In der Mitte: Professor Clayton Christensen. „Innovator’s Dilemma“ erschien 1997. Jetzt gibt’s das Erfolgsbuch auf Deutsch (Foto: Deseret News)

Vor wenigen Wochen wurde der Harvard-Professor Clayton Christensen (Foto oben) erstmals zum „World’s Most Influential Business Thinker“ gewählt. Der Titel wird im 2-Jahres-Rhythmus von den Lesern der Seite www.thinkers50.com und einem Thinkers50-Ratgeberteam vergeben. Zu den zehn Bewertungskriterien zählen neben Originalität, Praktikabilität und Einfluss der Ideen auch die Art und Verständlichkeit der Publikationen (written communication), die Strenge der Schlussfolgerungen (rigor of research) und schließlich ein − schwer fassbarer − Guru-Faktor.

Im Vergleich zu seinen Kollegen Karl Lagerfeld (Fashion-Guru), José Mourinho (Trainer-Guru) und Steve Jobs (Ober-Guru) taugt 2,03-Meter-Mann Christensen eigentlich gar nicht recht zum Guru. Der gläubige Mormone wirkt auf Videos im Internet kreuzbrav und beendete seine „Acceptance Speech“ für die jüngste Auszeichnung mit einem freundlichen „God bless you!“. Den Grundstein für seinen Aufstieg legte er in den 1990er Jahren. 1997 erschien sein Buch „The Innovator’s Dilemma. When New Technologies Cause Great Firms to Fail“. Ein Super-Buch, dem ich bei Amazon 6 Sterne geben würde und das man jedem empfehlen kann, der sich für das Management neuer Technologien interessiert (Signatur 658.01 Chr in der Bibliothek der Hochschule Ulm).

Ich habe mich immer gewundert, weshalb dieses Buch nicht umgehend auf Deutsch erschienen ist. Ende 2011 ist doch noch eine deutsche Fassung auf den Markt gekommen. Daran haben Kurt Matzler, Professor für Unternehmensführung in Innsbruck, und der Unternehmensberater Stephan Friedrich von den Eichen als Ko-Autoren und Übersetzer mitgewirkt. Die deutsche Version ist größtenteils eine Übersetzung des Originalwerks. Ergänzt wurden einige weitere Fallstudien. Dafür fielen ein paar Abschnitte aus der 1997er-Originalfassung weg. Für die FAZ habe ich im Oktober eine Rezension des deutschen „Innovator’s Dilemma“-Buches geschrieben. Sie erschien am 27. Dezember 2011. Mein Fazit: Potenzielle Leser mit guten Englischkenntnissen sollten zum Original von 1997 greifen. Das gibt’s inzwischen (Stand: Januar 2012) als Taschenbuch für 12 Euro bei amazon.de. Nachfolgend der Link zur pdf-Datei mit der Renzension in der FAZ und mein Entwurfstext mit geringfügigen Abweichungen.

Not-Invented-Here-Attitüden und andere Kurzsichtigkeiten können marktführende Unternehmen beim Auftauchen neuer Technologien vor existenzielle Probleme stellen. In der wissenschaftlichen Diskussion solcher Herausforderungen galt das Augenmerk lange dem Typus radikaler – im Gegensatz zu inkrementellen – technologischen Innovationen. Christensen brachte sogenannte disruptive Technologien ins Spiel. Diese passen anfangs nicht in das Muster evolutionärer Entwicklungsprozesse auf vorhandenen umsatzstarken Märkten, haben aber das Potenzial, sich auf entstehenden kleineren Märkten durchzusetzen.

Eindrucksvolle Fallbeispiele liefern in „Innovator’s Dilemma“ unter anderem die Geschehnisse auf den Märkten für Computerfestplatten. Mitte der 80er Jahre konnten sich kleinere 3,5-Zoll-Speicher in Desktop-PCs zunächst nicht gegen 5,25-Zoll-Festplatten durchsetzen. Diese boten die größeren Kapazitäten. Sehr gefragt waren die 3,5-Zöller aber für die Vorläufer heutiger Notebooks. Die kleineren Abmessungen und das niedrigere Gewicht der 3,5-Dauerspeicher waren bei den damals neuen portablen Computern aus Kundensicht die entscheidenden Vorteile.

