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Didi Hamann glaubt nicht an den Videobeweis im Fußball – ich schon.

Dietmar “Didi” Hamann war Profifußballer. Zwar hat er 106 seiner ca. 370 Profispiele für den FC Bayern München bestritten. Aber Schwamm drüber! Am 25. Mai 2005 wurde Hamann in der Halbzeitpause des Champions League-Finales für den FC Liverpool eingewechselt. Die Reds lagen gegen den AC Mailand 0:3 zurück. Aber zwischen der 54. und 60. Minuten trafen Gerrard, Šmicer und Xabi Alonso – 3:3. Liverpool gewann schließlich das zweitdenkwürdigste CL-Finale aller Zeiten im Elfmeterschießen. Dieter Hamann verwandelte den ersten Elfer für den FC [→1].

Heute lebt Didi Hamann in England und arbeitet als Fußballexperte. Vor wenigen Tagen hat er sich zum Thema Videobeweis geäußert. Sein Fazit: Der Videobeweis ist “absolut unrealisitisch”. Ich glaube, Hamann ist im Elfmeterschießen deutlich besser als im Vorhersagen technologischer Entwicklungen.

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Hamann befürchtet, dass die Unterbrechungen zur Prüfung des Videomaterials ein Spiel “komplett zerreißen” würden. Als vielbeschäftigter Beobachter der englischen Premier League und der deutschen Bundesliga hat Hamann offenbar nur Zeit, sich in der Fußballwelt auf dem Laufenden zu halten. In anderen Sportarten ist der Videobeweis schon im Einsatz, ohne ständig zu minutenlangen Pausen zu führen. Video-Referees werden sinnvollerweise nur in spielkritischen Situationen eingeschaltet. Im Hockey kann zum Beispiel jede Mannschaft einmal pro Halbzeit eine Entscheidung im Schusskreis anzweifeln. Haben die Spieler recht, behalten sie ihr Recht auf einen weiteren Einspruch.

In diesem 2-minütigen Youtube-Video kann man sich das Eingreifen eines Video-Referees beim Hockey anschauen [→2].
Auch sehenswert: Der Schiri trägt eine GoPro-Kamera. Als Zuschauer ist man mittendrin und nicht nur dabei.

Beim Rugby heißt der Video-Schiri Television Match Official (TMO) und kann vom Schiedsrichter auf dem Feld angerufen werden, wenn es um die Gültigkeit von Versuchen und um Foulspiel geht. Zugegeben, bei der Rugby-WM, die gerade in England stattgefunden hat, wurde die Rolle der TMOs teilweise kritisiert. Rugby-Fans war bei manchen Spielen die Zahl der Unterbrechungen zu hoch. Die Pro-TMO-Fraktion kann aber z. B. auf die Korrektur einer Fehlentscheidung durch den TMO verweisen: Im Spiel gegen England wurde ein vermeintlicher Versuch der Fiji-Inseln richtigerweise nicht gewertet [→3].

Das Konzept, Videobeweise beim Hockey nur einzusetzen, wenn es um Entscheidungen im Schusskreis geht, lässt sich gut auf den Fußball übertragen. Kassiert eine Mannschaft ein Tor, kann sie untersuchen lassen, ob es korrekt zustandekam. Zu häufige Einsprüche werden durch eine Obergrenze vermieden, z. B. 2 Vetos pro Spiel. Zur Vermeidung unschöner Spielpausen schlage ich den Fußballern außerdem noch eine ganz andere Maßnahme vor: Auswechselungen finden ohne Spielunterbrechung statt.

Didi Hamann bringt noch eine weitere Sorge zur Sprache. Der Videobeweis würde die Autorität des Schiedsrichters untergraben, wenn seine Entscheidungen ständig aufgehoben würden. Dieses Argument verpufft, wenn man aus einer anderen Perspektive schaut. Wie anerkannt ist denn ein Schiri, dessen Fehlentscheidungen erkannt, aber nicht korrigiert werden?

Der Hockey-Schiedsrichter Christian Blasch hat der FAZ vor fünf Jahren ein lesenswertes Interview gegeben. Er meint: “Ich finde es schwierig, wenn jeder Depp im Wohnzimmer nach ein paar Sekunden in der Zeitlupe sieht, dass du als Schiedsrichter falsch gelegen hast, aber es nicht korrigiert werden kann”. Seine Autorität, sagt Brasch, habe unter der Einführung des Videobeweises im Hockey “überhaupt nicht gelitten, eher im Gegenteil. Es geht ja nur um ein, zwei Situationen im Spiel, und aus denen nimmst du die ganzen Emotionen heraus”.

