Fords F-150 mit Alu-Karosserie und 2.7l-Ecoboost-Motor

2 liters is a softdrink not an engine size.
US-amerikanische Autofahrerweisheit

Vor zwei Monaten erhielt Ford für den neuen F-150-Pickup den Altair Enlighten Award 2015. Der Preis wird seit 2013 für Innovationen im automobilen Leichtbau vergeben. In der Pressemeldung heißt es zur Begründung:

“Ford’s entry […] was selected as the winner for taking 700 pounds (318 kg) off of the Ford F-150 while improving its performance, safety, and efficiency. Ford engineers took a holistic approach to weight reduction by incorporating advanced materials into the entire design of the vehicle, including the frame, body, powertrain, battery and interior features such as the seats. The weight savings help the truck tow more, haul more, accelerate quicker and stop shorter, and it contributes to fuel efficiency.” (Hervorhebungen nicht im Original).

Ein ganzheitlicher Ansatz zur Gewichtsreduzierung, der das Design des gesamten Fahrzeugs umfasst. Das klingt – wie bei Pressemitteilungen immer – zwar idealisiert. Aber ich finde den F-150 durchaus auch preiswürdig. Allerdings habe ich nicht auf das gesamte neue Auto geschaut, sondern vor allem die leichte Alu-Karosse und das Motorenangebot. Für den F-150 sind vier Benzinmotoren erhältlich. Neu ist der “kleine” 2.7-Liter-V6 mit Start-Stopp-Automatik. Nur 2,7 Liter Hubraum? Die Zeiten scheinen wirklich vorbei, “in denen Ford lediglich einen Haufen Eisen zu einem Pickup formte, einen dicken V8 hineinsteckte und damit die Entwicklung für abgeschlossen erklärte” (→ auto motor sport).

” ‘Nur’ 2,7 Liter Hubraum weist der kleinste neue Motor auf, ein neuer turbogeladener V6-Benziner aus der EcoBoost-Familie. Der Direkteinspritzer mit Start-Stopp-Technologie soll die Verbrauchswerte gewaltig nach unten drücken. Als Basismotorisierung dient ein ebenfalls neuer 3,5-Liter-V6-Sauger mit variabler Nockenwellensteuerung. Über den beiden rangiert ein weiterer EcoBoost-V6 mit 3,5 Liter Hubraum […]. Wer weiterhin acht Zylinder bevorzugt, bekommt auch im neuen Ford F-150 den bereits bekannten 5.0 V8, der große 6,2-Liter-Motor wird jedoch künftig nicht mehr angeboten.”

Motoren für Fords F-150
2.7l
EcoBoost
3.5l
EcoBoost
3.5l 5.0l
Zylinder
6 6 6 8
Leistung
(@ … U/min)
325 PS
@5750
365 PS
@5000
282 PS
@6250
385 PS
@5750
Drehmoment
(@ … U/min)
508 Nm
@3000
569 Nm
@2500
343 Nm
@4250
525 Nm
@3850
Achsübersetzung
3,55 3,31 3,55 3,55
Verbrauch
(2-Rad-Antrieb)
10,7 l
/100 km
11,8 l
/100 km
11,8 l
/100 km
13,1 l
/100 km
Preisunterschied
gegenüber 3.5l
+ 800 US-$ + 2000 US-$ 0 k.A.
Quelle: → Ford, → consumerreports.org

Mit der Entwicklung des neuen EcoBoost-Motors folgt Ford weiter dem allgemeinen Downsizing-Trend. Alle “EcoBooster” haben eine Direkteinspritzung und sind mit einem Turbolader ausgestattet. Trotz ihres relativ kleinen Hubraums erreichen die Motoren hohe Leistungswerte. Übrigens: Das kleinste Mitglied der EcoBoost-Motorenfamilie ist ein 1.0l-3-Zylinder. Der schaffte von 2012 bis 2014 einen eindrucksvollen Hattrick als Engine of the Year.

Zurück zum F-150: Die beiden EcoBoost-Motoren verkaufen sich gut. 2 von 3 verkauften F-150-Pickups sind mit einem EcoBoost-Antrieb ausgestattet (→ ford.com). Ich habe zwei Testberichte gelesen, die voll des Lobes für die beiden kräftigen V6-Motoren sind. Der 2.7-l-Motor ist kaum teurer als der Standardmotor und nach US-amerikanischen Maßstäben regelrecht sparsam. Außerdem beschleunigt er einen F-150 sogar um 0,2 Sekunden schneller von 0 auf 60 mph als ein 3.5-l-EcoBoost-V6 (7,0 statt 7,2 Sekunden). Dafür ist der große Bruder für Zuglasten bis fast 5 Tonnen ausgelegt (der 2.7-Liter-V6 “nur” für 3,5 Tonnen).

