Death by Presentation (von HikingArtist.com auf flickr) • Zum Vergrößern anklicken

»Death by PowerPoint« is a criticism of slide-based presentations referring to a state of boredom and fatigue induced by information overload during presentations such as those created by the Microsoft application PowerPoint.“
Eintrag in der englischen Wikipedia, hier abgerufen am 4. März 2012

Bald beginnt das neue Semester. Wie schon in den 18 Studienhalbjahren zuvor werde ich wieder zahlreiche PPT-Dateien anklicken und meine Vorlesungen zu großen Teilen als PowerPoint-gestützte Präsentationen gestalten. Natürlich wünsche ich mir so wenige Fälle von Death by PowerPoint bzw. Death by Presentation wie möglich. Toi toi toi.

Zur Einstimmung und Prophylaxe geht’s in diesem Posting um ein paar − weitgehend − spaßige Seiten der allgegenwärtigen PowerPoint-Manie und ein wenig Technikgeschichte.

Zu einer gescheiten Präsentation gehören − ganz klar − Diagramme, also grafische Darstellungen von Daten. Z. B. in Form von Säulen, Balken oder Kreissegmenten. Vom US-amerikanischen Statistiker Edward R. Tufte stammt der „schöne“ Begriff Chartjunk. Schon 1983, im Jahre 4 vor PowerPoint, warnte Tufte:

„Chartjunk can turn bores into disasters, but it can never rescue a thin data set. The best designs … are intriguing and curiosity-provoking, drawing the viewer into the wonder of the data, sometimes by narrative power, sometimes by immense detail, and sometimes by elegant presentation of simple but interesting data.“
Tufte, E. R.: The Visual Display of Quantitative Information, Cheshire 1983, S. 121, zitiert nach: Few, S.: The Chartjunk Debate, Paper 2011, hier online

Vor diesem Hintergrund kann ich die ca. 200 Diagramme von Katja Berlin und O. Kuhn in dem Büchlein „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt“ (München 2011) nur wärmstens empfehlen. Inhaltlich verblüffend und elegant einfach in der − logo, querformatigen − Darstellung erfährt man etwas über die zentralen Probleme von Adligen, die Beliebtheit verschiedener Essensbeilagen bei Männern und Motive für’s Aufräumen der eigenen Wohnung. Der Heyne-Verlag hat eine Leseprobe ins Internet gestellt. Die beiden Autoren betreiben auch einen Blog, in dem ständig neue Grafiken veröffentlicht werden, die überwiegend lustig die Welt erklären.

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Eine wesentlich dramatischere Bedeutung als im Hochschul- und Firmenalltag bekommt »Death by PowerPoint«, wenn es um militärische Aspekte geht. Im April 2010 erschien in der New York Times der Artikel „We Have Met the Enemy and He Is PowerPoint“ (Wir sind auf den Feind gestoßen. Es ist PowerPoint) von Elisabeth Bumiller. Ginge es darin nicht um tödliche Konflikte in Afghanistan und dem Irak, könnte man angesichts der Beschreibungen lauthals lachen. Junge Offiziere sind häufig mehr „PowerPoint Rangers“ als Anführer ihrer Soldaten. Auf die Frage nach seiner Hauptbeschäftigung im Irak antwortete 2009 ein Army-Leutnant: „Making PowerPoint slides“. Autsch!

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Zu einiger Berühmtheit hat es in den letzten zwei Jahren eine Grafik gebracht, in der wesentliche Einflussfaktoren auf die Stabilität Afghanistans im Gesamtzusammenhang dargestellt werden. Das Bild sieht aus wie eine Schüssel voller Spaghetti. Der offenbar PowerPoint-kritische General McChrystal meinte damals, der Afghanistan-Krieg sei dann gewonnen, wenn man dieses Schaubild verstanden hätte. Aus dem NYT-Artikel stammt auch dieses treffende Fazit eines anderen US-Generals:

„It’s [PowerPoint is] dangerous because it can create the illusion of understanding and the illusion of control. [But] Some problems in the world are not bullet-izable.“

