Karl-Theodor zu Guttenberg ist wieder aufgetaucht und hat vor wenigen Tagen an einer Sicherheitskonferenz in Kanada teilgenommen. Der frühere Verteidigungsminister äußerte sich zwar auch zur Euro-Krise. Besonders aufmerksam wurde aber sein verändertes Äußeres registriert. Keine Brille mehr auf der Nase, und auch das früher obligatorische Haargel ist verschwunden. Wer nach dieser Einleitung hofft, in diesem Blog würde endlich eine Rubrik „Styling-News“ eröffnet, kann sich allerdings gleich zur Fotoserie „Der neue Guttenberg“ auf Bild.de wegklicken. Hier geht es auch bei diesem Beispiel um Wirtschaftswissenschaft.

Mir kam die Frage in den Sinn, wie es K.-T. jetzt ohne Brille schafft, klar und scharf zu sehen. Vermutlich ist er auf Kontaktlinsen umgestiegen. Die gibt es schon seit Jahrzehnten, und 2010 machten die deutschen Augenoptiker rund 400 Millionen Euro Umsatz mit „Handwerkl. Kontaktlinsenoptik einschl. Flüssigkeiten“, wie es in der statistischen Übersicht des Zentralverbands der Augenoptiker heißt (→ Link zur Statistik). Mit „handwerkl. Brillenoptik“ konnte deutschlandweit sogar das 10-fache erlöst werden. Trotz einer aktuell recht stabilen Geschäftentwicklung müssen sich aber auch Optiker und Hersteller von Brillen und Kontaktlinsen rechtzeitig Gedanken zu (völlig) neuen Technologien machen. Bei der Suche nach technologischen Alternativen zum eigenen gegenwärtigen Produkt ist eine funktionsorientierte Perspektive besonders wichtig.

Im Gegensatz zu einer strukturorientierten („phänomenologischen“) Beschreibung, die an konkreten (äußeren) Merkmalen von Produkten ansetzt, zielt eine funktionsorientierte Charakterisierung auf den eigentlichen Zweck der Technologieverwendung, die Bedürfnisse der Abnehmer- bzw. Anwendersysteme. Mit einer funktionsorientierten Betrachtungsweise löst man sich von der Ebene konkreter Produkte und schafft eine Abstraktion. Pfeiffer et al. sprechen deshalb auch von einer funktional-abstrakten Technologie- bzw. Bedarfsbeschreibung.
Vgl. Pfeiffer et al.: Funktionalmarkt-Konzept zum strategischen Management prinzipieller technologischer Innovationen, Göttingen 1997, S. 88.

Den Menschen mit Fehlsichtigkeit – in Deutschland sind das 50 Millionen – geht es eigentlich nicht um die Produkte Brille und Kontaktlinse, sondern um klares und scharfes Sehen. Dieses Ergebnis lässt sich heutzutage auch mit Laserbehandlungen der Augen erzielen. Die Laser-OP als (prinzipiell andersartige) technologische Alternative zu konventionellen Sehhilfen. Jährlich lassen 100.000 Deutsche ihre Augen lasern, ist in den aktuellen VDI-Nachrichten zu lesen (→ hier online). Die sogenannte Lasik-Behandlung kostet 2.500 Euro pro Auge und muss von gesetzlich Versicherten selbst finanziert werden. Im Vergleich zu den 11 Millionen neuen Brillen, die im Jahr 2010 in Deutschland verkauft wurden, sieht das zurzeit noch sehr nach Nischenanwendung aus. Das dachten in den 1990er Jahren auch viele über Digitalkameras – und lagen daneben.

Gelasert oder mit Kontaktlinsen ausgerüstet. K.-T. zu Guttenberg ist auf alle Fälle ein guter Durchblick zu wünschen. Er arbeitet jetzt angeblich an einer eigenen Dissertation.