“How did Ford’s smaller engine manage this [acceleration] trick? At least part of the explanation lies in its shorter standard rear-axle ratio, 3.55 versus 3.31 in the turbo 3.5. As that number gets higher it brings better acceleration and towing but worse fuel economy. So in return for endowing the smaller engine with more grunt at the rear wheels, Ford scraped off some but not all of its potential fuel savings.”

Mit anderen Worten: Ein F-150-Antriebsstrang mit “kleinem” 2.7-Liter-EcoBoost-Motor könnte sparsamer ausgelegt werden. Die Ford-Entwickler sind aber auf Nummer Sicher gegangen. Durch die größere Übersetzung wollen sie sichergestellen, dass die 2.7-Liter-Käufer nicht wegen fehlender Power rumnörgeln. Die Begründung für die Verleihung des Altair-Preises ist also treffend formuliert: “The weight savings help the truck [1.] tow more, haul more, [2.] accelerate quicker and [3.] stop shorter, and it contributes to [4.] fuel efficiency.” In dieser Reihenfolge hört sich das ein bisschen so an, als wäre der geringere Kraftstoffverbrauch nur ein netter Nebeneffekt der erzielten Gewichtsersparnis.

Sparsam, aber erfolglos: Audis 3-Liter-A2

Eine ganzheitliche, auf Verbrauchsminimierung gerichtete Entwicklung war der Audi A2 1.2 TDI 3L von 2001. Das “3L” bezieht sich auf den Normverbrauch von 2,99 Liter Dieselkraftstoff auf 100 km. Der Motor hatte 1,2 l Hubraum, leistete 61 PS bzw. 45 kW (bei 4000 U/min) und hatte ein maximales Drehmoment von 140 Nm. Audis 3-Liter-A2 ist weltweit das bisher einzige viertürige, in Serie gebaute 3-Liter-Auto (→ spiegel.de).

Audi A2 mit 1.2l-TDI-Motor und schmalen Reifen (2001)

Der Audi A2 wurde ab 1999 gebaut. Seine leichte Alu-Karosserie half zwar, den Verbrauch zu senken, trieb aber den Verkaufspreis in die Höhe. Nur etwa 176.000 Exemplare des A2 wurden bis 2005 produziert. Zwei Benzin- und drei Dieselmotoren standen zur Wahl. Nur 6450-mal griffen A2-Käufer zum Drei-Liter-Modell. Durchaus verständlich, denn um die 3-Liter-Marke zu knacken, wurden den Käufern des Sparmobils einige Entbehrungen auferlegt. Servolenkung und Klimaanlage gibt’s zum Beispiel im A2 1.2 TDI 3L nicht.

Kurz bevor der Marktzyklus des A2 zu Ende ging, bescheinigte der Motorjounalist Gert Hack den Audi-Entwicklern eine zu einseitige Schwerpunktsetzung:
“Hinter der freiwilligen Leistungsbeschränkung steckte freilich System, nämlich der durchaus vernünftige Gedanke, durch Zurückdrehen der Gewichtsspirale mit weniger Leistung auszukommen. Im Prinzip ist das richtig, geht aber am Kundenwunsch vorbei. Denn der will durch das geringere Gewicht mit höhereren Fahrleistungen belohnt und nicht durch geringe Motorleistung zur Sparsamkeit genötigt werden” [→ Anm. 1].

Fazit: Wenn zuviel Sparsamkeit und zuwenig Leistung schon in der Kompaktklasse zu Problemen führen, liegt Ford mit seinen kräftigen Motoren für den F-150 vermutlich richtig. Bei Pickup-Fahrern bleiben zwei Liter bis auf Weiteres eine Softdrinkgröße [→ Anm. 2].

Anmerkungen:
[1] Genaugenommen bezog sich Hacks Einschätzung sogar auf den stärkeren 3-Zylinder-Diesel im A2-Motorenangebot (1,4 l Hubraum, 4,3 l Verbauch, 75 PS/55 kW).[↑]
[2] Der Kernbotschaft des Spruchs “2 liters is a softdrink not an engine size” bleibt auch deshalb gültig, weil es bei den Softdrinks kein Downsizing gibt. Der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg hatte 2012 für zuckerhaltige Softdrinks ein Ausschankverbot für Becher verkündet, die größer als 16 oz. sind (= 0,47 l). Bloombergs “Big-Soda Ban” wurde aber 2014 letztinstanzlich gekippt (→ New York Times) [↑].

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