Ingenieure im Labor (→ History of Engineering and Technology, → “Ingenieurlied”)

Das Posting enthält Spuren von Wertschätzung und Ironie.

Ingenieurinnen* und Ingenieure sind toll. Das weiß ich schon seit Jahrzehnten. “Beim Bosch”, wo ich von 1999 bis 2003 “geschafft” habe, gibt’s die Technikexperten zu Tausenden. Auch als Betriebswirt trifft man täglich ein paar und freut sich mit ihnen über den Erfolg der “eigenen” innovativen Produkte. Kfz-Teile millionenfach mit Toleranzen im μm-Bereich produzieren? Dem Ingeniör ist auch das nicht zu schwör. Rund zwei Drittel meiner 120 Profkollegen an der Hochschule Ulm sind Ingenieure. Die meisten unserer 4000 Studis wollen es werden. Technische Mechanik, Thermodynamik, Leistungselektronik. Kein Hindernis ist zu groß, sie gehen drauf los. Selbst “die Angst vor der unglaublichen Langeweile einer Pflicht-BWL-Vorlesung” konnte er überwinden, schrieb mal ein Student.

Beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) kennt man die typischen Stärken der Mitglieder und nennt zehn Gründe, warum man einen Ingenieur heiraten sollte. Er weiß, “wie man mit Stress und Druck umgeht”. So wird er “die beruhigende Kraft in Eurer Beziehung sein”. Ingenieure achten zwar sehr stark auf Details, können komplexe Sachverhalte aber in wenigen Worten zusammenfassen. Deshalb wird es, “in Eurem Haushalt nicht zu viele Worte geben”. Das sind ja schon ein paar sehr überzeugende Argumente. Ein weiterer großer Trumpf des Ingenieurs ist seine Leidenschaft …
… für’s Organisieren:

Sie sind extrem gut organisiert.
Es ist kein Geheimnis, dass Ingenieure dazu tendieren sehr genau zu sein in allem, was sie tun. Sie mögen es, ihre Welt mit den neuesten Technologien, cleveren Lösungen und perfekter Organisation zu strukturieren. Vielleicht sind ihre Vorstellungen von Organisation nicht die gleichen wie Deine, aber wenn Du mit einem Ingenieur zusammen bist, solltest Du seine Abläufe respektieren – sie durcheinander zu bringen kann dazu führen, dass ein Ingenieur aus dem Gleichgewicht kommt und nicht mehr produktiv sein kann. Du wirst es lieben, ein komplett durchorganisiertes Leben mit Deinem Liebsten zu führen.”

Neulich in Pilcher-Land (zum Vergrößern anklicken). Foto: ZDF

Zugegeben, ich bin einfach ein bisschen neidisch. Auch weil die Google-Suche nach “10 Gründen, einen Betriebswirt zu heiraten”, als erstes (!) Ergebnis → diese Seite empfiehlt. Außerdem ist die 10er-Liste des VDI sogar unvollständig. Der elfte Grund, sein Herz einem Ingenieur zu schenken: Er hat immer was zum Schreiben dabei, meistens einen Kugelschreiber.

Der Anlass für dieses Posting war ein Fund im Internet. Im Vorwort seines Vorlesungsskripts “Werkstoffe der Elektrotechnik” beschrieb Professor Albrecht Georg Fischer seinen Studenten den Ingenieurberuf. Überliefert ist eine Fassung von 1977. Ingenieur oder nicht, wer 40 Jahre später die 1½ DIN A4-Seiten liest, muss erst mal kräftig lachen. “Edelster Beruf, den es gibt”, “nützlichstes Glied der Gesellschaft”, das ist vielleicht doch ein bisschen “too much”.

Der Ingenieursberuf ist der edelste Beruf, den es gibt. Der Ingenieur (von Ingenium = schöpferischer Geist), als Inbegriff des homo faber, baut die Zivilisation auf diesem Planeten und verbessert die Lebensbedingungen des Menschen. Die Naturwissenschaften sind, anders als z. B. die Jurisprudenz oder die Theologie, “akkumulativ”, d. h. jeder Fortschritt, den Sie erarbeiten, geht in das kollektive Menschheitswissen unverlierbar ein und befruchtet weiteren Fortschritt. Der tätige Ingenieur braucht also nie über den Sinn seines Lebens nachzugrübeln, er ist das nützlichste Glied der Gesellschaft, auch wenn die Gesellschaft dies oft nicht zugibt.”

