Martin Steppler (rechts) und Harianto Wijaya (Mitte) bei der Pressekonferenz zur ersten Greencard am 31. Juli 2000 (Quelle: unbekannt, → Hinweis für Inhaber der Bildrechte)

Die New York Times hat begonnen, Nachrufe auf bemerkenswerte Frauen nachzuholen (→ nytimes.com). Darunter sind auch Ada Lovelace und Emily Warren Roebling, die im 19. Jahrhundert lebten. Es ist nie zu spät an Menschen zu erinnern, die man wertschätzt(e). Martin Steppler wurde am 28. Mai 1969 in Düsseldorf geboren und starb am 13. Dezember 2013 in Hamburg. Wer ihn kannte, mochte ihn. Wer mit ihm technische Probleme löste, schätzte ihn. Und wer mit ihm Ende der 1980er-Jahre seinen Wehrdienst leistete, konnte den Humor nie ganz verlieren.

Im Frühjahr 1988 machten Martin und ich an zwei Fuldaer Gymnasien unser Abitur. Kennengelernt haben wir uns dann Anfang Juli 1988 bei der Bundeswehr. 15 Monate Wehrdienst oder 20 Monate Zivildienst waren Pflicht. Deutschland war geteilt, und wir “W15er” ahnten nicht, dass nur 16 Monate später die Mauer fallen würde. Der Warschauer Pakt, das Militärbündnis des Ostblocks, löste sich zum 1. Juli 1991 endgültig auf.

Die Panzerschützen Steppler und Wettengl leisteten ihren Wehrdienst in Hessisch Lichtenau in Nordhessen. Dort gibt’s zwar keinen Permafrost, die Gegend ist im Volksmund trotzdem auch als Hessisch Sibirien bekannt. In der Blücher-Kaserne war das Panzeraufklärungsbataillon 2 stationiert. “Aufklärungskräfte operieren in kleinen Einheiten und oftmals auf sich gestellt, weit vor anderen eigenen Einheiten und teilweise tief im Feindesland”, lesen wir auf → aufklaerer-7.de. Und weiter: “Wagemut, Entschlusskraft und eine gesunde Portion Draufgängertum sind die Eigenschaften guter Aufklärer.” Mit dem monotonen Kasernenalltag hatten solche Schilderungen allerdings wenig bis nichts tun. Eine unserer Hauptbeschäftigungen war das Reinigen der Panzer unserer Kompanie.

Dabei waren Martin, unsere Stubenkameraden Achim, Stefan, Jürgen und ich in den Augen der Musterungsbeamten offenbar echte Mehrfachtalente. Zur vierköpfigen Besatzung des Spähpanzers Luchs gehörte ein Funker und Rückwärtsfahrer. Der sollte gleichzeitig “• • •  – – –  • • •” verstehen und ein guter Fahrer sein. Wir haben deshalb nicht nur wochenlang Morsen trainiert, sondern auch gelernt, Lastwagen zu fahren. Immerhin, wir blieben mit unseren Panzern unfallfrei (Ausnahme: Jürgen, der mal einen Fuchs rammte – kein Tier, sondern einen anderen Panzer). Was wäre passiert, wenn wir schon in dieser Youtube-losen Zeit das Video “Der neue Spähpanzer” gesehen hätten? “Steffen, Panzerspähfahrer sind die Rallyepiloten der Bundeswehr”, hätte mein humorbegabter Freund den Text wiederholt. “Und wir wissen es auch, Martin.” Dem Spieß hätten wir diesen Dialog nicht vorgespielt. Der Mann trug den Beinamen “Jimmy, die Peitsche”.

“Panzerspähfahrer sind die Rallyepiloten der Bundeswehr. Und sie wissen es auch.”

Von 1989 bis 1994 studierte Martin an der RWTH Aachen Elektrotechnik. Seine Diplomarbeit am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze von Prof. Dr.-Ing. Bernhard Walke brachte ihn mit dem Bündelfunksystem TETRA in Berührung. Es wurde für die nächsten zwei Jahrzehnte sein Thema. TETRA steht für Terrestrial Trunked Radio und ist ein Standard für den digitalen Bündelfunk (engl. trunked radio = Bündelfunk). Verschiedene Gruppen nutzen dabei ein Bündel von Frequenzen. Auf dem TETRA-Standard basiert heute das deutsche BOS-Digitalfunknetz, das Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und weiterere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) nutzen.

Martin war von 1995 bis Mitte 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze tätig. In dieser Phase sammelte er wichtige Erkenntnisse für seine Dissertation, mit der er 2002 an der RWTH zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Das (fast) 400-Seiten-Opus ist auf dem Publikationsserver der RWTH verfügbar.

Als “zufälliges Nebenprodukt” (→ M. St.) der wissenschaftlichen Tätigkeit entstand Ende 1997 die AixCom Gesellschaft für Telekommunikations-Dienstleistungen mbH. Nach seiner Zeit als Lehrstuhlmitarbeiter konzentrierte sich Mitgründer Martin ab Juli 2000 als geschäftsführender Gesellschafter auf seine Unternehmertätigkeit. Und stand gleich im Mittelpunkt der Wirtschaftsnachrichten.

