Durch französische Mautstationen finden Self Driving Cars künftig ihren Weg,
beklebte Stop-Schilder stiften andernorts noch Verwirrung.

Ein Managementbuch aus den 1980er Jahren beginnt mit einer kleinen Geschichte. Selbst wenn sie nicht ganz wahr sein sollte, wäre sie doch sehr schön erfunden. “Se non è vero è molto ben trovato”, würde ein italienischer Kollege sagen.

“Prior to World War II, an American general observing British maneuvers noted that mobile artillery pieces were served by seven soldiers, one of whom did nothing but stand at attention while the other six readied and fired the gun. Upon inquiring, he discovered that no one could tell him what the seventh man was for. Intrigued, he pursued the matter until he found out that in the old days, before trucks, the seventh man held the horses. The horses went, but the structure, now useless and wasteful, remained.”
Brown/Weiner: Supermanaging, 1984

Ganz unwahrscheinlich ist die Story nicht. “Nummer 7”, den Pferdehalter, gibt es auch in “Der vollkommene Preussische Soldat im Kriege und im Frieden” von 1836:

Eigentlich geht es in diesem Posting aber nicht um Ratiomöglichkeiten beim Militär, sondern um das Zu-Ende-Denken von Innovationen. In der vergangenen Woche las ich zwei Geschichten von heute, die zu diesem Thema passen.

In Frankreich ist ein Citroën C4 Picasso aus der “autonomen Flotte” der Peugeot-Citroën-Gruppe (PSA) ohne Eingreifen des Fahrers durch eine Mautstation gefahren. “Dank einer spezifischen Kommunikation zwischen dem Fahrzeug und der Infrastruktur”, heißt es in einem Bericht. In der Urlaubszeit kann das Einreihen in eine Warteschlange vor einer französischen Mautstation wirklich zur Herausforderung werden. Schließlich muss dabei “der kreuzende Verkehr anderer Fahrzeuge beobachtet werden, die ganz zufällig durch die verschiedenen Spuren der Mautstation fahren. Zudem muss das autonome Fahrzeug in diesem Bereich ohne Fahrbahnmarkierungen gesteuert und geführt werden” (industry-of-things.de). Im erfolgreichen Test übernahm jetzt “die Infrastruktur” 500 Meter ein paar hundert Meter vor der Zahlstelle die Kontrolle, um den Citroën erfolgreich durch die Station zu schleusen.

Der Pferdehalter ist in dieser Geschichte die Mautstation. So sieht das auch FAZ-Redakteur Holger Appel, der schreibt:

“Hier trifft moderne Technik auf jahrzehntealte Infrastruktur. Die Erfolgsmeldung müsste vielmehr lauten: Frankreich reißt seine Mautstationen ab und errichtet Funkbrücken, die während der Durchfahrt automatisch abbuchen. Der künstlich erzeugte Stau, ganz nebenbei, wäre damit auch gleich erledigt.”

Die zweite Geschichte passt auch sprachlich zur Story mit dem Artilleriegeschütz. US-Forscher haben die Erkennungssoftware “angegriffen”, die in den mehr oder weniger selbstständigen SDCs von heute eingesetzt wird (SDC = Self Driving Car). Nicht mit Kanonen, sondern mit Aufklebern und “Graffiti”. Das Ergebnis der Aufkleber-auf-Stopschild-Versuche: “Sticker camouflage art perturbations cause the Stop sign to be misclassified as a Speed Limit sign in 100% of all test cases.” Auch die anderen Tests führten zu allerlei “Misclassifications”.

So “attackierten” US-Forscher ein Stop-Schild mit Aufklebern (zum Vergrößern anklicken).

Auch zu dieser Geschichte hat mich die morgentliche FAZ-Lektüre geführt. Unter der Überschrift “Idiotentest” (online: Selbstfahrende Autos fallen durch den Idiotentest) freute sich Ursula Scheer aus dem Feuilleton über die gelungenen “Hacks”.

Wer an die Anekdote über Soldat Nummer 7 denkt, sieht das wohl etwas anders. Verkehrsschilder sind heute so gestaltet und platziert, dass Menschen sie gut wahrnehmen können. Zumindest ist das beabsichtigt. Ob SDCs der vollautomatisierten Stufe 5 solche Schilder im Jahre 2035 erkennen müssen? Sie könnten die erforderlichen Infos zur Verkehrssituation auch auf (ganz) anderen Wegen erhalten (Car-to-Car, Street-to-Car, Mobilfunk). In BttF würde Doc Brown wohl sagen: “Schilder? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine … Schilder!”.

Die Idee, Straßenschilder zu “hacken”, ist übrigens nicht neu. Der Franzose Clet Abraham macht das beispielsweise schon seit 2010. Als Kunstobjekte werden “Durchfahrt verboten” und “Parkverbot” also noch gebraucht. Anders als Pferdehalter beim Militär und klassische Mautstationen.

Der Franzose Clet Abraham “hackt” Straßenschilder schon seit 2010
(zum Vergrößern anklicken).