Sein Text ist lustig. Aber Professor Fischer war keine Lachnummer, sondern ein leidenschaftlicher Ingenieur und offenbar auch ein hingebungsvoller Lehrer. Ich bin froh, auf der Suche nach biografischen Informationen eine Seite gefunden zu haben, die ein ehemaliger Hörer von Fischers Vorlesungen angelegt hat. Fischer wurde 1928 in Ilmenau (Thüringen) geboren und war als Kind oft im Glaswerk Gustav Fischer. Dort wurden von 1936 bis 1939 die weltweit ersten weiß leuchtenden Leuchtstoffröhren hergestellt. Als Physikstudent las Fischer 1950 das Buch “Electrons and Holes in Semiconductors” (“the first textbook of the electronic age”, Shurkin) des Transistorerfinders und späteren Nobelpreisträgers William Shockley und war begeistert. 1954: Fischers erste Patentanmeldung (“Leuchtstoffe für Elektrolumineszenzlampen”). Bis Anfang der 1990er Jahre folgten 34 weitere Patente in Deutschland und 19 in den USA. 1958: Promotion. Anschließend war A. G. Fischer rund 15 Jahre als Research Physicist und Project Engineer in den USA tätig, die längste Zeit in den RCA Laboratories in New Jersey. Von 1973 bis 1993 war er Professor für Halbleiterbauelemente (ab 1980: Optoelektronik) an der Universität Dortmund. A. G. Fischer hatte nicht nur Ideen für die Technik von Flüssigkristallbildschirmen, sondern auch für Fusionsreaktoren und für Flugzeugtechnik. Das passende Motto des Vielschaffers stand auf einem Schild im Labor des Lehrstuhls: “Wenn Sie nichts zu tun haben, tun Sie es nicht hier!”

Zum Schluss noch eine Textpassage zum Schmunzeln. Man merkt ihr an, dass sie in den 1970er Jahren geschrieben wurde. Auch zum Themengebiet Ingenieure und ihre Lebenspartnerinnen hatte Professor Fischer einen Tipp parat:

“Kein erfolgreicher Ingenieur sitzt täglich stundenlang vor dem Fernseher, spielt Skat, trinkt, hat Frauen, das ist in dem Beruf nicht drin. Unser Beruf erfordert also ein gewisses Maß an Askese. … Wem das zu hart ist, der möge sich rechtzeitig anders orientieren.

Nachdem Sie also die wichtigste Entscheidung Ihres Lebens, die Berufswahl, getroffen haben, denken Sie daran, daß die zweitwichtigste Entscheidung in Ihrem Leben die Gattenwahl ist. Während die meisten Frauen im Leben des Mannes die Nr. 1 sein wollen, geht beim richtigen Ingenieur die Arbeit vor allem anderen. Die ideale Ingenieursfrau versteht das, ist treusorgend und anspruchslos und gibt ihrem hart-arbeitenden Mann seelischen Beistand.”

Hinweis:
* Ingenieurinnen sind auf dem Vormarsch: 2011 waren in Deutschland 275.000 Ingenieurinnen (16,6 Prozent) und 1.386.000 Ingenieure berufstätig. Der Frauenanteil wird weiter steigen. Unter den Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge haben Frauen seit längerer Zeit einen Anteil über 20 Prozent. Außerdem werden in den kommenden Jahren männlich dominierte Ing.-Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden (→ vdi.de). In diesem Posting ist dennoch fast nur von den Ingenieuren die Rede. Das liegt an den zitierten Quellen. Professor Fischer dachte 1977, als er sein Vorlesungsvorwort verfasste, offenbar nur an männliche Ingenieure, denen treusorgende Ehefrauen zur Seite stehen. Kein Wunder, dass er in einer Aufsatzsammlung mit dem Titel “Veränderungspotenziale und Gender” zitiert und kritisiert wird. Martin Kirschke, der ehemalige Student Fischers, schreibt auch: “Nach Protesten einer, wie er [Fischer] es nannte, fundamentalistischen Feministinnengruppe der Pädagogischen Hochschule Dortmund, die das Podium während einer seiner Werkstoff-Vorlesungen besetzte und eine Rede hielt (vor Ende 1982), nahm er die strittige Passage aus seinem Vorlesungsskript heraus” (→ martin-kirschke.de). Den Text “10 Gründe, warum man einen Ingenieur heiraten sollte” haben die beiden Autorinnen “mit einem kleinen Augenzwinkern” geschrieben bzw. übersetzt. Vielleicht bezieht sich das auch auf die Entscheidung, Ingenieurinnen textlich auszuklammern. Der → englische Originaltext “10 Reasons Engineers Make Good Partners” von Deborah Stachelski ist geschlechtsneutral verfasst. Liebe Leserinnen, da es in diesem Posting sowohl um die positiven Seiten des Ingenieurcharakters geht als auch um etwas schrulligere, suchen Sie sich bitte einfach aus, ob Sie sich angesprochen fühlen möchten oder nicht.[↑]

13 tolle Ingenieure, die in früheren Postings auftauchten:
Robert Bosch und Gottlob Honold
Robert Bosch – Schrittmacher der automobilen Welt
Carl Benz, Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach
Von der Pferdekutsche zum Automobil
Henry Ford
Henry Ford und die erste Revolution in der Automobilindustrie
Anton Flettner
Zurück aus dem Abstellraum der Technikgeschichte
Konrad Zuse
Konrad Zuse: Computerpionier und Briefmarkenmotiv
Taiichi Ohno
Taiichi Ohno und die zweite Revolution in der Automobilindustrie
Gordon E. Moore
“The future of integrated electronics …”
Steve Sasson
Steve Sasson und die erste Digitalkamera
Willibert Schleuter
Archiv: Willibert Schleuter
Don McMillan
Don McMillan, Powerpoint-Comedian