In der Ulmer Olgastraße wird jetzt stationär die Geschwindigkeit kontrolliert
(Foto: Volkmar Könneke, Südwest Presse).

Seit knapp zwei Monaten steht in der Ulmer Olgastraße ein Blitzer. Die stationäre Geschwindigkeitskontrolle ist eine von mehreren Maßnahmen, die Unfälle verhindern sollen wie denjenigen am 1.8.2015. Ein 21-Jähriger hatte damals mit seinem BMW einen Radfahrer erfasst und lebensgefährlich verletzt. Der BMW-Fahrer fuhr über 100 km/h [→ Anm. 1].

Geschwindigkeitsmessungen sollen die Verkehrssicherheit verbessern. Gleichzeitig sind die Bußgeldzahlungen der ertappten Temposünder eine interessante Einnahmequelle für Gemeinden. Die Installation und der Betrieb von Blitzern haben also auch eine betriebswirtschaftliche Seite. Aus diesem Grund haben es in den letzten Tagen Nachrichten aus dem 3200-Einwohner-Örtchen Fränkisch-Crumbach in einige überregionale Medien geschafft. Das Unternehmen German Radar hat Blitzanlagen wieder abgebaut, die es vor ein paar Jahren für die südhessische Gemeinde aufgebaut hatte. Die drei Anlagen waren mit dem Fotografieren von weniger als 150 zu schnellen Autos im Monat einfach hoffnungslos unterbeschäftigt. Bürgermeister Eric Engels findet die Demontage-Aktion gar nicht gut. Er verlangt von German Radar, dass noch mindestens drei Jahre weitergeblitzt wird. So war’s ursprünglich vereinbart.

German Radar bekam für jede erfasste Temposünde eine sogenannte Fallpauschale. Üblich sind laut FAZ Beträge zwischen 5 und 8 Euro. Den Rest des Bußgeldes erhielt die Gemeinde Fränkisch-Crumbach. In diesem Geschäftsmodell sind die Einnahmen von German Radar abhängig vom (Fehl-)Verhalten der Autofahrer. Die haben im Odenwald schneller gelernt, ihre Geschwindigkeit zu drosseln, als vom Fallensteller aus Brandenburg gehofft.

Überschlagsrechnung: Eine moderne Blitzanlage kostet mindestens 80.000 Euro, schreibt die FAZ. Bei einer angenommenen Fallpauschale von 6,00 Euro und drei jeweils 80.000 Euro teuren Anlagen wären 40.000 Fälle erforderlich, um die Investitionssumme abzudecken. Diese Break-Even-Menge ließe sich erst nach 18 Jahren und 8 Monaten erreichen, wenn in den ersten beiden Jahren zwar insgesamt 10.000 Zuschnellfahrer erwischt werden, anschließend aber nur noch 150 pro Monat.

Es gibt für Kontrollanlagen lukrativere Plätze. German Radar hat zum Beispiel für die hessische Gemeinde Wetter sechs Hochleistungsblitzer aufgestellt. Die kosten zwar 300.000 Euro pro Stück, decken aber auch beide Fahrtrichtungen ab und knipsen Verkehrsteilnehmer von vorne und hinten. Die sechs Anlagen waren im Frühjahr 2012 startklar und haben bis Ende 2012 rund 70.000 Verstöße erfasst.

Das Pay-per-Use-Preismodell “Fallpauschale” ist in der Blitzerbranche noch recht jung. Die hergebrachten Alternativen: Gemeinden kaufen oder mieten die Blitzsäulen. Im BWL-Jargon war die Einführung von Fallpauschalen eine Geschäftsmodellinnovation. Mit neuen oder veränderten Geschäftsmodellen versuchen Unternehmen (oft sind es Newcomer), die Bedürfnisse der Kunden passgenauer zu befriedigen als die Konkurrenz. So lassen sich bestehende Marktstrukturen aufbrechen. Auf der Internetseite von German Radar stand für eine Weile: “Jetzt mischen wir den Markt so richtig auf” [→ Anm. 2].

Die Wirkungen eines Fallpauschalen-Modells sind leicht nachzuvollziehen: Die Gemeinde spart die hohen Anschaffungskosten und hat auch keine monatlichen Fixkosten durch die Anlagen. Die Deckungsbeiträge, die sich mit Bußgeldbescheiden erwirtschaften lassen, werden durch die zu zahlenden Fallpauschalen geschmälert [→ Anm. 3]. Dafür verschiebt sich das “Beschäftigungsrisiko” einer selten ausgelösten Blitzeranlage in Richtung des Dienstleisters. Dessen wirtschaftlicher Erfolg ist – anders als bei Verkauf oder Vermietung der Anlagen – von den rasenden “Endkunden” abhängig.

Ob die Stadt Ulm ihre zehn Messanlagen gekauft hat, gemietet hat oder Fallpauschalen zahlt, weiß ich nicht. Die neue Blitzersäule in der Olgastraße hatte jedenfalls einen erfolgreichen Start – finanziell gesehen (→ Augsburger Allgemeine). Die größte Cash Cow der Ulmer Verkehrsüberwachung bleibt aber wohl die Anlage, die nahe dem Blaubeurer Ring stadtauswärts auf der linken Seite der B10 steht. Im Jahr 2014 wurde dort 42.000-mal geblitzt, insgesamt in Ulm 100.000-mal. 25 Euro mussten Temposünder durchschnittlich zahlen. So brachten die stationären und mobilen Geschwindigkeitskontrollen 2,5 Millionen Euro in die Ulmer Stadtkasse.

Anmerkungen:
[1] Am 21. Januar 2016 berichtete die Südwest Presse, dass der Raser mit einem relativ milden Strafbefehl davonkommt (siehe: “Strafbefehl gegen Raser”). Ein Gutachter hat ermittelt, dass er mit mindestens 102 km/h durch die Olgastraße gerast ist.[↑]
[2] Auf der aktuellen Internetseite von German Radar habe ich den Spruch nicht mehr gefunden. FAZ-Redakteur Walter Wille hat in seinem Artikel “Zur Säule erstarrt” im Juli 2013 von der kecken Ankündigung berichtet.[↑]
[3] Deckungsbeiträge sind die Differenz von Umsatzerlösen und variablen Kosten. Erlöse erzielt eine Gemeinde durch die eingenommenen Bußgelder. Variable Kosten entstehen durch den Verbrauch von Papier und Druckertinte für die Bußgeldbescheide, das Briefporto sowie die zu zahlende Fallpauschale.[↑]