Dreh- und Angelpunkt des Disruptive-Innovations-Konzepts sind die spezifischen Kundenanforderungen, auf die neue Technologien in unterschiedlichen Anwendungsfeldern treffen. Christensen führt seinen Lesern vor Augen, dass etablierte Unternehmen vor allem dann auf den Holzweg geraten, wenn sie Neues zu sehr durch die Brille ihrer derzeitigen Kunden betrachten. Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien müssen häufig abseits der aktuellen „Mainstream Markets“ gesucht werden, auch wenn dort nur kleine Gewinnmargen erwirtschaftet werden können.

Mit seinem Originalwerk von 1997 hat Christensen einen nicht nur konzeptionell überzeugenden Meilenstein in der Managementliteratur gesetzt. Durch anschauliche Beispiele aus verschiedensten Branchen wird der Kern seiner Argumentation schnell verständlich. Schaufelarmhydraulik (statt Seilzug) für Bagger und die Minimill-Technologie für Stahlwerke sind nur zwei weitere Beispiele neben den umfassend analysierten Technologieübergängen bei Computerlaufwerken.

Die nun veröffentlichte deutsche Fassung von „Innovator’s Dilemma“ liefert eine fast vollständige, getreue Übertragung des amerikanischen Originals sowie eine Reihe zusätzlicher Beispiele disruptiver Innovationen.

Die Neuerscheinung ist lesenswert, aber dennoch nicht so rundum gelungen wie die englische Version. In der Einführung wäre eine präzise Erläuterung der Unterschiede zum Originalwerk hilfreich gewesen (was wurde gekürzt, was ergänzt?). Ein praktisches Register wie in der englischen Originalfassung fehlt. Vereinzelt wünscht man sich beim Blick auf Grafiken eine Lupe, um die nur sandkorngroßen Buchstaben besser lesen zu können.

Besonders für Speichertechnologien im Computer wäre eine Fortschreibung der Branchendaten aus den 80er und 90er Jahren spannend gewesen, erfolgt aber leider nicht. Und weshalb fehlen gerade die Passagen, in denen Christensen 1997 die damals zukunftsgerichtete Frage aufgeworfen hatte, welche frühen Märkte für Elektrofahrzeuge denkbar wären? Mit seiner Vermutung, dass sich Batterieantriebe relativ bald bei Taxis und Lieferfahrzeugen in südostasiatischen Megacities durchsetzen könnten, erweist sich der Innovationsexperte aus heutiger Sicht als wahrscheinlich recht treffsicher. Die Beschäftigung mit Christensens Ideen ist für Praktiker wie Wissenschaftler gleichermaßen gewinnbringend. Für potenzielle Leser mit guten Englischkenntnissen lautet die Empfehlung, dafür zum Originalbuch zu greifen.

2012 ist ein Clay Christensen-Jahr. 15 Jahre „Innovator’s Dilemma“. Und am 6. April wird der Vordenker 60. Deshalb gibt’s in diesem Blog im Laufe des Jahres noch den einen oder anderen Blog-Eintrag zu disruptiven Innovationen.

Verwandter Blog-Eintrag:
Happy Birthday, Clayton Christensen!
Pünktlich zu Clayton Christensens 60. Geburtstag erschien im April 2012 dieses weitere Posting zu seinem Disruptive-Innovations-Konzept. Zwei Beispiele werden erläutert: (1) Flashspeicher für iPods, Flugschreiber und Notebooks (gewissermaßen die Fortsetzung von Christensens Festplatten-Beispiel) und (2) Elektrische Antriebe für Fahrräder, Motorroller und Autos.