Haben Sie schon einmal vom Flettner-Rotor gehört? In den 1920er Jahren wurden solche Segel-Rotoren, die wie überdimensionierte Litfaßsäulen aussehen, zwar kurzzeitig als Zusatzantrieb für zwei Schiffe erprobt (linkes Bild). Die Rotoren, die den Magnus-Effekt nutzen, funktionierten in diesen Schiffen zuverlässig. Dennoch geriet die Entwicklung des deutschen Ingenieurs Anton Flettner (1885-1961) schnell wieder in Vergessenheit und bekam das Etikett “Gescheiterte Innovation” verpasst. Dieselkraftstoff war damals so preiswert, dass sich aus Sicht von Schiffsbauern und Reedereien die Investitionen für Flettner-Rotoren gegenüber den erzielbaren Einsparungen beim Betrieb nicht lohnten. Der ausgebildete Mathelehrer Flettner (links auf dem mittleren Bild) wandte sich übrigens schon Ende der 1920er Jahre der Luftfahrtindustrie zu. Er war nach dem 2. Weltkrieg in den USA erfolgreich, unter anderem als Chefkonstrukteur des Hubschrauberproduzenten Kaman. Ein ähnlicher Lebensweg wie der des Raketenentwicklers Wernher von Braun (rechts auf dem mittleren Bild).

Nach ihrem 70-jährigen Dornröschenschlaf im Abstellraum der Technikgeschichte ist Flettners Rotorenidee heute wieder aktuell. Enercon, eines der weltweit führenden Unternehmen für den Bau und die Installation von Windkraftanlagen, hat das neue “E-Ship 1” für die Belieferung der Baustellen mit vier 27 Meter hohen Flettner-Rotoren ausstatten lassen (rechtes Bild). 2010 brachte 3sat in “nano” einen 5-minütigen Bericht über das Enercon-Schiff. Das Video ist auf YT verfügbar.

Das Beispiel der Flettner-Rotoren zeigt, dass die Markt- bzw. Anwendungschancen einer (neuen) Technologie nicht nur von deren technisch-funktionalem Potenzial abhängen, sondern auch von situativen Einflüssen aus gesellschaftlichen, marktlichen und (konkurrenz-)technologischen Kräftefeldern. Für die Einschätzung der so genannten Technologieattraktivität im Zuge der strategischen Planung ist also maßgeblich, auf welchen (gegenwärtigen oder zukünftigen) Zeitpunkt welche Rahmenbedingungen sich die Bewertung beziehen soll.

Rein batterieangetriebene Elektrofahrzeuge sind ein ähnlicher Fall von Innovation mit Ladehemmung wie der Flettner-Rotor. Es gab solche E-Autos schon um 1900. Ab 1905 waren z. B. in Berlin ca. 50 Exemplare der “Elektrischen Viktoria” als Hoteltaxi und Lieferwagen im Einsatz, bevor Autos mit Verbrennungsmotor ihre elektrische Konkurrenz wieder vollständig verdrängten. Heute liefern knapper werdende Vorräte fossiler Brennstoffe und vor allem das gesteigerte Umweltbewusstsein den Nährboden für eine mögliche Renaissance der Elektrofahrzeuge. Geht es um die Zukunftsaussichten für elektrische Kfz-Antriebe, ist häufig von Szenarien die Rede. Allgemein beschreibt ein Szenario “langfristig denkbare Marktumfeldentwicklungen” (so lautet z. B. die Definition bei den Zukunftsforschern im Daimler-Konzern, siehe hier).

Konkrete Beispiele solcher Zukunftsbilder, liefert eine aktuelle Studie des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) zu Chancen herkömmlicher und alternativer Kfz-Antriebstechnologien. Dort werden drei Szenarien unterschieden: (I) Evolution, (II) Zeitenwende und (III) Strukturbruch. Für das Strukturbruch-Szenario wird angenommen:

“In diesem Szenario wird nicht nur ein verstärkter Druck auf die politischen Entscheidungsträger und die Automobilunternehmen erwartet, sondern auch das Auftreten von neuen Akteuren, die mit ungewöhnlichen Geschäftsmodellen für eine schnelle Akzeptanz neuer Antriebstechnologien sorgen. Die Kosten für motorisierte Mobilität steigen in diesem Szenario sehr stark an und führen unter anderen zu einem verstärkten Auto-Verzicht, insbesondere in den Ballungszentren. Dies hat eine deutliche Abschwächung des Wachstums des weltweiten Automobilmarktes und gleichzeitig eine massive Verschiebung bei den Antriebstechnologien zur Folge.” (Diez/Kohler: Otto-, Diesel- Elektromotor – wer macht das Rennen?, Stuttgart 2010, S. 37)

Unter solchen Rahmenbedingungen, einschließlich sehr hoher Dieselpreise, würde man 2030 auf den Straßen gewiss eine große Anzahl von Hybrid- und Batterieautos sehen. Und auf den Meeren vermutlich eine ganze Reihe von Schiffen mit Flettner-Rotoren.