Wie und wann hat der globale Siegeszug der PowerPoint-Software eigentlich begonnen? Dies lässt sich sehr gut in einem Artikel nachlesen, der 2001 im Magazin „The New Yorker“ erschien. Darin werden auch die Rahmenbedingungen deutlich, innerhalb derer das Präsentationsprogramm in den 1980er Jahren entstand. Weil sich viele Branchen von Verkäufer- zu Käufermärkten gewandelt hatten, nahm innerhalb der Unternehmen die abteilungsübergreifende Kommunikation zu:

„As Jerry Porras, a professor of organizational behavior and change at Stanford Graduate School of Business, says, »When technologists no longer just drove the product out but the customer sucked it out, then you had to know what the customer wanted, and that meant a lot more interaction inside the company.« There are new conversations: Can we make this? How do we sell this if we make it? Can we do it in blue?
America began to go to more meetings. By the early nineteen-eighties, when the story of PowerPoint starts, employees had to find ways to talk to colleagues from other departments, colleagues who spoke a different language, […].“
Ian Parker: Absolute Powerpoint (2001)

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Technologien für den Bedarf nach visuellen Hilfsmitteln („Visual Aid“) in Unternehmen waren in der Vor-PowerPoint-Ära die Dia- und dann die Overhead-Projektion. Business-Grafiken auf 35mm-Dias zu übertragen war allerdings eine kostspielige Aufgabe für Spezialisten. Nachdem Mitte der 1970er Jahre hitzebeständige Folien erhältlich wurden, die in Kopiergeräten verwendet werden konnten, wurden Overhead-Projektoren populär. Papiervorlagen konnten nun mit vertretbarem Aufwand in Overhead-Folien umgewandelt werden. Die Vorlagen für die „Slides“ entstanden in der Regel auf den Schreibmaschinen von Sekretärinnen. Von der anderen Seite des Chef-Schreibtischs betrachtet, galt aber weiterhin: „A businessman couldn’t generate a handsome, professional-looking font in his own office“ (Parker: Absolute Powerpoint).

In einem Vorschlag für die Entwicklung einer neuen computergestützten Lösung wurde der − vermutlich amerikanische − Markt für „Business Presentations“ auf stattliche 3,5 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr 1982 geschätzt (520 Millionen 35mm-Dias, 380 Millionen Overhead-Folien). Diese Skizze eines Business-Plans vom 14. August 1984 stammte von Robert Gaskins und war an die Softwarefirma Forethought gerichtet. In der PPT-Historie gilt das 1½-seitige Dokument als die Geburtsurkunde des Programms. Aus Innovationssicht (innovation = invention + commercialization) markiert daneben der April 1987 einen weiteren Meilenstein. Da begann die Vermarktung von PowerPoint 1.0.

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Bob Gaskins hat in seinem „Product Proposal“ auch die Vorteile des damals neuen Programms zusammengefasst. Natürlich in Form einer Spiegelstrich-Aufzählung:

„User Benefits:
–– Improves effectiveness of presentation content
–– Improves clarity of complex material
–– Reduces time to prepare presentations (dramatically)
–– Facilitates correct last-minute changes and revisions
–– Allows compliance with company presentation standards
–– Provides communication of high-quality presentations
–– Reduces cost of presentations (dramatically)
–– Allows the content-originator to control the presentation

Besonders in der Einfachheit, mit der heutzutage jeder eine Präsentationsdatei erstellen kann, liegt auch ein Problem. Im April 2001 schuf Angela R. Garber den Begriff „Death By PowerPoint“ und schrieb: „Programs like PowerPoint make it incredibly easy to create presentations. But they don’t help taylor them to particular audiences.“ So muss ich mich wohl auch weiterhin selbst anstrengen, damit in den Vorlesungen niemand einschläft.

Bevor ich mich an dieser Stelle floskelhaft für die Aufmerksamkeit bedanke, lieber Leser, schicke ich Sie lieber zu zwei meiner Favoriten aus dem unendlichen Fundus von PowerPoint-Cartoons:

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