Technologie-S-Kurven treten fast immer paarweise auf, sagt Richard Foster.

“Innovation. The Attacker’s Advantage” gehört zu den Klassikern der TIM-Literatur (TIM = Technologie- und Innovationsmanagement). Das Buch von Richard Foster, damals Direktor bei McKinsey, erschien 1986. Zum runden Geburtstag des Werkes gibt’s ein Posting. So kann ich mal meinen Lieblingssatz über Technologie-S-Kurven in diesem Blog unterbringen. Der Satz steht auf Seite 102 der englischen Ausgabe: “S-curves almost always appear in pairs”.

Klingt wie eine Beschreibung aus Brehms Tierleben (“Während des Sommers wohnen die Murmelthiere einzeln oder paarweise in ihren eigenen Sommerwohnungen”, → Projekt Gutenberg-DE). Die Angehörigen der Gattung Sinus McKinseyensis sind allerdings keine Lebewesen.

“Die S-Kurve ist eine grafische Darstellung des Verhältnisses zwischen dem Aufwand für die Verbesserung eines Produkts oder Prozesses und den Ergebnissen, die man durch diese Investition erzielt. … Zu Beginn geht, trotz des … eingesetzten Aufwands, der technische Fortschritt nur sehr langsam voran. Dann ist plötzlich die Hölle los, sobald das entscheidende Wissen erarbeitet ist, das man braucht, um Fortschritte zu erzielen. Und zuletzt wird es, auch bei anhaltendem Mitteleinsatz für die Entwicklung eines Produkts oder Verfahrens, immer schwieriger und teurer, technische Fortschritte zu erzielen.”
Foster 1986, S. 27/p. 31 [→ Anm. 1].

Eine Technologie bietet das Potenzial für eine bestimmte technisch-funktionale Leistung. Dieses Potenzial wird, so Foster, typischerweise in Form einer S-Kurve ausgeschöpft. Die S-Kurven stehen also für Technologien (“There are almost always competing technologies, each with its own S-curve”, Foster 1986, p. 103/S. 110). Deshalb ist häufig von Technologie-S-Kurven die Rede.

Richard (“Dick”) Foster hat an der Yale University studiert und dort einen B.S.- und einen M.S.-Grad als Ingenieur sowie einen PhD-Titel erworben. Von 1973 bis 2004 war er bei McKinsey tätig, ab 1982 als Senior Partner und Director. In den 1980er Jahren leitete er das Beratungs­geschäft im Bereich Technologie­management (Foto: Simon & Schuster).→ Biographische Informationen auf luxcapital.com

Sein besonderes Augenmerk richtet Foster auf “Diskontinutäten”. Das sind Situationen, in denen die Weiterentwicklung vorhandener Technologien nur noch geringe Fortschritte bringt und sich neue Technologien ankündigen. Die Führungspersonen etablierter Unternehmen stehen dann vor der Herausforderung, den “Sprung auf eine neue S-Kurve” rechtzeitig anzustoßen und zu bewältigen. Solche Wechsel auf einen anderen Werkstoff, ein innovatives Produktionsverfahren oder ein neues Lösungsprinzip gehen häufig schief. “Leaders become losers” (Foster 1986, p. 113/S. 123).

Je grundlegender die Veränderung, desto besser sind die Chancen branchenfremder und neugegründeter Unternehmen. Der Buchuntertitel “The Attacker’s Advantage” drückt aus, dass solche Angreifer tendenziell im Vorteil sind, wenn es zu technologischen Umbrüchen kommt.

“Diskontinuität” beim Übergang auf eine neue Technologie (zum Öffnen der pdf-Datei anklicken).

Fosters Buch erklärt längst nicht nur das “Sozialverhalten” der meist paarweise auftretenden Technologie-S-Kurven. Auf rund 300 Seiten finden die Leser zahlreiche Beispiele technologischer Innovationen und Umbrüche:

National Cash Register (NCR), 1884 gegründet, war Anfang der 1970er Jahre ein führender Anbieter elektromechani scher Registrierkassen. Es gab bei NCR zwar schon früh eine “Electronics Division” und NCR-Kunden hatten begonnen, elektronische Systeme zu fordern. Dennoch klammerte sich NCR zu lange an die ruhmreiche Vergangenheit und feilte weiter an der elektromechanischen Technologie, obwohl die Computer-Revolution im Begriff war loszubrechen (vgl. Foster 1986, p. 139 ff./S. 151 ff.). “Innovation” verdanke ich auch die Misserfolgsstory des Segel-Siebenmasters “Thomas W. Lawson”, die schon in → ein früheres Posting eingeflossen ist. Ein eindrucksvolles Beispiel für eine S-Kurve, die das Frühstadium einer neuen Produktgruppe abbildet, liefert die Darstellung der ersten Kunstherzgenerationen. (Foster 1986, p. 97/S. 104).

