicht. Schon in wenigen Jahren ist dennoch mit solchen Situationen zu rechnen.

Ökonomen missfällt an staatlich festgesetzten Kostenerstattungspreisen à la EEG ein weiterer Aspekt: das typische Informationsproblem staatlicher Stellen, „erzielte Kostenreduktionen einzelner Grünstromtechnologien schnell und adäquat in der Anpassung der entsprechenden Vergütungen abzubilden“ (→ Quelle: acatech). Durch Lerneffekte, Größen- und Verfahrensdegression wird die Herstellung von PV-Modulen, Wechselrichtern, Getrieben für Windkraftanlagen etc. mit zunehmender Produktionsmenge immer kostengünstiger. Diese Ratiofortschritte durchschauen Politiker und Staatsbeamte aber weniger gut als Firmeninsider in den geförderten Branchen. Die Vergütungssätze für erneuerbare Energien waren und sind deshalb tendenziell zu hoch. In Deutschland entstand auf diese Weise ein angenehmer Preisschirm, der vor allem bei PV für Anlagenhersteller (natürlich auch chinesische!) und Handwerker gute Renditechancen eröffnete. „In der Solarindustrie hat man jahrelang einen Streichelzoo betrieben“, bringt Ökonom Haucap die Fehlentwicklung auf den Punkt.

Nach Streichelzoo sieht’s in der deutschen Solarindustrie heute allerdings nicht mehr aus. Eine Pleite jagt die nächste, viele Unternehmen schreiben rote Zahlen. Q-Cells und Centrotherm sind nur zwei unter zahlreichen Insolvenzfällen. Selbst beim großen Bosch-Konzern hinterlassen die hohen Verluste der PV-Sparte Kratzer im Jahresergebnis. Die chinesische Konkurrenz hat einen Großteil des deutschen und des Weltmarktes erobert. Die Rolle wettbewerbsverzerrender Subventionen zugunsten von Suntech, Jingli & Co. kann ich dabei leider nicht beurteilen.

125.000 Beschäftigte gab’s 2011 in der deutschen Solarindustrie (Quelle: Bundesumweltministerium). Diese Arbeitsplätze will die zuständige Gewerkschaft Bergbau Chemie Energie (BCE) natürlich gerne bewahren. Statt „konzeptionsloser Kürzungen“ der Einspeisevergütungen forderten die Gewerkschafter Anfang 2012: „• Keine weiteren Kürzungen zulasten der deutschen Photovoltaik-Hersteller und ihrer Zulieferer! • Keine feste Obergrenze für den Photovoltaik-Zubau! • Faire Wettbewerbschancen für die deutsche Photovoltaik-Branche!“ (→ BCE-Presseinfo). Freunde der Marktwirtschaft können sich nur der letzten Forderung anschließen. Die beiden ersten sind ökonomisch nicht zu rechtfertigen.

Noch einmal VWL-Professor Justus Haucap:
Die Arbeitsplätze zählen nicht?
„Erstens werden die Arbeitsplätze sehr teuer erkauft. Mit diesen Milliardensubventionen ließen sich auch an anderer Stelle Arbeitsplätze schaffen, sofern in der Nettobetrachtung überhaupt welche entstehen, denn das Geld fehlt ja an anderer Stelle. Und zweitens sind hohe Einspeisevergütungen auch kein Mittel gegen die chinesische Konkurrenz.“ (→ im FAZ-Interview)

Leider ist die Liste der Kritikpunkte, die Wirtschaftssachverständige gegen das EEG vorbringen, noch nicht zu Ende. Das EEG ist eine nationale Förderaktion Deutschlands, keine gesamteuropäisch oder gar international konzertierte. Solche „kleinteiligen“ Eingriffe können zusätzliche Effizienzverluste nach sich ziehen. Ökonom Haucap plädiert z. B. dafür, den Netzausbau nicht zu stark in Nord-Süd-Richtung zu forcieren.

„Der Netzausbau verläuft sehr stark in Nord-Süd-Richtung. Man könnte auch mehr Ost-West-Leitungen bauen, um Deutschland enger an den europäischen Binnenmarkt anzuschließen. So ließen sich etwa Schwankungen im Aufkommen von erneuerbarem Strom leichter auffangen, schon deshalb, weil die Spitzenlastzeiten in Europa nicht überall gleich sind. […]
Wir sollten lieber die Grenzkuppelstellen ausbauen und unser Stromnetz enger mit den europäischen Nachbarstaaten verzahnen. […]
Je kleinteiliger man versucht, Spitzenlast abzufangen, desto mehr Überkapazitäten würden entstehen und desto teurer würde es.“
(→ J. Haucap im FAZ-Interview, Juni 2012)

Zu prüfen ist für Wirtschaftswissenschaftler auch die Frage, ob die natürlichen Gegebenheiten für oder gegen die massive Solarförderung in Deutschland sprechen. Die jährliche Sonneneinstrahlung ist in vielen Regionen der Erde stärker als in Mitteleuropa. Ließen sich bei einem kooperativen, länderübergreifenden Vorgehen die Energieernte in sonnigeren Gebieten und der Stromtransfer wirtschaftlicher realisieren als die heimische Produktion von PV-Strom?

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Genug geschimpft. Was würden die Herren Ökonomen denn anders machen? Keine endgültige Ideallösung, aber ein pragmatischer Zwischenschritt wäre eine Quotenregelung. Bei diesem Modell würde den Energieversorgern der Anteil erneuerbarer Energien in ihrem Strommix vorgeschrieben. Er gäbe aber eine Konkurrenz zwischen den grünen Stromquellen. Es ist absehbar, dass dann in Deutschland weniger PV-Anlagen zugebaut werden würden. Mehr Wettbewerb zwischen den regenerativen Energien würde aber zu mehr Kosteneffizienz und weniger stark ansteigenden Strompreisen für die Endkunden führen. Das übergeordnete politische Ziel bliebe gewahrt, ökonomische Nebenbedingungen würden besser erfüllt. Anschaulich beschrieben wird der Quotenansatz in diesem Positionspapier der Akademie der Technikwissenschaften.

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Zum Schluss muss noch die fruchtige Überschrift erläutert werden. Dieser Blog-Eintrag verdankt seinen Titel einem markigen Spruch des „Atomkraft-Dinosauriers“ Jürgen Großmann. Strom in Deutschland mit PV-Anlagen zu erzeugen sei so sinnvoll, wie Ananas in Alaska zu züchten (→ handelsblatt.com, 17.01.12). Dieses Posting sollte zeigen: Solarstrom in Deutschland wie mit dem bisherigen EEG zu fördern und dabei wirtschaftliche Nebenbedingungen zu vernachlässigen, wird schnell so ineffizient wie eine Ananaszucht in der Polarregion.