Entspanntes Parken im automatischen Parkhaus der Zukunft
(→ Audi Urban Future Initiative)

Auf der Suche nach Praxisbeispielen für innovative Technologien denkt vermutlich niemand zuerst an Parkhäuser und Tiefgaragen. Doch jetzt, so stand es vor einem Monat in der FAZ, würde die Parkhausbranche “durch neue Technologien und Mobilitätsformen geradezu umkrempelt” (23.09.16, S. I1).

Automatisierte Konzepte liegen im Trend. Zwei konkurrierende Entwicklungsrichtungen sind erkennbar: Selbstparkende Autos finden im Parkhaus der Zukunft fahrerlos ihren Weg in eine Parklücke. Oder Parkroboter, Aufzüge und Transportplattformen bewegen Autos zu ihrem Stellplatz. Die Intelligenz steckt entweder vor allem in den Autos oder in der logistischen Infrastruktur des Parkhauses. In beiden Fällen verlassen die Menschen das Fahrzeug schon im Einfahrtsbereich. Das ermöglicht ein verdichtetes Parken. Flächen werden besser genutzt. Dieser Vorteil ist dort besonders wertvoll, wo Parkraum knapp ist, z. B. in Innenstädten.

Das aktuelle europäische Vorzeigebeispiel eines vollautomatisierten Parkhauses wurde 2015 im dänischen Aarhus in Betrieb genommen. Auf den drei Tiefgaragenebenen im neuen Kulturzentrum Dokk1 gibt es 972 Stellplätze. Wer dort parken möchte, fährt in eine von 20 Übergabekabinen und erledigt an einem Touchscreen noch ein paar Formalitäten. Dann übernimmt die Technik das Auto. Es geht hinab auf eine der drei Parkebenen. Ein tischplattenartiger “Shifter” lupft das Fahrzeug ein paar Zentimeter in die Höhe und befördert es auf eine Transportplattform. Die steuert einen geeigneten Stellplatz an. Der Shifter fährt das Auto auf seinen Platz.

Die Fördertechnik der Dokk1-Parkanlage entwickelt und gebaut hat die Lödige Industries Gruppe. Das Familienunternehmen mit Firmensitz in NRW ist Weltmarktführer für Luftfracht-Transportanlagen auf Flughäfen. Im Video erläutert Seniorchef Rudolf Lödige, wie das automatische Parken in Dokk1 funktioniert. Zahlen, Fakten und Fotos findet man auf der Lödige-Internetpräsenz. Und Anfang September berichtete die ZEIT über das vollautomatische Parkhaus.

Wie es aussieht, hat die Lödige-Anlage die automatische Ein- und Ausparkerei im Griff. Bis zum Sommer 2016 wurden 250.000 Parkvorgänge bewältigt. Durchschnittliche Einparkzeit: 107 Sekunden. Durchschittliche “Zurückbekommzeit”: 143 Sekunden. Die Nutzer sparen also Zeit. Das Parken in Dokk1 ist außerdem behindertengerecht und diebstahlsicher. Es besteht auch praktisch kein Risiko, das eigene Auto oder andere Fahrzeuge zu beschädigen.

Rund 18 Millionen Euro hat die Roboter-Tiefgarage in Aarhus gekostet. Kein Pappenstiel. “Ein konventionelles Parkhaus lässt sich meist deutlich billiger bauen und betreiben”, zitiert der ZEIT-Artikel einen Experten für innovative Verkehrstechnologien. Den Kunden kostet eine halbe Stunde Parken etwa 1,50 Euro, ungefähr so viel wie sonst auch in Aarhus.

Ganz anders als die Meldungen aus Dänemark klingen Nachrichten aus Tübingen. Die dortigen Stadtwerke betreiben zwei Parkhäuser mit vollautomatisierten Bereichen, die 2003 und 2005 eröffnet wurden. Autos werden vom Besitzer auf einer beweglichen Plattform abgestellt und wie in einem Hochregallager platziert. Die Mechanik ist ständig gestört und sehr reparaturanfällig. Von Amortisierung keine Rede: Die Parkhäuser bescheren Tübingen jährlich 200 000 Euro Verlust. Bei besonders starkem Andrang – z. B. morgens zum Berufsverkehr – müssen die Dauerparker bis zu 20 Minuten auf  ihr Auto warten. In Zürich eröffnete 2001 ein vollautomatisches Parkhaus – und schloss nach sechs Wochen, weil die Technik nicht funktionierte. 2010 wurde das Parkhaus abgerissen. Frei nach Gorbatschow: Wer zu früh kommt, den bestraft die unreife Technik.