Elektromechanische Registrierkasse von NCR • 7-Master “Thomas W. Lawson” • Kunstherz “Jarvik 7” (zum Vergrößern anklicken).

Das S-Kurven-Konzept ist 30 Jahre nach dem Erscheinen von Fosters “Innovation”-Buch weiterhin sehr populär. Es hat sich herauskristallisiert, dass das Modell geeignet ist, um zahlreiche Fälle technologischer Innovationen rückblickend zu interpretieren. Die praktische Einsatzmöglichkeit als Prognoseinstrument ist jedoch sehr begrenzt. Foster hat Kapitel 4 zwar mit der Überschrift “The S-Curve: A New Forecasting Tool” ausgezeichnet. Er hat aber selbst an mehreren Stellen verbale “Weichmacher” im Text platziert. Schätzen und Skizzieren statt Errechnen und Zeichnen.

“Diese [S-]Kurven brauchen nicht erst im Nachhinein gezeichnet zu werden. Wir können sie jetzt skizzieren. Genauigkeit ist nicht so wichtig wie ein grobes Verständnis. Es genügt, die ungefähren Umrisse einer aufkommenden Technoloogie zu kennen, um richtige Urteile zu fällen.” Foster 1986, S. 42/p. 43
“S-Kurven können die Kommunikation erleichtern, aber im Allgemeinen ist es wichtiger, an ihre Existenz zu glauben und imstande zu sein, diesen Glauben nötigenfalls an der Realität zu messen, als sie für jeden einzelnen Fall tatsächlich zu konstruieren. Das Wertvollste an der S-Kurve sind oft ihre Grenzen, der Begriff der ‘Produktivität’ (beziehungsweise des Neigungswinkels der Kurve) und deren zu erwartende Veränderung. Diese Faktoren können oft geschätzt werden, ohne dass man sich die Mühe machen muss, jede einzelnen S-Kurve zu errechnen und zu zeichnen.” Foster 1986, S. 287/p. 276

Schöne Komplimente bekommt das S-Kurven-Konzept hingegen als Sensibilisierungshilfe bzw. -instrument [→ Anm. 2]. Es weist auf das begrenzte Entwicklungspotenzial vorhandener Technologien hin und ermuntert, sich frühzeitig mit möglichen Technologiewechseln zu befassen. Also immer dran denken: S-Kurven treten fast immer paarweise auf. Bereiten Sie sich schon mal auf den nächsten technologischen Umbruch vor!

Gebrauchte Exemplare des Foster-Buches “Innovation” findet man bei Amazon. Die Preise beginnen bei 2 Euro für → die englische Fassung und 1,20 Euro für → die deutsche (jeweils + 3 Euro Versandkosten).

Anmerkungen:
[1] Die Seitenangaben mit “S.” beziehen sich auf die deutsche Ausgabe von 1986. Es gibt noch eine zweite deutsche Ausgabe von “Innovation. Die technologische Offensive”. Diese erschien 2006. Die Seitenumbrüche sind anders als in der 1986er-Ausgabe. Angaben mit “p.” verweisen auf die englische Ausgabe von “Innovation. The Attacker’s Advantage”.[↑]
[2] Weiß bezeichnet das S-Kurven-Konzept als “hervorragendes heuristisches Sensibilisierungsinstrument” (Weiß, E.: Management diskontinuierlicher Technologie-Übergänge, Göttingen 1989, S. 57). Gerpott sieht Lebenszyklus-Modelle für Technologien, z. B. das S-Kurven-Konzept, als “grobe Sensibilisierungshilfe” (Gerpott, T. J.: Strategisches Technologie- und Innovationsmanagement, 2. Aufl., Stuttgart 2005, S. 118.[↑]

Literatur:
Foster, R. N.: Innovation. The Attacker’s Advantage, New York 1986; deutsche Übersetzung: Innovation. Die technologische Offensive, Wiesbaden 1986, → auf Google Books; (dt.) Sonderausgabe: Heidelberg 2006, ausleihbar in der Bibliothek der Hochschule Ulm (→ Details). Die Seitenangaben mit “S.” beziehen sich auf die deutsche Ausgabe von 1986, Angaben mit “p.” auf die englische.
Krubasik, E. G.: Strategische Waffe, in: Wirtschaftswoche, Nr. 25/1982, S. 28-33; ders.: Angreifer im Vorteil, Wirtschaftswoche, Nr. 23/1984, S. 48-56. Edward Krubasik war von 1973 bis 1996 – wie Richard Foster – bei McKinsey tätig. Die beiden WiWo-Artikel enthalten bereits wesentliche Aussagen, die 1986 in “Innovation” umfassender dargestellt wurden.

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