Zum 1. August 2000 startete das Greencard-Programm (offiziell: Verordnung über die Arbeitsgenehmigung für hoch qualifizierte ausländische Fachkräfte der Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz: IT-ArGV). Unternehmen konnten für IT- und Kommunikationstechnikexperten aus Nicht-EU-Staaten eine 5-jährige Arbeitserlaubnis beantragen. Arbeitsminister Walter Riester überreichte Harianto Wijaya am 31. Juli 2000 das Formblatt mit der ersten Genehmigung persönlich. Der erste “Computer-Inder” war ein Indonesier, der an der RWTH Informatik studiert hatte. Sein Arbeitgeber wurde die AixCom GmbH. Geschäftsführer Steppler hatte den Antrag gestellt (und Martins Bruder Ulrich juristischen Sachverstand beigesteuert). Der Jungunternehmer und sein erster Angestellter waren die Hauptpersonen bei der Pressekonferenz, die in der Zentrale der Bundesanstalt für Arbeit stattfand.

Die IT-ArGV lief Ende 2004 wieder aus. Das Greencard-Programm blieb in der deutschen Wirtschaftspolitik bisher eine Episode. Die Arbeitsgenehmigung für Harianto Wijaya wird heute im Haus der Deutschen Geschichte aufbewahrt.

Dokument der Zeitgeschichte:

Im Sommer 2000 beantragte die Aachener AixCom GmbH eine 5-jährige Arbeitsgenehmigung (“Greencard”) für den indonesischen Informatiker Harianto Wijaya. Geschäftsführender Gesellschafter war damals Martin Steppler, der bestätigte, dass der Arbeitnehmer antragsgemäß beschäftigt werden soll (zum Vergrößern anklicken).

Quelle: Haus der Deutschen Geschichte, mit freundlicher Genehmigung von Harianto Wijaya

Das Mega-Projekt BOS-Digitalfunk schritt voran. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer beschlossen 2003 die schrittweise Einführung des BOS-Digitalfunks. 2004 regelten der Bund und die Länder ihre Zusammenarbeit auf dem Gebiet. 2006 erhielt die EADS (heute: Airbus) den Zuschlag als Systemlieferantin. Die 2007 eingerichtete Bundesanstalt für den Digitalfunk der BOS (BDBOS) sollte Planung, Aufbau und Betrieb des neuen BOS-Netzes steuern. Mit der Netzplanung wurde das Beratungsunternehmen P3 beauftragt. Martin Steppler war als stellvertretender Projektleiter dabei, den keine Krisensituation aus der Ruhe bringen konnte. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung kannte er sich “bis zur Bit-Ebene” mit der Digitalfunktechnik aus. Von einem Kollegen erhielt er den Ehrentitel “Doktor TETRA”.

Heute versorgen über 4.600 Basisstationen 99 % der Fläche Deutschlands mit dem BOS-Digitalfunk. Das deutsche BOS-Digitalfunknetz ist das weltweit größte Funknetz, das auf dem TETRA-Standard basiert. Annähernd 800.000 Teilnehmer(innen) sind registriert. Monatlich werden ca. 50 Millionen Funksprüche abgesetzt.

Danke, Martin.

Digitalfunk für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), Quelle: BDBOS.

Dank: Dr.-Ing. Harianto Wijaya hat zugestimmt, dass der damals für ihn gestellte Antrag auf Arbeitsgenehmigung hier veröffentlicht wird. Vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kam die Bilddatei. Das Presseteam der Bundesagentur für Arbeit (BA) und ein Mitarbeiter der Hochschule der BA haben ein Foto von der Greencard-Pressekonferenz gesucht – und gefunden. Peter Sievering war wie Martin Steppler wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Kommunikationsnetze der RWTH Aachen und hat ebenfalls maßgeblich am Aufbau des BOS-Digitalfunknetzes mitgewirkt. Dr.-Ing. Sievering hat mir nicht nur erläutert, wie das BOS-Netz entstanden ist und welche Erinnerungen er an seinen langjährigen Kollegen Martin hat, sondern mit einer kleinen Anekdote auch die Anregung für den Titel des Postings gegeben.

Hinweis zu Bildrechten:
[↑] Das Foto von der Pressekonferenz zur ersten Greencard im Jahr 2000 hat ein Mitarbeiter der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Mannheim “ausgegraben”. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, ob das Foto von einem/einer BA-Mitarbeiter/-in gemacht wurde oder von einer Nachrichtenagentur stammt. Mögliche Inhaber der Bildrechte wenden sich bitte → an mich.[↑]

Verwandter Blog-Eintrag:
Ingenieure sind toll
Der VDI kennt 10 Gründe, warum man einen Ingenieur heiraten sollte. Es gibt sogar noch mehr. Der elfte Grund, sein Herz einem Ingenieur zu schenken: Er hat immer was zum Schreiben dabei, meistens einen Kugelschreiber. Das Posting dokumentiert auch, was E-Technik-Professor Albrecht Georg Fischer in den 1970er Jahren seinen Studenten über den Ingenieurberuf verriet. “Der Ingenieursberuf ist der edelste Beruf, den es gibt”, zum Beispiel. “Is’ so, Steffen”, hätte Martin da wohl verschmitzt gesagt.