Die Google-Tochter Waymo beschuldigt einen ehemaligen Manager, Informationen über die Lidar-Technologie gestohlen zu haben (Icon: flaticon.com; Image: Velodyne).

Manche Wirtschaftsnachrichten sind spannender als ein Justizthriller von John Grisham. Die aktuellen News aus dem Hause Alphabet/Google liefern ein Beispiel. Vor wenigen Tagen reichte die Alphabet-Tochter Waymo Klage gegen Uber und dessen Tochterunternehmen Ottomotto und Otto Trucking ein. Die 28-seitige Klageschrift lässt sich online nachlesen. Das Dokument ist ein echter page-turner. Auf den Seiten 2 bis 5 findet der Leser eine Zusammenfassung, die Seiten 7 bis 16 enthalten eine chronologische Darstellung mit mehr Details. Waymo beschuldigt Uber des betrügerischen Wettbewerbs und der Verletzung von Patentrechten. Waymo ist innerhalb des Alphabet/Google-Konzerns seit Dezember für das SDC-Geschäft zuständig (→ “Autofreie Zone”)

Es geht um die LiDAR-Technologie (Light Detection and Ranging), mit der sich die Umgebung eines Self Driving Cars (SDC) erfassen lässt. Das eimerförmige LiDAR-System auf dem Autodach (“spinning KFC bucket”) emittiert Laserimpulse und empfängt die reflektierten Impulse. Als “Technologieräuber” hat Waymo Anthony Levandowski im Visier. Er war jahrelang an der Entwicklung von Googles SDC beteiligt. Der FuE-Manager kündigte seinen Google-Job am 27. Januar 2016 fristlos und gründete vier Tage später Otto Trucking (kurz: Otto). Uber übernahm Otto im August 2016 für stattliche 680 Millionen US-Dollar. Unter den damals 91 Otto-Mitarbeitern waren außer Levandovski weitere, die zuvor bei Google beschäftigt waren und dort Zugang zu vertraulichen Daten hatten.

Offenbar versehentlich erhielt am 13. Dezember 2016 ein Waymo-Mitarbeiter die Kopie einer Email mit dem Betreff “Otto Files”. Sie war von einem Mitarbeiter eines Unternehmens gesendet worden, das Waymo mit Komponenten für das LiDAR-System beliefern soll. Im Anhang befand sich eine Datei mit dem Design einer Leiterplatte für ein Otto-LiDAR. Dieser Plan weist laut Waymo auffallende Übereinstimmungen mit streng vertraulichen Google/Waymo-Designs auf.

Wie sind die Daten zu Uber/Otto gelangt? Google/Waymo sagt:
“Waymo has uncovered evidence that Anthony Levandowski, a former manager in Waymo’s self-driving car project – now leading the same effort for Uber – downloaded more than 14,000 highly confidential and proprietary files shortly before his resignation. The 14,000 files included a wide range of highly confidential files, including Waymo’s LiDAR circuit board designs. Mr. Levandowski took extraordinary efforts to raid Waymo’s design server and then conceal his activities. In December 2015, Mr. Levandowski specifically searched for and then installed specialized software onto his company-issued laptop in order to access the server that stores these particular files. Once Mr. Levandowski accessed this server, he downloaded the 14,000 files, representing approximately 9.7 GB of highly confidential data. Then he attached an external drive to the laptop for a period of eight hours. He installed a new operating system that would have the effect of reformatting his laptop, attempting to erase any forensic fingerprints that would show what he did with Waymo’s valuable LiDAR designs once they had been downloaded to his computer. After Mr. Levandowski wiped this laptop, he only used it for a few minutes, and then inexplicably never used it again.”
(Litigation Document “Waymo vs Uber/Otto”)

Uber-CEO Kalanick behauptet zwar, dass am Vorwurf des Technodiebstahls nichts dran sei. Und schon nach der Übernahme von Otto durch Uber hatte Levandovski beteuert: “We did not steal any Google IP. Just want to make sure, super clear on that. We built everything from scratch and we have all of the logs to make that — just to be super clear” (→ forbes.com). In Levandovskis Haut möchte ich gerade dennoch nicht stecken.

In puncto Outfit trennen Anthony Levandovski (Mitte) noch Welten von Danny Ocean und John Robie (zum Vergrößern anklicken).

Waymo und Uber/Otto im Zeitwettbewerb

Die Klageschrift gegen Uber/Otto liest sich stellenweise wie eine Fallstudie über Unternehmen im Zeitwettwerb. Google/Waymo sieht sich als Pionier des aufkommenden SDC-Geschäfts. 2009 begannen die Entwicklungsarbeiten, im Oktober 2010 machte Google das Projekt öffentlich (→ googleblog.blogspot.de). 2015 fuhr ein koalagesichtiges Google Car erstmals im normalen Straßenverkehr, das zweitürige SDC hat weder ein Lenkrad noch Pedale.

Für frühe Prototypen auf der Basis eines Toyota Prius verwendete Google noch das LiDAR-System HDL-64E des Zulieferers Velodyne. Geschätzte Kosten: 75.000 US-Dollar pro System. Inzwischen hat Google/Waymo die Strategie geändert und setzt auf ein selbst (weiter)entwickeltes LiDAR-System. Zu den patentgeschützten Ideen der Google/Waymo-Entwickler zählt ein LiDAR-System mit nur noch einer Linse anstelle von zwei Linsen. Durch die Fortschritte der letzten Jahre sollen sich die Kosten um den Faktor 10 senken lassen. Mit Blick auf die Reduzierung der Herstellkosten hat Google mit einem Exklusivlieferanten zusammengearbeitet, dessen Name bisher nicht veröffentlicht wurde.

Uber ist in puncto SDC ein Nachzügler. Die Initialzündung, um nennenswertes SDC-Know-how aufzubauen, fand im Februar 2015 statt. Uber heuerte 40 Wissenschafter der Carnegie Mellon University (CMD) an. Trotzdem ging das Projekt bei Uber nicht richtig voran, sagt die Waymo-Klageschrift:

“By early 2016, Uber had hired hundreds of engineers and robotics experts to support the original team from Carnegie Mellon. But the research and development process was slow. And with respect to LiDAR technology, Uber’s program appeared to rely solely on a thirdparty, off-the-shelf LiDAR system manufactured by Velodyne Inc. (the HDL-64E). On information and belief, Uber’s program did not make any significant advances toward designing or manufacturing its own LiDAR technology for improved performance or lower cost.
Thus, […] Uber remained more than five years behind in the race to develop vehicle automation technology suitable for the mass market.”
(Litigation Document “Waymo vs Uber/Otto”, S. 10/11)

Wenn das Pionierunternehmen seine “Hausaufgaben” gut macht, hat in so einer Situation ein Nachzügler ziemlich schlechte Karten. Aus der Entfernung sieht es für mich so aus, als hätte Google/Waymo die eigene Wettbewerbssituation mit sinnvollen Maßnahmen zu schützen versucht. Patentschutz aufbauen, mehr Testkilometer fahren als die Konkurrenten zusammen (2,5 Millionen Meilen auf öffentlichen Straßen), Kostensenkung nicht vernachlässigen, exklusive Innovationspartnerschaften aufbauen.

Eigentlich kann ein Spätstarter wie Uber einen so großen Rückstand nicht in so kurzer Zeit aufholen. Früher aufstehen und länger arbeiten als die Teams der Konkurrenz reicht normalerweise nicht (Uber-CEO Kalanick im August 2016: “[…] we’ve got to do some catch-up. And that’s OK, but it means we gotta wake up early and we’re going to bed late”, → businessinsider.de).

Eigentlich.