Wenn Sie hier zwei Arten von Friedhöfen sehen, sind Sie für eine Tätigkeit als Buchhalter(in) nicht geeignet (Foto: SWP).

Keine Sorge. Das “Updates”-Blog wird nicht beerdigt. Es geht in diesem Posting um die gerade neu kalkulierten Grabnutzungsgebühren der Ulmer Friedhöfe. Das Beispiel zeigt, dass sich die Verrechnung von Gemeinkosten auf Kostenträger bestenfalls plausibel, aber nicht verursachungsgerecht gestalten lässt.

Die Ulmer Friedhöfe werden als eine Organisationseinheit geführt, für die jährlich ein Überschuss oder Fehlbetrag ermittelt wird. Die Controller der Stadt Ulm rechnen in den kommenden Jahren mit einem jährlichen Aufwand für den Betrieb der 12 Friedhöfe von 2 Millionen Euro. Den größten Anteil haben Personalaufwendungen (1,1 Mio. Euro). Die Haupteinnahmequelle sind die Grabnutzungsgebühren. Durch sie sollen gut 1,2 Millionen Euro jährlich erlöst werden. Die Differenz von 0,8 Millionen Euro gegenüber dem Gesamtaufwand ergibt sich zum einen aus “nicht-gebührenfähigen” Leistungen (z. B. der Pflege des jüdischen Friedhofs). Zum anderen profitiert die Ulmer Bevölkerung von dem “erheblichen Erholungswert” der Friedhöfe. Einen Teil des Gesamtaufwands trägt deshalb die Allgemeinheit.

Ein wichtiger Zweck der Friedhofskostenrechnung besteht darin, die Kosten für bestimmte Grabtypen zu ermitteln. Auf dieser Grundlagen lässt sich dann ein Gebührenmodell diskutieren, um die gesuchten 1,2 Millionen Euro einzunehmen. Bisher wurden die Kosten eines Grabes vor allem flächenabhängig berechnet. Ein großes Grab führte also zu einer hohen Gebühr. Urnengräber waren wegen des geringeren Platzbedarfs deutlich günstiger.

Nun hat die Stadtverwaltung ein kombiniertes flächen- und fallbezogenes Gebührensystem vorgeschlagen. Begründung: Die Aufwendungen fallen größtenteils für allgemeine Arbeiten an, zum Beispiel für das Schneeräumen auf den Wegen. Finde ich einleuchtend. Die Friedhofskosten lassen sich den Gräbern aber auch mit der neuen Methode nicht nach dem Verursachungsprinzip zuordnen.

In der Kostenrechnung werden Einzel- und Gemeinkosten unterschieden. Einzelkosten lassen sich einem Kalkulationsobjekt direkt zugerechnen, weil sie allein von diesem Kalkulationsobjekt verursacht werden. Das klassische Beispiel sind die Materialeinzelkosten, die für zugekaufte Materialien und Teile anfallen, die in einem bestimmten Produkt verbaut werden. Dagegen können Gemeinkosten nicht direkt zugeordnet werden. Sie werden von mehreren Kalkulationsobjekten gemeinsam verursacht (Friedl/Hofmann/Pedell 2013, S. 45). Die Abschreibungen für Maschinen, die zur Herstellung verschiedener Produkte genutzt werden, zählen in einem Industriebetrieb zu den Fertigungsgemeinkosten.

Eine verursachungsgerechte Kostenzuordnung zu Kalkulationsobjekten gibt es nur für Einzelkosten. Nach dem Verursachungsprinzip werden einem Bezugsobjekt (Produkt, Dienstleistung)  diejenigen Kosten zugeordnet, die wegfallen, wenn dieses Produkt nicht produziert oder diese Dienstleistung nicht erbracht wird. “Bei Gemeinkosten muss auf mehr oder weniger plausible Formen der Kostenschlüsselung zurückgegriffen werden, die sich z. B. an der Tragfähigkeit der Kalkulationsobjekte oder an Durchschnittswerten orientieren können”, schreiben die BWL-Profs Friedl, Hofmann und Pedell (Kostenrechnung, 2. Aufl., 2013, S. 46).

Zurück zu den Ulmer Friedhofsgebühren. Die Kosten für die Friedhöfe sind Gemeinkosten. Ein einzelnes Grab, ob groß oder klein, ändert an den Kosten des Friedhofbetriebs nichts. Es kann deshalb auch mit einer geänderten Methode keine objektiv richtige Zuordnung von Kosten zu bestimmten Grabtypen geben. Am Ende der kurzen kommunalpolitischen Diskussion war das Tragfähigkeitsprinzip ausschlaggebend.

Im ersten Entwurf wurden die Gemeinkosten des Friedhofbetriebs zu 40 Prozent flächenabhängig und zu 60 Prozent fallbezogen auf alle Gräber verteilt. Das hätte zu einem besonders starken Gebührenanstieg bei den Urnenreihengräbern geführt (640 statt 332 Euro). Die Mitglieder des Ulmer Gemeinderats hielten das für eine unzumutbare Belastung für Menschen mit wenig Geld. Die Gewichtung wurde von 40:60 in 80:20 geändert. Das Thema “lässt sich nicht nur über Kalkulationen und Excel-Tabellen fassen”, meinte eine Gemeinderätin.

Wenn Sie vor Zahlfriedhöfen nicht zurückschrecken, können Sie sich in die Details der Gebührenkalkulation vertiefen. Mit einem Klick auf die Grafik gelangen Sie zu einer pdf-Datei. Darin sind die 40:60- und die 80:20-Rechnung sowie die Erläuterungen für den Gemeinderat enthalten. Die SWP berichtete über die Diskussion vor der Gemeinderatssitzung und den am 15. Februar gefassten Beschluss.

Im ersten Entwurf wurden die Gemeinkosten des Friedhofbetriebs zu 40 Prozent flächenabhängig und zu 60 Prozent fallweise verteilt. Nach Diskussionen im Gemeinderat wurde diese Gewichtung von 40:60 in 80:20 geändert.

Jenseits von Einzel- und Gemeinkosten hatte ich beim Blick auf die gelb-grüne Tabelle ein sprachliches Aha-Erlebnis. Beim Begriff Standortvorteile dachte ich bisher an Faktoren, die Standortentscheidungen von Unternehmen zugunsten bestimmter Länder oder Regionen beeinflussen. Auf Friedhöfen bieten Gräber einen Standortvorteil, die gut zu erreichen sind, weil sie nahe am Eingang liegen. Diese Ruhestätten sind teurer. Plausibel.