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Mit dem Videobeweis kann sich Dietmar Hamann also nicht anfreunden. Um die Qualität der Entscheidungen zu verbessern, empfiehlt er stattdessen: “Wichtig ist, dass wir die Schiedsrichter besser schulen“. Mich erinnert das an die Abwehrreaktion der Fußballtraditionalisten, als vor ein paar Jahren die technischen Hilfen zur Torlinienkontrolle diskutiert wurden. Hawkeye, Chipball & Co. Bevor die Technik zum Einsatz kommen durfte, wurden bei wichtigen internationalen Spielen erst einmal Extraschiedsrichter an den Torlinien postiert. Innovationsexperten bezeichnen solche Klimmzüge zur Optimierung bisheriger Lösungen als Sailing-Ship-Effekt. Der ist häufig zu beobachten, wenn eine neue Technologie auf der Bildfläche erscheint. Die Unterstützer der etablierten Technologie können den Wechsel meist aber nicht verhindern, sondern nur verzögern. Hierzu gibt es ein ausführliches Posting vom August 2012 (→ “Was haben Torlinienrichter und Segelschiffe gemeinsam?”)

Mit seiner Skepsis gegenüber Videos und Instant Replays ist Fußballkenner Hamann nicht alleine. Ende 2014 kündigte Wolfgang Niersbach den Einsatz von Hawkeye-Systemen ab der Bundesligasaison 2014/15 an. Damit wäre aber, so der Noch-DFB-Präsident, “eine absolute Grenze” für die Anwendung technischer Hilfsmittel erreicht. Allerdings wächst die Zahl der Videobeweis-Befürworter. Herbert Fandel ist Vorsitzender der DFB-Schiedsrichter-Kommission und würde Videobeweise gerne im Profifußball testen (→ Spiegel Online).

Lieber Didi Hamann, über die Zukunftschancen des Videobeweises im Fußball können Sie ja nochmal nachdenken. Dabei bitte den Tipp Ihres ehemaligen Mannschafts- und heutigen Expertenkollegens Lothar M. beachten: keinen Sand in den Kopf stecken!

Anmerkung(en):
[1] Hamanns Elfmeter kann man sich → hier in einer 20-minütigen Zusammenfassung des 2005er Finales auf Youtube anschauen.
In meinem persönlichen CL-Finale-Ranking wird der 25. Mai 2005 nur vom → 26. Mai 1999 übertroffen.[↑]
[2] Die strittige Situation ist etwas für echte Kenner(innen) des Hockey-Regelwerks. Ich danke deshalb dem → Hockey-Sachverständigen der Familie Wettengl sehr herzlich für seine Hinweise:
Der blaue Torwart wehrt die Strafecke hoch ab. Der Ball fliegt auf einen Angreifer (orange) zu und trifft ihn am Oberkörper. Die hohe Abwehr war gefährliches Spiel, und es hätte erneut eine Strafecke geben müssen. Der Ball prallt vom Oberkörper des einen zu einem zweiten Angreifer. Der schießt auf’s Tor. Der Ball trifft den Fuß eines blauen Verteidigers, der auf der Linie steht. Der Schiri gibt Siebenmeter wegen des Fußtreffers. Er meinte, die hohe Abwehr des Torwarts sei vom Schläger des Angreifers abgeprallt. Deshalb ließ er wegen Vorteils die Situation weiterlaufen. Die Videobilder zeigten aber dem Videoschiri, dass der Spieler den Ball auf den Oberkörper und nicht an den Schläger bekommen hat. Weil der Ball nur mit dem Schläger, aber nicht mit dem Körper gespielt werden darf, durfte hier also nicht auf Vorteil entschieden werden.[↑]
[3] Für das Bild am Anfang des Postings habe ich Dietmar Hamann vor ein Hintergrundfoto kopiert, das beim Rugbyspiel der Fiji-Inseln gegen England am 18.09.2015 entstanden ist. Der große Monitor zeigt die Entscheidung “No Try” (kein Versuch) des TMO.[↑]

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Didi Hamann ist in seiner Kickerkarriere auf dem Platz Hunderten von Schiedsrichtern begegnet. Den Einsatz eines Video-Referees hat er aber nicht selbst erlebt und nun sieht er vor allem die möglichen Probleme. Die typische Skepsis eines “alten” Experten gegenüber dem Neuen hat der Zukunftsforscher und Science Fiction-Autor Arthur Clarke vor 50 Jahren bei der Formulierung seines ersten “Gesetzes” berücksichtigt.

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