Zu den Konzepten für ein mechanisch-automatisiertes Parken zählt auch das System “Ray” der oberbayerischen Serva Transport Systems GmbH. Seit 2014 sind die fahrerlosen Transportsysteme (FTS) mit ihren vier Gabelzinken am Flughafen Düsseldorf im Einsatz. Im Februar 2015 nahmen zwei “Rays” ihren Dienst im Audi-Werk Ingolstadt auf. Sie transportieren frisch produzierte Q5-, A3- und A4-Fahrzeuge auf eine Parkfläche und sortieren sie nach Versandzielen für den Weitertransport mit der Bahn.

Zu dem reichhaltigen Informationsanbegot auf serva-ts.de gehört auch eine “Ray”-Broschüre. In der ist eine Doppelseite mit Beispielrechnungen zu den wirtschaftlichen Vorteilen finden, die sich bei einem Parkhausneubau oder -umbau erzielen lassen. Dazu zählen auch höhere Preise, weil Ray-unterstütztes Parken für die Kunden den Komfort erhöhen würde. Denglisch: “Komfort-Uplift”. Ob die Kalkulationen stimmen, weiß ich nicht. Als BWLer kann man sich das auf alle Fälle mal anschauen (→ direkt zur Doppelseite “Wirtschaftliche Vorteile”).

Ein “Ray”-System bei der Arbeit im Audi-Werk Ingolstadt (zum Vergrößern anklicken).

Im automatischen Parkhaus der Zukunft könnte es auch anders aussehen als im Dokk1 oder dort, wo Autos von einem “Ray” verräumt werden. Selbstfahrende Autos brauchen für ihren Weg zum Parkplatz keinen Fahrer. Bosch nennt das “Automated Valet Parking” (siehe auch → Vom Mowbot zum selbstfahrenden Auto). Audi hat mit der Stadt Somerville nahe Boston eine langjährige Projektzusammenarbeit vereinbart. Auf einem ehemaligen Industriegelände im neuen Stadtviertel Assembly Row soll ein Parkhaus entstehen, das zunächst für eine gemischte Nutzung durch konventionelle und selbstparkende Autos eingerichtet wird. Das Parkhaus soll bis zum Jahr 2030 schrittweise auf einen reinen “Piloted Parking”-Betrieb umgestellt werden. Im Bestfall ließen sich dann 60 Prozent der Fläche einsparen, meldet die Audi-PR. Das soll möglich werden durch kleinere Parkflächen pro Auto (um über zwei Quadratmeter), schmalere Fahrspuren sowie entfallende Treppenhäuser und Aufzüge. Die selbstparkenden Fahrzeuge sollen auch in mehreren Reihen hintereinander parken.

In der optimierten Endstufe soll das “Piloted Parking” in Somerville ermöglichen, rund 60 Prozent Fläche zu sparen. Zieltermin: 2030 (zum Vergrößern anklicken).

Dokk1, “Ray” und Piloted Parking sind drei nette Innovationsbeispiele. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass sich in den rund 8.000 beschrankten Parkhäusern und Garagen in Deutschland schlagartig viel ändert. Konzepte wie im Dokk1 sind teuer und lassen sich deshalb nur in Städten mit sehr hohen Parktarifen wirtschaftlich betreiben. “Der Parkdruck in Europa ist [aber] noch nicht sehr hoch”, gibt ein Verkehrsexperte der ZEIT zu Protokoll (→ zeit.de). Für die volloptimierte “Piloted Parking”-Lösung braucht man eine Flotte von Autos mit Selbstparkfunktion. Auch wenn so etwas in ein paar Jahren in Oberklassefahrzeugen sicher gang und gäbe sein wird, dürfte es noch dauern, bis Autos flächendeckend mit solchen Features ausgestattet sein werden.

Und überhaupt: Verdichtetes Parken, das bekommen auch (manche) Menschen hin.