Auf einer längeren Zugfahrt fiel mir am Sonntag eine „Autobild“ in die Hände. Bei der Zahl der Woche musste ich zweimal hinschauen: In den ersten drei Monaten wurden 2010 schon mehr als 100 000 Flaschen VW-Ketchup verkauft. VW-Ketchup? Ich dachte, die bauen Autos. Aber Google findet „VW-Ketchup“ über 4000 Mal im Internet. Unter anderem den Forumsbeitrag auf der Seite meinGOLF.de: „hallo weiss jemand die Teilenummer für den VW-ketchup“. Teilenummer?!

Das Lesen weiterer Google-Ergebnisse wie „Garantiert ohne Motorenöl“ oder „Autoliebe geht durch den Magen“ zeigte dann, dass das Ketchup als Zubehör (nicht Beilage) zur noch erfolgreicheren VW-Currywurst auf den Markt gebracht wurde. Schon seit den 70er Jahren gibt es diese VW-Currywurst aus der VW-Fleischerei, die am hintersten Ende des Wolfsburger Werksgeländes zu finden ist. Zwölf Mitarbeiter stellen jährlich mehr als zwei Millionen der Würste her. 80 Prozent werden in VW-Kantinen verputzt. Die übrigen 20 Prozent kommen seit ein paar Jahren als eingeschweißtes VW-Originalteil in die Regale zahlreicher norddeutscher Edeka-Supermärkte.

Strategieexperte Igor Ansoff (1918-2002) hätte den Einstieg des Autobauers VW in das Currywurstgeschäft als Diversifikation (neues Produkt – neuer Markt) und das spätere Ausweiten des Verkaufs auf VW-externe Kunden als Marktentwicklung eingestuft. Angesichts erheblicher Überkapazitäten und scharfer Konkurrenz ist Diversifikation in der Autobranche gerade sehr angesagt. Zulieferer Bosch will z. B. das Geschäft mit Solarmodulen zu einem weiteren Standbein neben dem Kfz-Geschäft ausbauen. Peugeot hat das Projekt „μ“ gestartet. Teilnehmende Peugeot-Händler verkaufen nicht nur, sondern vermieten auch Autos und bieten auch Fahrräder und Motorroller an.

Noch ein Blick durch die Marketing-Brille: Als Markenfamilienstrategie wird bezeichnet, dass VW Produkte wie Polo, Golf, Passat und Currywürste unter der gleichen Marke anbietet. Vorteil: Positive Wahrnehmungen des Kernprodukts Auto färben auf VW-Currywürste und -ketchup ab. Die Theorie sagt aber auch, dass ein Unternehmen nicht zu verschiedenartige Produkte unter gleichem Markennamen zusammenfassen sollte, um eine „Markenerosion“ zu vermeiden. Die 2-sitzigen Car2Gos, die Sie in Ulm mieten können, heißen deshalb Smart und nicht Mercedes. Bei VW scheint man keine Sorgen zu haben, mit dem Angebot von Würsten und Ketchup die stilbewussten Käufer hochpreisiger Modelle zu vergraulen. Scheint zu funktionieren. Den VW Phaeton kauft ohnehin niemand, und schon 2003 lobte die Zeitschrift „Genießen & mehr“ den VW-Gewürzketchup: „Voller Tomatengeschmack wird von ausgesuchten Gewürzen und einer leichten Currynote abgerundet“.

Den VW-Ketchup und -Gewürzketchup stellt übrigens Ketchup-Marktführer Kraft her. Natürlich als Sonderabfüllung nach VW-Geheimrezept. Also kein 100-prozentiges Badge-Engineering (Beispiel: Citroën C8 = Peugeot 807), sondern eher Anwendung der so genannten Plattform- bzw. Modulstrategie: Auf baugleiche Fahrwerke kommen wie z. B. bei Golf IV und Audi A3 unterschiedliche „Hüte“. Die Standard-Tomatenmark-Glukosesirup-Wasser-Basis von Kraft wird mit einer speziellen Gewürzmischung für VW verfeinert.

Danke, Autobild.