In wenigen Tagen ist Halloween. Da passt was Gruseliges.

Der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) bündelt die Interessen von über 1.400 Unternehmen aus den Bereichen Energie, Wasser & Abwasser, Abfallwirtschaft und Telekommunikation. Zu den Themen, mit denen man sich beim VKU befasst, gehören Regeln für das Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung und die Nitratbelastung des Trinkwassers durch Düngemittel. Gähn.

Doch seit ein paar Tagen dreht der VKU auf. Vor allem verbal. Am 18. Oktober fand in München die erste von fünf Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung statt. Entscheider aus Stadtwerken trafen sich mit Start-up-Unternehmern. Gemeinsam hat man höchst erfolgreich eine “Learning Journey” in die digitale Transformation gestartet. Das “aktive, agile Denken” stand im Vordergrund. Die Teilnehmer agierten “mit ungebremstem Geist”. Lernreise, agiles Denken. Super, das merke ich mir für den nächsten Semesterstart. “Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Lernreise gehen! Im Vordergrund steht das aktive, agile Denken”. Die ungebremsten Studis werden in minutenlangen Jubel ausbrechen.

Den vollständigen Text der ekstatischen VKU-Pressemitteilung können Sie, liebe Blog-Leserin, lieber Blog-Leser, online lesen. Und natürlich gibt’s auf Twitter auch Kurzbotschaften und Fotos zur begonnenen Lernreise.

Wirtschaftsredakteurin Heike Göbel hat die Sprache der Pressemitteilung in der FAZ vom Samstag auf die Schippe genommen. Ihre “Rezension” ist mindestens so lesenswert wie das Originalgeschwurbel vom VKU.

»Es ist ja löblich, wenn endlich auch die 1400 städtischen Energie- und Wasserversorger und Müllabfuhren über ihre digitale Zukunft nachdenken. Das lässt auf mehr Service und weniger Bürokratie hoffen und könnte die alljährlichen Gebührensprünge bremsen. Könnte, denn bislang ist offensichtlich nicht viel mehr passiert, als dass der Verband Kommunaler Unternehmer (VKU) diese Woche eine erste Informationsveranstaltung organisiert hat, auf der sich “Entscheider” aus den Staatsunternehmen mit privaten Start-up-Gründern ausgetauscht haben. Dafür feiert sich der Verband allerdings schon, als ob ihm die Landung auf dem Mars gelungen wäre.

ALS ERSTER WIRTSCHAFTSVERBAND habe man erfolgreich eine “Learning Journey” in die digitale Transformation gestartet, brüstet sich der VKU in einer Pressemitteilung, die sprachlich kein Halten kennt. In “Design-thinking-Workshops” seien Chancen beleuchtet, Ausgangsvoraussetzungen geprüft, Ressourcen ermittelt und zu Ansätzen von Geschäftsmodellen verdichtet worden. Das “aktive, agile Denken” habe im Vordergrund gestanden. Arbeitsmethoden wie “Business Model Canvas” oder “Ten Types of Innovation” hätten dafür gesorgt, dass alle Teilnehmer mit “ungebremstem Geist agierten” und so mit Hilfe von “Prototyping” denkbaren Innovationen erstes Leben einhauchten. Das Fazit der Teilnehmer? Natürlich positiv. “Ich habe einen sehr gewinnbringenden Tag mit starker Methodik erlebt, der mich sicher macht, dass die Stadtwerke von morgen nicht nur den etablierten Geschäftszweck verfolgen, sondern maßgeblich Taktgeber für zukünftige Innovationen sind”, zitiert die Pressestelle einen Ingenieur.

UNS SCHÜTTELT es mit jedem Satz. Warum wird dem Aufbruch in die digitale Zukunft als Erstes die Sprache geopfert? Die Kommunalunternehmer sind beileibe kein Einzelfall, immer wieder muss bombastisches Kauderwelsch voller Anglizismen und Betriebsberaterneusprech Leere und Konzeptionslosigkeit dahinter übertünchen. Ungebremster Geist, agiles Denken? Um die digitale Zukunft der Kommunalwirtschaft muss man fürchten, wenn es in den Köpfen so unsortiert zugeht.«

Mich hat es beim Lesen der VKU-Texte auch geschüttelt. Trotzdem habe ich unerschrocken noch bisschen das Umfeld des VKU-Projekts erkundet. Medial unterstützt wurde der VKU von der Agentur ARTKOLCHOSE aus Leipzig. Hinter dem Namen für Sowjetnostalgiker verbergen sich Menschen, “die Spaß und Freude daran haben, die Welt schöner zu machen”. Auf artkolchose.de informiert die sächsische Kreativgenossenschaft über das “Plattformprojekt VKU Innovation”, das angeblich sogar ein “Event Brand” ist, also eine Ereignismarke. Zum Gruseln sind da nicht nur die Formulierungen (ich wusste bisher nicht, dass sich Projekte Aufgaben stellen können), sondern auch Groß- und Kleinschreibung, Grammatik und Zeichensetzung.

»Das Plattformprojekt VKU Innovation wird sich zukünftig dieser Aufgabe stellen und kommunale Unternehmen mit Startups der Digitalbranche vernetzen. […] Zur optimalen Kommunikation nach I[i]nnen und A[a]ußen entwickelte ARTKOLCHOSE federführend die Gestaltungsrichtlinien des Event Brands aufs [auf] Basis der visuellen Richtlinien des VKU. Abgerundet und unterstützt durch digitale und analoge Medien[,] bildet die moderne, responsive Website mit tagesaktueller Newsfeed Wall die Basis der interaktiven Kommunikationsplattform.«

Für Freunde lesefreundlicher Zeilenumbrüche gibt’s auf der responsiven Website vku-innovation.de noch eine paar kleine, schaurige Zugaben:

Stefan Kühl ist Soziologe und Professor an der Uni Bielefeld. Die mediale Aufbereitung der Lernreise ins digitale Wunderland dürfte er als Fall von Eindrucks- und Beeindruckungsmanagement einordnen:

»Mit Presse-, Kommunikations- und Marketingabteilungen werden Stäbe aus Fassadenspezialisten geschaffen, die wiederum Werbeagenturen, PR-Agenturen und Innenarchitekten als externe Dienstleister beschäftigen. Dieser systematisch geplante Auf- und Ausbau von Fassaden wird in der Organisationsforschung treffend auch als „impression management“ – als „Eindrucks- und Beeindruckungsmanagement“ – bezeichnet.«
Kühl, S.: Organisationen: Eine sehr kurze Einführung, Wiesbaden 2011, S. 138 (→ auf Google Books teilweise online)

Executive Summary:
Der VKU macht eine Studienfahrt. Sprachlich ein echter Horrortrip, aber viele Impressions.